Fischerei am Bodensee

Fischers Fritz fischt nicht mehr

11.03.2016

Felchen, Barsch und Zander finden nicht mehr ausreichend Nahrung im drittgrößten Binnengewässer Europas. Der Bodensee ist sauber, doch den Fischen fehlt die Nahrung. Nach Meinung der Fischer könnte dieses Problem durch die Anhebung von Phosphat im Wasser behoben werden. Doch die Politik ist dagegen. Welche Auswirkungen hat die gute Wasserqualität des Bodensees auf die Fischerei?

Ein Fischerboot treibt auf dem See. Auf ihm ein Fischer der seiner täglichen Arbeit nachgeht. Zufrieden mit den Fangzahlen ist er nicht. Denn was er jährlich aus dem See zieht, reicht nur noch schwer zum Überleben. Die Fischerei am Bodensee könnte in Zukunft der Vergangenheit angehören. Um den Bedarf zu decken, müssen jährlich tonnenweise Fisch aus anderen Regionen importiert werden. Aber nicht nur die Fischer, auch Gastronomie und Hotellerie bekommen die sinkenden Fangzahlen zu spüren.

Das Mineral Phosphat

Kaum ein Bereich unseres Körpers funktioniert ohne Phosphat. Es ist in unserem Körper an vielen verschiedenen Stellen vertreten. Zusammen mit Kalzium spielt es eine wichtige Rolle in unserem Körper (Knochenstoffwechsel). Was nicht verstoffwechselt werden kann, wird über die Nieren ausgeschieden.

Phosphat ist in naturbelassenen, eiweißreichen Lebensmitteln wie Milchprodukten oder Hülsenfrüchten gut für den Menschen. Zu viel von künstlich hergestelltem Phosphat – wie zum Beispiel in verarbeitetem Fleisch – kann zu Nierenschäden führen.

Die Problematik

Der Bodensee ist sauber und hat eine sehr gute Trinkwasserqualität. Das dürfte vor allem die Stuttgarter freuen. Denn wie etwa vier Millionen Menschen, beziehen auch sie ihr Trinkwasser aus dem Bodensee. Die gute Qualität des Wassers ist auf den ersten Blick positiv. Allerdings fehlen dem See auch Nährstoffe. Diese werden heutzutage in den Klärwerken größtenteils herausgefiltert. So auch bis zu 98 Prozent des Minerals „Phosphat". Bei Phosphat handelt es sich um einen Nährstoff, der die Nahrungsmenge in einem Gewässer steuert. Es ist für verschiedenste Organismen lebensnotwendig. Durch diesen Mangel fehlt nun der gesamten Nahrungskette – und somit auch den Fischen – die Grundlage für ihr Wachstum.

Die Qualität des Wassers war aber nicht immer so gut wie heute. In den 1970er Jahren wurde der See durch chemische Rückstände aus Dünge- und Waschmitteln „überdüngt". Mitunter ein Grund dafür war der Anstieg der Bevölkerungsdichte rund um den See. Begünstigt durch den Wachstumsbeschleuniger Phosphat aus den Waschmitteln, stieg die Algenbildung im See stark an. Dadurch wurde die Wasserqualität gemindert und der See war kurz davor „umzukippen".

Allerdings bewirkte der hohe Phosphatgehalt ebenfalls ein schnelles Wachstum der Fische, da diese nun Nahrung im Übermaß fanden. Deshalb waren es auch die Fischer, die den zu hohen Phosphatgehalt als erste bemerkten. Um wieder sauberes und hochwertiges Wasser zu bekommen, wurden die Kläranlagen rund um den See aufgerüstet und neue Anlagen gebaut.

Der Bodensee – eine Tourismusregion

Die Region um den Bodensee lebt vom Tourismus. Viele „Erholungssuchende" lockt auch die Artenvielfalt, wie es sie zum Beispiel in den Rieden rund um den See gibt. Welche Auswirkungen hat es für den Tourismus, wenn diese Vielfalt schwindet oder gar fehlt? Was passiert mit der Hotellerie und Gastronomie, wenn wenig oder keine regionalen Fische mehr gibt? Natürlich kann man Fisch aus anderen Regionen ankaufen, um die Nachfrage zu decken. Berufsfischer Roland Stohr sagt dazu aber: „Viele Anwohner und Fischer finden es absurd, den Fischbedarf an einem Gewässer wie dem Bodensee mit zusätzlichen Ankäufen zu decken."

Bodensee Fischerei

Die Fischernetze am Bodensee bleiben oft leer. Die Zukunft der Berufsfischer ist ungewiss.

