Flüchtlingsprojekt

Flucht ins Grandhotel

29.10.2014

Menschenunwürdige Bedingungen, überfüllte Räume und Misshandlungen. Deutschland ist zunehmend überfordert mit der Unterbringung von Asylbewerbern. Notunterkünfte bieten aus menschenrechtlicher Perspektive zum Teil keine langfristige Lösung. Das Grandhotel Cosmopolis versteht das Flüchtlingsproblem als Ansatz für einen gesellschaftlichen Austausch. Hier wohnen Asylbewerber, internationale Reisende und Künstler unter einem Dach.

Ahmed ist ein Hausbewohner des Grandhotel Cosmopolis. In seinen Händen hält er ein Foto seiner Tochter und seine Duldung. (Foto: Mai Thy Nguyen)

In der Eingangshalle des Cafés fallen zuerst die unterschiedlichen Uhren an der Wand auf. Sie erinnern an alte Wohnzimmeruhren aus vergangenen Jahrzehnten. Ganz rechts hängt eine große weiße Schuluhr. Darunter steht in schwarzer Schrift Port-au-Prince. Die restlichen Uhren zeigen die Uhrzeiten in Gaza, Dadaab, Manila und Lampedusa. Orte, in denen das Flüchtlingsproblem zum Alltag gehört. Die übrigen Wände schmücken zahlreiche Bilder. Kaffee, Tee und warmes Gebäck werden an der bunt leuchtenden Kaffeebar serviert. In der Ecke lädt ein großes Sofa die Gäste zum gemeinsamen Austausch ein.

Dem Grandhotel Cosmopolis ist es gelungen, aus dem ehemaligen Altersheim einen Ort der internationalen Begegnung in Augsburg zu schaffen. Hier treffen Asylbewerber, Touristen, Künstler und die Hoteliers aufeinander. Sie leben und arbeiten zusammen. Ahmed ist einer von ihnen. Ihn und 60 andere Hotelbewohner hat die Regierung in der Gemeinschaftsunterkunft Springergässchen 5 untergebracht – so der offizielle Name des Grandhotels. Vor Jahren ist der gebürtige Algerier aus seinem Heimatland vor der Regierung geflüchtet.

Jeder ist willkommen

„Das Grandhotel ist wie eine zweite Familie", sagt Ahmed und lächelt. Seine Stimme ist klar und deutlich. Er hat es sich in einem Sessel im Hotelcafé gemütlich gemacht. In den letzten Monaten hat er drei Mal die Gemeinschaftsunterkunft gewechselt. Jetzt bewohnt er im Grandhotel ein Doppelzimmer mit einem afrikanischen Asylbewerber. „In anderen Unterkünften gab es manchmal unzumutbare Zustände. Keine Handtücher, Dreck und Dunkelheit", erinnert sich Ahmed. „Ich habe mich wie auf einem Friedhof gefühlt, den Menschen dort geht es wirklich schlecht. Hier im Grandhotel ist alles anders. Hier lacht man viel gemeinsam. Ich werde von den Mitgliedern des Grandhotels unterstützt. Ich fühle mich endlich als Mensch wahrgenommen." Ahmed ist im Grandhotel angekommen. Immer wieder scherzt er mit den Hoteliers hinter der Theke. Andere Bewohner des Hauses und Freunde grüßt er herzlich. „Ich bringe mich gerne in das Projekt mit ein und helfe mit, wo ich kann. Hier helfen so viele Menschen freiwillig mit." Als ausgebildeter Koch bereitet er gelegentlich das Essen für die Gemeinschaft zu.

Das Hotelcafé bietet den Hotelgästen und interessierten Besuchern einen Ort für einen gemeinsamen Austausch. (Foto: Mai Thy Nguyen)

Jeder ist in der Gemeinschaft des Grandhotels willkommen. Das Projekt möchte unterschiedliche Menschen zusammenbringen und den interkulturellen Austausch fördern. Hauseigentümer des Gebäudes ist die Diakonie Augsburg. Verwalter der Wohnräume der Asylbewerber ist die Regierung von Schwaben, die auch die Heimleitung stellt. Der Verein Grandhotel e.V. ist für die alle anderen Gäste, die Gastronomie und das kulturelle Angebot verantwortlich.

