Vergessene Pfoten

Etappen in ein besseres Hundeleben

02.06.2016

Ob aus Teneriffa oder Mallorca - die Hunde aus sogenannten Perreras haben einen langen Weg hinter sich. Edgars Geschichte zeigt, wie dieser aussehen kann.

Edgar hat sich bereits gut in Deutschland eingelebt - er liebt die Spaziergänge in Stuttgart-West. |Bild: Jasmin Hauer

Während ich die Rolltreppen hochsteige, schaue ich kurz auf das Display meines Smartphones – kurz nach zwölf Uhr – meine Interviewpartner müssten schon auf mich warten. Als ich oben ankomme, sehe ich sie schon. Jule, bei der Edgar zur Zeit in Pflege ist, steht mit dem Rücken zu mir und studiert den Fahrplan. Als ich nach ihr rufe, dreht sie sich um. Und da erblicke ich zum ersten Mal Edgar. Er ist kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe. Schlappohren, seidiges weiches, kurzes Fell; schwarz-dunkelbraun ist es, mit hellbraunen Schattierungen. Augenbrauen, Schnauze und Po sind von einem rötlichen Hellbraun, wie auch seine Füße – es sieht fast aus, als ob er Socken trägt. Ich hatte erwartet dass er ängstlich oder zurückhaltend sein würde, aber das Gegenteil ist der Fall: neugierig schaut er mich mit seinen braunen Augen an, während er mich schwanzwedelnd begrüßt. Seine Herkunft sehe ich ihm gar nicht an. Seit neun Tagen ist der Mischlingshund jetzt in Deutschland. Ursprünglich kommt er aus Spanien, Teneriffa, um genau zu sein. Ein Spaziergänger hat ihn dort auf dem höchsten Berg der Insel, dem Pico del Teide, gefunden, wo er ausgehungert und verängstigt herumstreifte.

Streuner in Teneriffa

Damit ist er kein Einzelfall, denn rund 1.000 Hunde werden in Teneriffa jährlich gefunden. Die zahlreichen Straßenhunde in südlichen Ländern wie Spanien, Italien und Rumänien sind ein großes Problem. Oft werden sie in Perreras gebracht, wo sie getötet werden, wenn sie innerhalb von 21 Tagen nicht weitervermittelt werden können. Besonders die Podencos, eine kanarische Jagdhundart, sind hier oft anzutreffen.

Aus diesem Grund gibt es Tierheime, wie Valle Colino bei La Laguna, welche die wilden Hunde und Katzen mit Futter und Fallen einfangen und dann weitervermitteln. Das muss möglichst schnell geschehen, denn Valle Colino kann nicht mehr als 400 Tiere auf einmal aufnehmen. Hierfür stellen sie Bilder und Charakterprofile der Tiere auf ihre Website und kommunizieren mit Tierschutzvereinen, die sich bestimmte Hunde heraussuchen, die vom Charakter her gut weitervermittelt werden können. Valle Colino hat derzeit Kontakt zu drei solcher Vereine. Einer davon ist Vergessene Pfoten Stuttgart e.V., der jährlich etwa 200 bis 250 Hunde vermittelt. Von ihm wurde Edgar übernommen und nach Deutschland gebracht. Wie, kann man auf folgender Karte nachverfolgen.

Türsymbol im linken oberen Eck anklicken, um Etappen zu öffnen. |Grafik: Jasmin Hauer via Google My Maps

Zuhause in Stuttgart

Derzeit wohnt Edgar in Pflege bei Jule – sie hat gerade ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen. Ich begleite die beiden auf einem Spaziergang. „Anfang des Jahres hatte meine Mitbewohnerin einen Hund von Vergessenen Pfoten in Pflege – ich habe ihr dabei geholfen und war auch öfter mal mit ihm alleine spazieren." Bevor sie ins Berufsleben einsteigt, hat sie noch etwas Zeit und sich gedacht, dass sie sich bis dahin um einen Hund kümmern könnte. „Wir haben dann öfter auf die Website geschaut und vor zweieinhalb Wochen sind wir dann auf Edgar gestoßen. Er hat mir vom Bild und der Beschreibung gefallen." Endgültig entschlossen hat sie sich dann am Montagabend und daraufhin Denise, die bei Vergessenen Pfoten für die Hunde aus Teneriffa zuständig ist, geschrieben. „Sie hat sich sehr gefreut, denn Edgars Flugplatz war bereits gebucht, aber er hatte noch keine Stelle in Deutschland. Hätte ich mich nicht gemeldet, wäre er nicht geflogen." Nachdem sie sich gemeldet hatte, waren noch Leute vom Verein bei ihr Zuhause, um Jule kennenzulernen und zu sehen wie sie wohnt. Dann durfte sie ihn vom Flughafen abholen.

