Auslandsadoption

Familie ohne Grenzen

21.07.2015

Nachdem Heike und Gerd Rudolf eine Dokumentation über zwei aus dem Ausland adoptierte Kinder im Fernsehen sehen, entscheiden sie sich, selbst zwei Geschwisterkinder aus Haiti bei sich aufzunehmen. Seit fünf Jahren leben Anaica und Jorlens jetzt bei den Rudolfs – die Geschichte einer schwäbisch-haitianischen Familie.

„Ich konnte selbst keine Kinder bekommen und medizinisch wollte ich nicht bis ans Limit gehen. Deshalb waren wir uns einig: wir adoptieren", erzählt Heike Rudolf. Ein Fernsehbeitrag über zwei aus dem Ausland adoptierte Kinder weckte schließlich ihr Interesse an einer Auslandsadoption. Sie recherchierte, stieß auf die Vermittlungsstelle „HELP a Child" und meldete sich zu einem Seminar an. Danach stand fest: Das Paar will zwei Geschwisterkinder aus Haiti adoptieren. „In Haiti ist die Vermittlungsstelle regelmäßig vor Ort und man bekommt Einblick in die Kinderheime. Die Fröhlichkeit und das Temperament der Haitianer haben uns einfach begeistert."

Der Weg zum Wunschkind

Doch eine Auslandsadoption ist ein langer Weg. Zuerst werden die potentiellen Adoptiveltern geprüft: Gespräche mit dem Jugendamt, Lohnnachweise, Sozialberichte. „Wir mussten auch zum Psychologen, um zu testen, ob wir eigentlich in Ordnung sind". Gerd Rudolf lacht. „Das ist aber auch ok so!", fügt er hinzu. Von der Vermittlungsorganisation und dem Jugendamt seien sie dabei gut unterstützt worden. Eine ganz andere Herausforderung war die Bürokratie im Heimatland der Kinder. Denn in Haiti änderten sich die Gesetze dauernd, weiß Heike Rudolf. „Bis zum Moment, wo man die Papiere der Kinder in der Hand hat, bleibt es spannend, ob auch wirklich alles klappt."

Bis dahin vergingen bei den Rudolfs rund zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit. Teil davon war auch eine Besuchsreise nach Haiti, bei der das Paar „ihre" Kinder kennenlernten: Die Geschwister Jorlens und Anaica, die im Kinderheim lebten, weil ihre leiblichen Eltern nicht für sie sorgen konnten. „Sie waren genau so, wie sie beschrieben worden waren und passten perfekt zu uns. Aber ihr gesundheitlicher Zustand war beängstigend! Das Schwierigste war, die Kinder zurücklassen zu müssen. Jorlens war so krank, ich hatte furchtbare Angst, ob er überhaupt überlebt", erzählt die Adoptivmutter. „Aber um Alles in der Welt hätten wir ihn nicht mehr hergegeben."

Frisches Familienglück – neue Herausforderungen

Im Sommer 2010 konnten die Rudolfs den dreijährigen Jorlens und die fünfjährige Anaica schließlich aus dem haitianischen Kinderheim abholen. „Man hat da so seine perfekten Vorstellungen vom ersten gemeinsamen Frühstück oder Baden im Hotel", beschreibt Heike Rudolf. Der neue Alltag als Familie entpuppte sich aber als echte Herausforderung. Jorlens war so traumatisiert, dass er die neue Adoptivmutter in den ersten Wochen nicht losließ und kein Wort sprach. Seine Schwester Anaica war hingegen „ein kleiner Wirbelwind", beschreibt es Heike Rudolf. „Die hatte keine Minute Ruhe und man musste dauernd aufpassen, dass sie nirgends runterfällt."

Deutsch haben Jorlens und Anaica schnell gelernt. Schwieriger war es für sie anfangs, sich in das starre Schema des deutschen Schulsystems einzufinden. Hier standen die Eltern im Zwiespalt zwischen dem Leistungsdruck der Schule und den Bedürfnissen ihrer Kinder. Denn besonders Anaica wurde nicht von allen Lehrern unterstützt. „Es gab schon Situationen, da saßen wir zusammen und haben überlegt, wie es jetzt weitergeht", erzählt Gerd Rudolf. Heute gehen beide Kinder gern zur Schule. Anaica wird im Sommer auf ein Gymnasium wechseln.

