Legalisierung von Pyrotechnik

Feuer frei im Stadion

03.12.2016

Illegales Abbrennen von Pyrotechnik in deutschen Stadien sorgt jedes Jahr für Schlagzeilen. Der Ruf von Sicherheitsbehörden und Politikern nach schärferen Kontrollen und höheren Strafen wird lauter und dennoch schaffen sie es nicht effektiv, das Spiel mit dem Feuer zu unterbinden. Könnte eine Legalisierung von Pyrotechnik die Sicherheit in deutschen Fanblöcken verbessern?

SAMSUNG CSCPyrotechnik gehört fest zur Fankultur und kommt trotz der bekannten Gefahren und Verbote in den Stadien zum Einsatz. | Quelle: Lukas Zeth

Samstag 15:30 Uhr, die Mannschaften betreten das Spielfeld. Es ist das Stadtderby und die Stimmung ist aufgeheizt. Auf den Stehplätzen im Fanblock: mehrere Männer mit schwarzen Kapuzen über dem Kopf und dunklen Sonnenbrillen. Kurz verschwinden sie unter einer großen Fahne, damit die Stadionkameras sie nicht mehr sehen. Eine Minute später stehen sie mit roten Leuchtfackeln am Stadionzaun und schreien ihre Begeisterung und Leidenschaft für den Fußball in das Stadion. Im Hintergrund, vom bunten Rauch und brennenden Licht umhüllt, eine Choreographie der übrigen Fans mit Fahnen, Doppelhaltern und Gesängen.

Leuchtfackel, Seenotlichter oder bengalisches Feuer, kurz Bengalo. All dies fällt in die Kategorie Pyrotechnik und ist im deutschen, wie im internationalen Fußball, fest in der Fankultur verankert. Zu besonderen Spielen zünden Ultras, also die gut organisierten und besonders leidenschaftlichen Fans, Pyrotechnik in den Stadien. Unter unsicheren und schwer zu kontrollierenden Bedingungen, riskieren sie Stadionverbote, hohe Geldstrafen und die Verletzung von sich selbst oder Unbeteiligten. Außerdem verstoßen sie meist wissentlich gegen das Sprengstoffgesetz und riskieren eine Anklage wegen Körperverletzung, da es in den vollen Fanblöcken leicht zu Verbrennungen mit den bis zu 2500 °C heißen Leuchtfackeln kommen kann. Die Risiken sind allen bekannt, aber weder der DFB, noch die Fußballvereine oder die Polizei haben es in den letzten Jahren geschafft, Bengalos aus den Fankurven effektiv zu verbannen.

Warum also nicht die Pyrotechnik aus der dunklen Illegalität holen und einem kontrollierten Abbrennen zustimmen, um somit die Gefahr von Verletzungen zu minimieren? Gleichzeitig könnten die Ultras in einer, mit Vereinen und Behörden abgesprochenen Form, ihre Begeisterung zeigen.

Die Gründe, die gegen eine Legalisierung von Pyrotechnik sprechen, sind klar zu benennen – aber was spricht dafür? Es kam in der Saison 14/15 laut dem Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei Nordrhein-Westfalen in den ersten drei deutschen Ligen zu offiziell 84 Verletzten in Folge von Pyrotechnik, die als „Unbeteiligte" kategorisiert wurden. Dennoch wird Pyrotechnik häufig mit Gewaltbereitschaft in Verbindung gesetzt.

„Die Verwendung von Pyrotechnik ist nicht gleich Gewalt." (Angela Furmaniak)

Arbeitsgemeinschaft Fananwälte
Angela Furmaniak, Rechtsanwältin mit über 20 Jahren Berufserfahrung und selbst Fußballfan, ist Mitgründerin der „Arbeitsgemeinschaft Fananwälte", ein Zusammenschluss von bundesweit elf Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen. Durch den Austausch von Erfahrungen und Informationen versuchen die Anwälte in den verschiedenen Spannungsverhältnissen – zwischen Fußballfans auf der einen Seite und Behörden und Vereinen auf der anderen Seite – zu vermitteln. Hierbei geht es oft um die Aufhebung eines Stadionverbotes oder Beratung/ Verteidigung von Fußballfans in Strafverfahren.

Die Fachanwältin für Strafrecht Angela Furmaniak setzt sich aktiv für eine Legalisierung der Pyrotechnik ein. Ihrer Meinung nach gehören Bengalos und Leuchtfackeln zur Ultraszene wie Fahnen und Doppelhalter. Also, alles tun für eine Legalisierung?

Mitgründerin der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte, Angela Furmaniak, erklärt warum es gefährlicher ist, das Abbrennen von Pyrotechnik nicht zu legalisieren.

Die Gefahren von Verletzungen wachsen demnach durch die Illegalität von Pyrotechnik und deren Kriminalisierung. Gleichermaßen verlieren Polizei und Vereine die Kontrolle über Ultras und deren Choreographien in den Stadien. Versuche zur gesetzlichen Legalisierung und gesellschaftlichen Akzeptanz fanden mehrere statt.

Ein aussichtsreicher Anlauf zur Legalisierung von Pyrotechnik startete im Jahr 2010. In der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren! – Emotionen respektieren" sprachen Ultras aus 37 Fanszenen mit Vertretern des DFB und der deutschen Fußball Liga, kurz DFL.

Angela Furmaniak spricht über den Verlauf der Pyrokampagne „Pyrotechnik legalisieren! – Emotionen respektieren" aus dem Jahr 2010, den darin enthaltenen Vorgaben und Forderungen und das einseitige Beenden der Gespräche.

Weitere Zugeständnisse der Fans waren unter anderem der Verzicht von Böllern und Leuchtspurgeschossen. Im Gegenzug sprachen sich die Vereine und Verbände für Pilotprojekte zum sicheren Umgang mit Pyrotechnik im Stadion aus. Warum dann der einseitige Abbruch der Gespräche vom DFB? Personalwechsel in den Reihen des Deutschen Fußballverbundes, darunter der Austausch des Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn, sowie Druck der Politik waren sicherlich einige Gründe für ein Scheitern der Initiative, so Furmaniak. Wie geht es also weiter mit den Fans, der Pyrotechnik und dem Verbot?

„Der Ball liegt ganz klar bei den Verbänden, die Fans können im Moment gar nichts tun." (Angela Furmaniak)

Die Zahl der gezündeten Bengalos nimmt zwar statistisch gesehen in den ersten Ligen ab; eine pyrofreie Saison ist dennoch mehr als unwahrscheinlich. Im Moment tritt man also auf der Stelle. Weder Verbände noch Vereine sind zu Verhandlungen bereit, schaffen es aber auch nicht, Pyrotechnik effektiv und dauerhaft aus den Stadien zu verbannen. Fans und Ultras sprechen sich mehrheitlich für den weiteren Einsatz von Bengalos – als Stilmittel ihrer Choreografien – aus und riskieren dabei, neben den Verletzungen und Strafen, auch eine weitere Kriminalisierung und Verschärfung der Sicherheitsauflagen. Somit tendiert der Trend mehr zur Eskalation zwischen den Fußballfans und ihrer Forderung zur Legalisierung von Pyrotechnik und den Verbänden. Laut Furmaniak ist eine Legalisierung in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht in Aussicht. Somit zünden Ultras weiter illegal und riskieren sowohl Verletzungen, als auch immer härter werdende Strafen. Ein Spiel mit dem Feuer.

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Über den Autor

Lukas Zeth

Crossmedia-Redaktion /Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016