Heimat auf unbestimmte Zeit

Ahmed ist seit ein paar Wochen hier und fühlt sich schon sehr wohl. Sein Lächeln verschwindet jedoch, sobald er über das Asylbewerberverfahren spricht. „Es ist sehr mühsam und schwer mit der Ausländerbehörde." Ahmed hat seine Arbeitserlaubnis vor einiger Zeit verloren, als er beim Stehlen erwischt wurde. „Ich sehe meine Fehler, aber 280€ im Monat reichen nicht zum Überleben. Ich habe ein Stück Käse geklaut, da ich kein Geld mehr zum Essen hatte. Ich habe doch eine Tochter, um die ich mich kümmern muss." Die Tochter lebt bei der deutschen Mutter und besucht ihren Vater regelmäßig.

Ahmed lebt mit einer Duldung in Deutschland. Er darf sich hier weiterhin aufhalten, abgeschoben wird er vorerst nicht. Dennoch bescheinigt eine Duldung keinen rechtmäßigen Aufenthalt. Ahmed kann theoretisch jederzeit ausgewiesen werden. „Innerlich bin ich tot. Alle meine Anträge wurden bisher abgelehnt. Ich kann mir keinen guten Anwalt leisten, der mich ausreichend unterstützt. Wer kein Geld hat, ist in diesem Verfahren chancenlos," sagt Ahmed. „Wir Ausländer wollen kein Geld, wenn wir nach Deutschland kommen. Wir sind geflohen und haben auf ein besseres Leben gehofft. Wir möchten vor allem eine Arbeitserlaubnis, weil wir arbeiten wollen". Er spricht fünf Sprachen und verfügt über drei abgeschlossene Ausbildungen. „Wenn das Geld fehlt und man keine Chance auf Arbeit hat, dann ist es kein Wunder, dass die Kriminalitätsrate steigt." In seiner Stimme liegt keine Verbitterung. Seine Tochter gibt ihm Halt. „Ich bin für meine Tochter hier", sagt er und zeigt ein Foto von ihr. „Ich werde alles tun, um ihr ein gutes Leben zu bieten."

Ahmed ist kein Einzelfall. Immer wieder lassen die Bewohner das Grandhotel Cosmopolis hinter sich. Manchmal freiwillig, wenn sie weiterreisen. Manchmal, weil sie zurück in ihre Heimat müssen, aus der sie geflohen sind. „Letztes Jahr konnten wir fast alle Abschiebungen verhindern. Bei zweien sind wir leider gescheitert", erinnert sich Michael Hegele, einer der Gründer des Projekts. Er verbringt fast jeden Tag im Grandhotel. „Wenn jemand einen Abschiebebescheid bekommt und nicht gehen will, dann sind wir als Gruppe gefragt. Hier geht es um Menschenleben, um die Aufrechterhaltung von Menschlichkeit", betont er. „Man muss da kreativ sein und Gesetzeslücken finden. Wir arbeiten ja in unseren Augen nicht mit Asylbewerbern, sondern mit Freunden und Bekannten zusammen."

Ein besonderes Projekt mit normalen Problemen

Das Grandhotel beherbergt diverse Künstlerateliers, die für die Gestaltung der einzelnen Räume verantwortlich sind. Die Hotelgäste sind immer willkommen, sich in das Projekt mit einzubringen. Damit kommt aber nicht jeder zurecht. „Manche können überhaupt nichts mit dem Konzept anfangen. Die ziehen sich in ihr Zimmer zurück. Und wir bekommen gar nichts von ihnen mit", sagt Michael und ergänzt, „wir sind ja eine Institution, die auch ganz normale Probleme hat. Man kann nicht immer alles beschönigen."