Jorlens und Anaica Rudolf und ihr deutsches Leben

Jorlens und Anaica Rudolf sind zwei aus Haiti adoptierte Kinder. Sie erzählen von ihrem Alltag, ihren Wünschen und Zukunftsvorstellungen. (Bilder: privat/Elena Riedlinger)

„Bauchg’fühl" und Offenheit

Wie man sich am besten durch alle Schwierigkeiten schlägt? Mit „Bauchg‘fühl", verrät Gerd Rudolf. Wichtig sei es auch, die Kinder ein Stück weit so zu belassen wie sie sind, findet seine Frau. Sie freut sie sich über die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, die die Beiden versprühen. Auch dass die Familie und Freunde voll und ganz hinter ihnen stehen, habe dem Paar geholfen. „Es war sicher ein Vorteil, dass wir beide gut hier im Ort integriert sind und nicht anonym in einer Großstadt leben. Das Umfeld war immer ganz, ganz positiv.", betont Heike Rudolf.

Familie Rudolf geht sehr offen mit ihrer Geschichte um – aus Überzeugung heraus und dem Wunsch, zu helfen. „Wir haben uns gefragt: Was können wir dem Land zurückgeben, das uns zwei Kinder geschenkt hat?" Und da sie selbst über eine Dokumentation auf das Thema Auslandsadoption aufmerksam geworden waren, lassen sie sich auch selbst über zwei Jahre von einem Filmteam begleiten. Sie sind der Meinung: „Wenn unsere Geschichte verfilmt wird und dadurch ein Kind aus dem Kinderheim herauskommt, hat sich die Mühe gelohnt!"

Zwischen Schock und Freude

Acht Wochen nach der Adoption schockt die Nachricht vom großen Erdbeben in Haiti die Familie. Gerd und Heike Rudolf beschließen, zu helfen und starten die größte private Spendenaktion der Raiffeisenbank Donau-Heuberg. Fast 200.000€ kommen für die Katastrophenhilfe zusammen. Gerd Rudolf selbst reist noch einmal nach Haiti, um dort beim Wiederaufbau des Kinderheims zu helfen. Seitdem besuchen die Eltern Haiti regelmäßig, um verschiedene Projekte, wie eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, zu verwirklichen. Das Land ist buchstäblich ein Teil der Familie geworden.

Schwarze Mama, weiße Mama

Wie oft Haiti in der Familie Thema ist, das richte sich ganz nach den Kindern, so Heike Rudolf. „Von Anfang an war klar: Es gibt eine schwarze Mama und eine weiße Mama. Genauso gibt es einen schwarzen Papa und einen weißen Papa. Wir gehen auf die Kinder ein und beantworten ihre Fragen. Für uns ist es einfacher, ihnen Bilder von den leiblichen Eltern zeigen zu können, als sagen zu müssen, wir wissen nichts." Diesen Sommer steht wieder eine Haiti-Reise an, diesmal mit den Kindern. Sie sollen ihre ehemalige Heimat Port-au-Prince kennenlernen. Auch ein Treffen mit ihren leiblichen Eltern von Jorlens und Anaica ist geplant. Gerd Rudolf hat sie bereits einmal getroffen und findet: „Die sind eine sehr sympathische Familie, die nur das Beste für ihre Kinder wollte. Sehr fröhliche Menschen – genau wie wir."

Auslandsadoption

Für Adoptionen innerhalb Deutschlands gibt es meist mehr Bewerber als Kinder, bei Auslandsadoptionen ist das andersherum. Viele Waisen, oder Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, leben in Kinderheimen in Ländern mit wenig Zukunftsperspektiven. Für eine Auslandsadoption gibt es je nach Herkunftsland unterschiedliche Voraussetzungen. Meist wird ein Mindestalter von 25 Jahren und eine Mindestehezeit gefordert. Auch alleinstehende Frauen können adoptieren. In jedem Fall sind aber gesicherte Einkommensverhältnisse und ein Sozialbericht nötig.

„HELP a child" e.V.

Die Auslandsvermittlungsstelle für internationale Adoptionen „HELP a child e.V." vermittelt Kinder aus den Ländern Haiti, Kenia, Burkina Faso und Mali und unterstützt Paare auf dem Weg zur Adoption. Ein Adoptivkind kann man sich nicht aussuchen, sondern die Vermittlungsstelle macht Vorschläge aufgrund von Beschreibungen der potentiellen Adoptiveltern und der Kinder.

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Über den Autor

Elena Riedlinger

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015