Altersrollen im Wandel

Forever Youngsters

15.12.2015

„Man ist so alt, wie man sich fühlt“, heißt es immer so schön. Meistens gebrauchen wir diesen Spruch allerdings in Situationen, in denen man seinem Gegenüber nicht aufgrund seines fortgeschrittenen Alters vor den Kopf stoßen will. Doch was heißt schon alt? Der Rentner von heute gehört längst nicht mehr zur „Generation Kaffeefahrt“, sondern bringt sich aktiv in das gesellschaftliche Leben ein.

Alternsforscher Andreas Kruse zum Alterswandel

Der Direktor des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg über aktives Altern und den Alterswandel. Foto: Institut für Gerontologie

Lebenslanges Lernen

Bereits seit zehn Semestern ist Raimund Grunewald wieder Student. An der Universität Stuttgart studiert er Geschichte der Naturwissenschaften und Technik. Er wirkt überdurchschnittlich fit und junggeblieben. Jedoch weicht er mit seinen 66 Jahren ein wenig von dem typischen Studentenbild ab, das sich in unseren Köpfen verankert hat. Was ihn angetrieben hat noch einmal zu studieren? „Am Anfang war ich Gasthörer und dadurch bin ich erst auf den Geschmack gekommen das zu studieren."

Als wäre ein Studium in seinem Alter nicht schon ungewöhnlich genug, so ist er darüber hinaus gerade an seiner Promotionsarbeit zugange. Seinen Ruhestand ganz klassisch zu nutzen, um sich zu erholen hat Grunewald nicht genügt. „Wenn man die Möglichkeit hat mit 60 aufzuhören und das Finanzielle und die Gesundheit noch stimmt, dann kann man noch was machen." Sich einbringen und Engagement zu zeigen gehöre für ihn zum Leben dazu, auch im Alter. „Die ganze Zeit, zumindest so ab 60 nur zu Hause zu sitzen, das könnte ich mir schlecht vorstellen."

Raimund Grunewald studiert Geschichte der Naturwissenschaften und Technik. Foto: Maren Wiesner

Weiterbildung im höheren Alter ist keineswegs ein seltenes Phänomen. Das sieht man daran, dass das Oberseminar des Studiengangs Geschichte der Naturwissenschaften und Technik sehr gut besucht ist – vor allem von „älteren Semestern". Etwa 80 Prozent der Studierenden des Seminars gehören zur Generation 60plus. Das liegt vermutlich auch daran, dass das Weiterbildungsangebot durch die Einführung des Gasthörerstudiums „Studium Generale" deutlich attraktiver wurde. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass man keine Prüfungen ablegen muss und man auch nicht mit einem akademischen Grad ausgezeichnet wird.

Weiterhin gehört laut dem Alternsforscher Andreas Kruse aber auch immer eine gewisse Offenheit und Neugierde dazu, die man sich auch im Alter bewahren sollte. „Das, was mancher vielleicht so gemeinhin mit ‚jung sein‘ umschreiben will ist das, was ich eigentlich gerne Offenheit nenne. Das heißt ‚Ich bin offen für neue Anforderungen, für neue Herausforderungen, für neue Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme. Sowohl für mich, wie für andere Menschen und für neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung.’ Es ist bedeutsam, dass Menschen so lange sie sind eine große Offenheit für Neues zeigen."

Bürgerschaftliches Engagement

Neben der Weiterbildung ist die ehrenamtliche Arbeit eine gefragte Beschäftigung, um im Alter aktiv zu bleiben und sich neuen Aufgaben zu widmen. Stefan Seifert ist sogenannter SeniorPartner des Projekts STARTklar der Stadt Stuttgart. Er und viele andere ehrenamtliche Helfer bereiten Schülerinnen und Schüler auf den Berufseinstieg vor. „Wenn man aus einem Zeitraum, indem man viel und engagiert gearbeitet hat in den Ruhestand geht, dann fehlt einem irgendwas."

Ob ihn die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern jung hält? „Es hilft einem ganz sicher persönlich auch weiter, wenn man sich mit neuen Dingen beschäftigt und das muss man in dem Fall ja auch tun. Man hat auch einen intensiveren Kontakt mit neuen Medien. Ohne WhatsApp zum Beispiel", fügt er schmunzelnd hinzu „wäre ich im Austausch mit den Jugendlichen aufgeschmissen."

Stefan Seifert engagiert sich ehrenamtlich bei dem Projekt STARTklar. Foto: Maren Wiesner

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Edwin Breuer ist ebenfalls SeniorPartner und bereits seit Anbeginn aktiver Unterstützer des Projekts. Das ehrenamtliche Engagement machte schon immer einen gewissen Teil seines Lebens aus. „Wenn man das vorher nicht gemacht hat, macht man es dann auch nicht mehr. Weil es ist ein gewisser Lebensstil, den man entwickelt hat und wenn man den dann noch fortsetzt im fortgeschrittenen Alter, dann ist das eigentlich nur noch eine zusätzliche Aufgabe, der man sich stellen kann."