Die Inneneinrichtung des Hotels wurde von unterschiedlichen Künstlern gestaltet. (Foto: Mai Thy Nguyen)

Dass Ahmed ein Hausbewohner ist, habe er am Anfang gar nicht gewusst. „Wir dachten anfangs, dass er ein Koch aus Marseille sei, der sich unserer Gruppe angeschlossen hat. Erst im dritten Gespräch hat sich offenbart, dass er hier wohnt". Michael lacht. „Das resultiert aber daraus, dass die Regierung unangekündigt neue Bewohner im Grandhotel einquartiert. Wir werden nie vorab informiert und können sie nicht Willkommen heißen." Die Kommunikation zwischen dem Grandhotel und der Heimleitung ist problematisch. Zu unterschiedlich sind die Ansichten, wenn es um die Unterbringung und den Umgang mit Flüchtlingen geht. „Die Heimleiter haben nie eine interkulturelle Schulung erhalten. Das ist dringend notwendig, denn diese Menschen sind am nächsten an den Asylbewerben dran."

Fritz Graßmann, Vorstand des Diakonischen Werkes in Augsburg, sieht das Grandhotel als mögliches Vorbild für andere Projekte in Deutschland: „Das Grandhotel ist ein wunderbares Leuchtturmprojekt. Dahinter stehen viel freiwilliges Engagement und Kreativität, die für die Realisierung eines solchen Projekts dringend notwendig sind." In Anbetracht der steigenden Asylbewerberanträge ist die Regierung jedoch gezwungen in struktureller und institutioneller Hinsicht pragmatisch zu denken. „Das Grandhotel verursacht organisatorisch schon mehr Arbeit als andere Unterkünfte", fügt Graßmann hinzu. Und trotzdem, das Konzept hat nicht nur ihn, sondern auch viele andere überzeugt.

Inzwischen geht im Grandhotel der Tag zu Ende. Nur noch wenige Besucher sitzen an den Tischen und diskutieren miteinander. Die Musik wird leiser, die letzte Runde wird ausgerufen. Ahmed hat an diesem Tag viel von sich preisgegeben. Plötzlich springt er auf und entschuldigt sich. „Für heute reicht es. Ich kann nicht mehr weiter erzählen. Das Ganze bedrückt mich innerlich sehr. Ich habe jetzt so viel von meiner Geschichte weitergegeben. Aber wenn ich jetzt fortfahre ...", dann bricht er ab. Er lächelt. „Ich will, dass meine Geschichte weiter erzählt wird! Jeder soll erfahren, wie es uns geht." Bevor er sich verabschiedet fügt er hinzu: „Wir sind doch alle gleich. Wir sind alle Menschen."

Grandhotel Cosmopolis - Gemeinschaftsunterkunft, Kreativwerkstatt und Hotelbetrieb

Die Räume des ehemaligen Altersheims wurden von etwa tausend Freiwilligen renoviert und gestaltet. Die Idee der Nachhaltigkeit und Upcycling steht hier groß geschrieben. Das gesamte Inventar stammt aus Spenden und Häuserräumungen.

Facebook-Diskussion

Braucht Deutschland eine Begrenzung der Asylbewerberzahlen? Die Zahl der Asylanträge steigt jährlich. Deutschland ist zunehmend überfordert und die Zustände in einigen Asylbewerberheimen sind zum Teil verheerend. Bundesminister des Innern Thomas de Maizière regte eine bundesweite Debatte an, indem er härtere Auswahlkriterien bei Asylbewerbern forderte. Ist das sinnvoll oder muss die Politik umdenken? Hier kannst Du mitdiskutieren!

Total votes: 508
 

Über den Autor

Mai Thy

Electronic Media Master / Unternehmenskommunikation (Master of Arts)
Eingeschrieben seit: WS (2014/2015)