Was sind Flugpaten?
Da die Hunde von Teneriffa aus nicht alleine nach Deutschland fliegen können, sind Helfer nötig, die sie zum Flughafen bringen und wieder abholen. Hier kommen die sogenannten Flugpaten zum Einsatz. Flugpaten sind meistens Urlauber, die sich bereit erklären auf ihrer Heimreise Hunde mitzunehmen. Mindestens eine Woche vorher melden sie sich beim Verein und dieser bucht daraufhin die Hundeboxen dazu. Die zusätzlichen Kosten für die Hunde übernimmt der Verein. Da pro Flugzeug drei Hundeboxen an Bord gehen dürfen, ist es nötig, sich frühzeitig mit den Tierheimen abzusprechen. Die Tierschützer vom Verein checken dann gemeinsam mit den Paten ein und geben den Hund beim Sondergepäck ab. Den Flug verbringen sie in einer Transportbox im Frachtraum – manchmal wird ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben, um ihnen den Flug angenehmer zu machen. Hunde, die nicht mehr als sechs Kilo wiegen, dürfen als Handgepäck mitreisen. In Stuttgart holen die Paten die Hunde am Sperrgepäckschalter neben dem Gepäckband wieder ab. Am Ankunftsterminal empfangen ein Vereinsmitglied und die Pflegestelle oder Endfamilie den Hund und die Paten und der Vierbeiner darf die Box wieder verlassen.

Auf der Heimfahrt hat er sich dann gleich hingelegt und an ihre Schwester gekuschelt. Eigentlich war sie darauf eingestellt, dass er ängstlich sein würde, weil der Verein ihn so beschrieben hatte. „Ich hatte was ganz anderes erwartet. Letztendlich war ich dann positiv überrascht. Er ist circa ein Jahr alt – aber er ist so zutraulich, wird gerne hochgenommen, würde am liebsten die ganze Zeit auf dem Schoß sitzen und gekrault werden. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass er als Welpe in einer Familie war."

Lange laufen wir den Talkessel hoch, bis wir über ganz Stuttgart-West schauen können. Edgar kennt die Route gut – die beiden laufen sie jeden Tag.

Da Jule mit Hunden aufgewachsen ist, hat sie ein Grundverständnis für Hunde, ihren Tagesablauf musste sie aber trotzdem umstellen. „Wenn ich frei habe, bleibe ich auch gerne bis elf im Bett liegen – das geht jetzt nicht mehr, denn Edgar muss zwischen acht und neun Uhr nach draußen. Am Anfang hat er zweimal in die Wohnung gepinkelt, aber mittlerweile ist er stubenrein." Etwa alle vier Stunden geht Jule mit ihm spazieren. Dabei treffen die beiden auch oft auf andere Hunde, mit denen er dann spielt und sich auspowern kann. Er versteht sich dabei mit allen Hunden. Das liegt vielleicht auch daran, dass er kastriert ist. Die Hunde von Vergessene Pfoten werden immer kastriert, gechipt und entwurmt abgeben.

Irgendwann geht der Weg in den Wald über und Jule lässt Edgar von der Leine.

Er jagt davon und kracht durchs Unterholz. Hoch und runter rennt er den Hang und zerkaut zahlreiche Stöcke. „Er liebt Stöcke. Darauf rumkauen, kaputt machen – ich nehm’ auch immer welche mit nach Hause. Mein Zimmer sieht dann aus wie ein Schlachtfeld." Als Jule ihn ruft, kommt er wieder zurück. „Das hat sehr früh sehr gut geklappt. Ich habe es ihm mit Leckerlis beigebracht." Sie lässt ihn Sitz machen und lobt ihn. Dann prescht er los. „Er freut sich immer so, wenn er frei ist."

Fast ein bisschen unsichtbar ist er, wenn er durch das Laub tobt, das eine ganz ähnliche Farbe hat.

Am Ende unseres Spazierganges treffen wir noch auf ein älteres Pärchen mit Hündin. Braun und weiß ist sie, mit riesigen Fledermausohren und bernsteinfarbenen Augen. Sie kommt ursprünglich aus Sizilien und ist genau wie Edgar auch etwa ein Jahr alt. Sie wurde auf der Straße in einem Pappkarton gefunden. Das Paar hat sich ganz bewusst für einen Hund aus dem Süden entschieden – sie wollten keinen Hund vom Züchter, sagen sie, und lieber einem Hund, den es schon gibt, die Chance auf ein neues Zuhause geben.

Wie lange Edgar bei Jule bleiben wird, ist noch nicht ganz klar. Der Verein sucht nach einer Endstelle für ihn und auch Jule erzählt auf ihren Spaziergängen den anderen Hundebesitzern, dass er ein Zuhause sucht. „Gestern habe ich zum Beispiel eine Frau kennengelernt, die hat sich ganz arg für ihn interessiert. Die hat mir dann ihre E-Mail Adresse gegeben. Das könnte sein neues Zuhause werden – ist jetzt noch nichts Festes, aber kann schon sein." Auch Edgar könnte die Frau gefallen: sie ist nämlich Bio-Hundekuchen-Bäckerin.

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Über den Autor

Jasmin Hauer

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016