Für den Einzelnen

Es sind aber nicht nur die Verbraucher, die diesen Trend zu spüren bekommen. Vor allem die Fischer und ihre Familien leiden darunter. Durch die rückläufigen Fangzahlen sind viele Berufsfischer nun gezwungen auf andere Einnahmequellen umzusteigen. Auch Roland Stohr, Berufsfischer aus Wasserburg, leidet unter dem niedrigen Phosphatgehalt des Sees. „Wir diskutieren viel, ob wir uns nicht was anderes suchen sollen in der Familie. Von der Fischerei allein kann man nur noch schwer leben."

Viele seiner Kollegen rund um den See setzen seit Jahren eher auf Touristen und Ferienwohnungen und betreiben die Fischerei nur noch als Nebenerwerb. Auch Stohr kauft seit Jahren Fisch aus anderen Seen dazu, um die Nachfrage decken zu können. „Seit 2011 ist es richtig eingebrochen", sagt er. Die Fangzahlen seien nicht mehr mit denen von vor einigen Jahren zu vergleichen. Auch für seine Söhne steht eine Übernahme des Fischereibetriebs nicht zur Debatte.

Dass sich schon eine minimale Erhöhung des Phosphatgehalts positiv auf die Fischbestände auswirkt, erklärt Stohr an einem aktuellen Beispiel: „Wenn es Starkregenfälle gibt, wie in den letzten Jahren öfter, dann laufen die Klärwerke etwas über. Dadurch sickert ein bisschen mehr Phosphat ins Grundwasser und zurück in den See. Ungefähr zwei Wochen später können wir dann eine Veränderung bei den Beständen feststellen. Die Fische sind dann nämlich größer als sonst."

Phosphat und die Politik

Die Berufsfischer am Bodensee, sowie verschiedene Gastronomen und Vereine fordern eine Anhebung des Phosphatgehalts. Diese Erhöhung widerspricht aber der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Sie gibt den Rahmen für die Qualität eines Gewässers vor. Eine – wenn auch nur leichte – Anhebung des Phosphatgehalts, würde laut der Richtlinie eine Verschmutzung des Sees darstellen. Die Fischer und Fischereiverbände kapseln sich aber klar von dem Begriff der Verschmutzung ab. Es gehe nicht darum, den See zu „verdrecken". Die Fischer sind auf den See angewiesen, leben und arbeiten mit ihm. Ein qualitativ hochwertiges und sauberes Wasser steht für sie an oberster Stelle. Allerdings fordern sie eine minimale und kontrollierte Zufuhr von Phosphat, um das Fortbestehen von Flora und Fauna zu sichern.

Doch Umweltverbände und Politik stimmen dem Vorhaben bislang nicht zu. Doktor Harald Hetzenauer vom Seenforschungsinstitut in Langenargen, äußert sich kritisch zu den fordernden Stimmen aus der Fischerei: „Eine aktive oder passive Düngung eines natürlichen Sees gefährdet sowohl das natürliche Ökosystem als auch das Gleichgewicht der Nutzerinteressen und ist daher mit dem Ziel des Gewässerschutzes unvereinbar." Durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie stehen auch die Politiker unter dem Druck, die Qualität der Gewässer zu halten.

Fischer Stohr und seine Kollegen sind enttäuscht von Bürokratie und Politik. „Aktuell haben wir um die 5 Milligramm Phosphat pro Kubikmeter im See. Um wieder ausreichend fischen zu können, wären 12 Milligramm nötig. Das ist eine Menge, die für den Menschen unschädlich ist. Schließlich kommt Phosphat auch im menschlichen Organismus vor."

Keine schnelle Lösung in Sicht

Tatsache ist, dass den Fischern das Wasser bis zum Hals steht. Auch völlig andere Ideen, wie zum Beispiel eine „Fischsaison" könnten daher eine mögliche Lösung darstellen. Hierbei könnte der Fisch zum saisonalen Lebensmittel, wie zum Beispiel Spargel, werden. Welche Lösung die richtige ist, was mit der Fischerei passiert und wie sich die Entscheidungen der Behörden auswirken, wird wohl erst in ein paar Jahren ersichtlich sein. Ob es für die Fischer dann noch möglich sein wird, ihren Lebensunterhalt wie bisher zu bestreiten, wird sich zeigen.

Infografik Fischerei

Quellen: http://www.themenpark-umwelt.baden-wuerttemberg.de , http://www.petri-heil.ch/wp-content/uploads/2015/09/Tabele-Geamtertrag.jpg , https://www.lubw.baden-wuerttemberg.de/lubw , Interview Roland Stohr, http://www.rettet-den-bodensee.net/geschichte.html

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Über den Autor

Julia Funk

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015