Was Edwin Breuer für sich selber von der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern mitnehme, sei die jugendliche Unbeschwertheit, die man früher ja auch hatte. Aber wenn man älter werde, sei man dadurch schon viel nachdenklicher und bedachter. Sein Erfolgsrezept, um im fortgeschrittenen Alter rundum zufrieden zu sein? „Ich denke, es gibt noch so viele Perspektiven und noch so viel anzupacken oder noch zu machen, warum soll ich schon aufhören? Da gibt es diesen schönen Ausdruck", fährt er fort „,never give it up’ – das heißt nie aufgeben und gerade die schwierigsten Fälle versuchen zu lösen. Und davon gibt es einige."

Edwin Breuer ist SeniorPartner bei STARTklar und hilft Jugendlichen in den Berufseinstieg. Foto: Maren Wiesner

Was Herr Breuer und Herr Seifert gemeinsam haben ist, dass sie der Gesellschaft mit ihrem Engagement etwas zurück geben möchten. Noch einmal etwas für die Allgemeinheit tun und sich einbringen, „das ist ein Motiv, das wir von nicht wenigen älteren Menschen hören. Dass sie sagen ‚wir hatten die Möglichkeit Bildung in Anspruch zu nehmen, wir konnten uns eine unabhängige, zum Teil auch wirklich finanziell sehr gut gesicherte Existenz aufbauen‘ und das ist natürlich schon auch ein gewisses Bedürfnis, dass wir etwas von dem an die Gesellschaft zurück geben", weiß Andreas Kruse.

Motivation im Alter

Aus gerontologischer Sicht gibt es laut Kruse drei Motive, die uns verstehen lassen, warum ältere Menschen vielfach eine vergleichsweise hohe Aktivität zeigen. Ein erstes Motiv sei die sogenannte Generativität. Das bedeute, dass ältere Menschen ein Verlangen danach haben, den nachfolgenden Generationen etwas weiterzugeben. Denn durch die Weitergabe an nachfolgende Generationen würde so etwas wie eine Erfüllung im Alter gesehen.

Ein zweites Motiv sei, dass man im Kern auch in den nachfolgenden Generationen fortleben wolle. Dabei spricht man auch von „symbolischer Unsterblichkeit". Das hieße, dass man durch das, was man für nachfolgende Generationen getan habe in eben diesen nachfolgenden Generationen weiterleben könne.

Zu guter Letzt sei das dritte Motiv das, was wir Mitverantwortung nennen. Das mitverantwortliche Leben, die Teilhabe an Kultur, an Gesellschaft oder auch die aktive Gestaltung des öffentlichen Raums sei ein zentrales Motiv eines jeden Menschen. Dieses Motiv erlösche nicht im Alter, sondern setze sich bis in das hohe Lebensalter hinein in seinem Einfluss fort, so Andreas Kruse.

Klassische Altersrollen wandeln sich

Die Alterskultur wird gerade gehörig auf den Kopf gestellt. Grund dafür ist der demografische Wandel, der dafür sorgt, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Laut Angaben des statistischen Bundesamts wird der Anteil der Menschen im Erwerbsalter bis 2060 um zehn Prozent zurückgehen. Dagegen wird etwa jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein. Die Baby-Boomer, eine geburtenstarke Generation, die derzeit im Rentenalter ist, ist so agil und fit wie keine Generation zuvor. So gibt es immer mehr „junge Alte", die sich nicht in die Klischees des Alters einordnen lassen.

Der Alternsforscher Andreas Kruse hat für diese Entwicklung folgende Erklärung: „Insgesamt betrachtet geht es natürlich der älteren Generation heute deutlich besser, als den älteren Generationen in der Vergangenheit. Wir können heute auch eine deutlich höhere politische und soziale, kulturelle Aktivität der älteren Menschen finden, als das früher der Fall war. Früher hat sich ja die Aktivität vor allen Dingen auf die Familie bezogen, während heute die Aktivität weit über die Familie hinaus geht."

Gute Aussichten

Unsere Vorstellungen von den Jahren nach dem Ruhestand sind von stark reduzierten Bildern und Klischees geprägt. Das noch immer vorherrschende Bild vom Alter als einer Zeit, in der man sich einzig und allein ruht, ist schon längst nicht mehr zeitgemäß. Es gibt vielfältigere Formen des Alterns und wer aktiv bleibt, kann sich auf einen abwechslungsreichen Lebensabschnitt freuen. Das Sprichwort „Man ist so alt, wie man sich fühlt" ist hinsichtlich der persönlichen Lebenseinstellung letztendlich doch mehr als ein abgedroschener Spruch.

Gerontologie

Gerontologie bedeutet übersetzt Alternsforschung. Sie erforscht durch welche Einflussfaktoren Alternsprozesse mitbestimmt werden. Weiterhin beschäftigt sich die Gerontologie mit den Alterungsvorgängen der Menschen unter biologischer, medizinischer, psychologischer und sozialer Hinsicht. Sie befasst sich auch mit den Fragen worin die Kräfte, die Stärken und die Entwicklungsmöglichkeiten im Alter liegen.

Weitere Informationen

Studium Generale

STARTklar

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Über den Autor

Maren Wiesner

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012