Geschriebene Kultur

Es war einmal... Jugendliteratur und kulturelle Vielfalt

12.05.2015

Pippi Langstrumpf und Rassismus? Genau mit dieser These brachte Eske Wollrad eine große Diskussion ins Rollen. Der Klassiker wurde schließlich „politisch korrekt“ umgeschrieben. Aber was ist heute? Hat sich etwas an der Konzeption von Kinder- und Jugendbüchern verändert?

Als die Theologin Eske Wollrad im November 2011 einen Vortrag über Rassismus in Kinderbüchern hielt, löste sie eine Diskussion aus, deren Ausmaß sie sich wohl selbst zuvor nicht ausgemalt hatte. Sie ist der Meinung, dass viele alte Kinderbücher rassistische Ausdrücke und Anschauungen vermitteln. Deshalb fordert sie eine Anpassung. Schließlich sei die Aufgabe von Kinderbüchern, den Alltag der Leser widerzuspiegeln um ihn zu erleichtern, erklärte sie in einem Interview. Die Leserschaft verändere sich, also müssen es auch die Perspektive und die Perspektive, aus denen erzählt wird.

Ganz anderer Meinung ist die türkisch-stämmige Journalistin Özlem Tupçu. Sie sprach sich gegen die Änderungen aus, denn dadurch könne Rassismus sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig betont sie, dass es heute auch Minderheiten möglich ist, sich einzubringen. „Und neue Bücher zu schreiben, für eine neue Zeit."

Fakten, Fakten, Folgen

Aber wie sieht diese „neue Zeit" aus? Laut dem deutschen Gewerkschaftsbund hat jeder Vierte zwischen 15 und 25 nicht-deutsche Wurzeln. Bei Kindern unter fünf Jahren ist es laut der Bundeszentrale für politische Bildung etwa ein Drittel. Jedes dieser Kinder bringt einen eigenen Hintergrund mit, eine eigene Kultur, eine eigene Geschichte. Diese Unterschiede gehören für die Kinder wohl schon längst zum Alltag. Aber wie wird in Büchern über sie erzählt?

„Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Bei anderen aktuellen Themen besteht der berechtigte Anspruch, dass sie in der Kinder- und Jugendliteratur reflektiert werden. So sollte das auch mit kultureller Vielfalt sein", erklärt Sonja Matheson, Geschäftsleiterin des Vereins Baobab Books aus der Schweiz. Dieser setzt sich für die offene Darstellung unterschiedlicher Kulturen in Büchern ein. „Es geht aus meiner Sicht nicht darum, einander zu ‚tolerieren‘, sondern das gemeinsame Leben zu gestalten, so dass sich das ‚wir‘ und ‚ihr‘ mit der Zeit auflösen kann."

Ina Lutterbüse aus dem Kinderbuchlektorat des Kosmos-Verlages in Stuttgart sieht das so: „Kulturelle Vielfalt spielt in den meisten Kinder- und Jugendbüchern keine übergeordnete Rolle, sondern ergibt sich aus der Welt der jeweiligen Figuren." Natürlich werde das Thema manchmal auch gezielt aufgegriffen. „In unserer Reihe ‚Unsichtbar und Trotzdem da‘ ist einer der Protagonisten türkischstämmig. Dies entspricht einfach der Lebensrealität der Großstadtkinder. Die Welt in der ein Buch erzählt wird muss nachvollziehbar sein."

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"

Für die meisten Kinder besteht diese nachvollziehbare Welt nicht mehr nur aus deutschen Kindern. „Genauso wie sich an der Lebensart der Kinder etwas geändert hat, hat sich auch die Lebenswelt in Büchern geändert. Egal ob das kulturelle Vielfalt, Umgang mit Medien oder andere Aspekte unseres heutigen Lebens betrifft", beschreibt Lutterbüse. Deshalb würden sich Autoren ganz automatisch mit anderen Kulturen beschäftigen.

Sonja Matheson sieht das kritischer: Offener Rassismus sei zwar selten zu finden, trotz allem bauen viele Geschichten auf Vorurteilen auf. „Meist werden solche Bücher aus einer diffusen Haltung wie ‚Ich meine es nur gut‘ geschrieben, aber das reicht nicht." Dadurch werde die andere Kultur nicht auf Augenhöhe, sondern als Fremdkörper dargestellt, was ein Risiko berge.

Umfrage: Jugendliteratur und kulturelle Vielfalt

Macht es wirklich Sinn, alte Bücher zu verändern, damit sie der heutigen Sprache und Kultur entsprechen? Und wie „echt" muss Kinder- und Jugendliteratur heute sein? Hier die Meinung verschiedener Stundenten der Hochschule der Medien. Bild: Silvana Hengler

Welche Wirkung hat ein Buch?

„Bücher wirken in zwei Richtungen: Einerseits eröffnen sie unbekannte Welten und helfen, Vorurteile zu hinterfragen und abzubauen. Andererseits stellt ein Buch aus einem anderen kulturellen Kontext auch eine Wertschätzung dar", so Matheson.

Beim N-Wort hält sich die Anerkennung wohl eher in Grenzen. „Warum tun wir uns gerade bei diesem Thema mit der Erneuerung der Kinder- und Jugendliteratur so schwer?", fragt sie sich. Schließlich gebe es neben alten Kinderbuchklassikern auch neue Bücher, die aktuell relevante Themen ansprechen.

Auch Ina Lutterbüse findet, dass Jugendliteratur zum Nachdenken über aktuelle Themen anregen kann. „Aber es ist genauso wichtig Bücher zu machen, in denen Kinder und Jugendliche Entspannung und Abstand zur realen Welt finden." Eine Reihe, die dieses Ziel nach wie vor zu erreichen scheint, sind „Die Drei ???" - und das obwohl keiner der Protagonisten aus einer eingewanderten Familie stammt.

Damals wie heute

„In Kinderbüchern geht es hauptsächlich immer noch um dieselben Themen wie vor 50 Jahren, denn diese beschäftigen Kinder genauso wie damals. Freundschaft, Zusammenhalt, Abenteuer, Humor, Liebe, Familie..." erklärt Ina Lutterbüse. All das sind Themen, die offensichtlich an keine Kultur gebunden sind. „Aber natürlich müssen Geschichten, die im heutigen Deutschland spielen, auch eine Stadt so darstellen, wie sie ist", sagt sie.

Sonja Matheson betont, wie wichtig der richtige Blickwinkel auf andere Kulturen ist, um den interkulturellen Dialog zu unterstützen. „Das ist eine Leistung, die von Einheimischen und Zugewanderten gleichermaßen eingebracht werden muss."

Soll ein Buch heute in einer authentischen Welt spielen, muss auch an die kulturelle Vielfalt gedacht werden, da diese für die Zielgruppe zum Alltag gehört. Literatur entwickelt sich wohl mit der Welt der Menschen, die sie lesen. Ganz ohne Regeln, Einschränkungen oder Vorgaben. Wichtig ist es, jetzt und in Zukunft den richtigen Blickwinkel und einen Weg zu finden, spannende Geschichten zu schreiben, die keine Kultur ausschließen oder beleidigen.

Beispiele für Bücher, die im Laufe der Zeit geändert wurden:

„Neger", „Nigger", „Negerlein"... solche Worte finden sich in vielen alten Büchern. In den folgenden wurde der Wortlaut bereits verändert:

Astrid Lindgren - Pippi Langstrumpf

Ottfried Preußler - Die kleine Hexe

Mark Twain - Huckleberry Finn

Versch. Autoren - Lurchis Abenteuer

Enid Blyton - Die fünf Freunde

Buchempfehlungen von Baobab Books:

Baobab Books führt eine Datenbank, in der Bücher vorgestellt werden, die der Ansicht des Vereins nach gut mit kultureller Vielfalt umgehen. Hier ein kleiner Auszug daraus:

Jorge Bocay - Wie der Elefant die Freiheit fand

John Boyne - Der Junge im gestreiften Pyjama

Breccia, Alberto und Breccia, Enrique (Ill.) / Osterheld, Héctor (Text) - Che

Berner, Rotraut Susanne - Hund & Hase

Auer, Martin (Text)/ Spengler, Constanze (Ill.) - Ich das machen! sagt Frau Jovanovic

Die vollständige Liste gibt es hier.

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Über den Autor

Silvana Hengler

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015