Multikulti

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19.05.2015

Er kommt aus Amerika, sie aus Japan. In Deutschland treffen beide Kulturen aufeinander. Im Interview erzählen sie uns von den kulturellen Unterschieden zum Heimatland und verraten uns unter anderem, was sie von Zuhause vermissen.

Yoko und Alvin empfangen mich in ihrer Wohnung in der Karlsruher Innenstadt. Die beiden kamen vor der Wende nach Deutschland wie sie mir im Laufe unseres Gesprächs erzählen. Als wir in der Wohnung ankommen bittet uns Yoko die Schuhe auszuziehen denn „das hier ist ein japanischer Haushalt". Es mag nur eine alltägliche Gepflogenheit sein, dennoch wird schnell klar, dass wir hier die gewohnte deutsche Kultur hinter uns lassen und von den beiden einen Einblick in das Leben zweier von Grund auf verschiedener Nationalitäten bekommen.

Aus welchen Gründen seid ihr nach Deutschland gekommen?

Yoko: Ich habe in Japan zuerst Kunstgeschichte und dann hier in Deutschland Malerei studiert.

Alvin: Ich bin wegen dem Studium nach Europa gekommen, habe in England eine deutsche Frau kennen gelernt und bin mit ihr nach Deutschland gezogen.

Was war euer erster Eindruck von Deutschland?

Yoko: Mein erster Eindruck war, dass Deutschland gesellschaftlich sehr konservativ ist.

Alvin: Bevor ich nach Deutschland gezogen bin, besuchte ich das Land als reisender Studierender. Ich war kurz in München und danach kam ich durch eine Reisebekanntschaft nach Berlin. Ich kam in einem ganz alten Viertel an und fühlte mich in die 30er Jahre zurückversetzt.

Gibt es etwas aus eurer alten Heimat, das ihr in Deutschland vermisst, weil es das hier so nicht gibt?

Yoko: Also als „alte" Heimat bezeichnen wir Japan und Amerika nicht, es ist und bleibt unsere Heimat.

Alvin: Wir beide haben nie bewusst gesagt, dass wir unsere Heimat verlassen, um in ein anderes Land zu immigrieren. Wir gehören eigentlich zur ersten oder zweiten Welle von industriellen Wanderern. Wir glauben, dass wir die Freiheit besitzen andere Länder zu bereisen und trotzdem jederzeit wieder nach Hause können.

Yoko: Wir sind ja nicht in erster Linie wegen dem Beruf oder des Studiums nach Deutschland gekommen. Es ging um das inhaltliche Interesse des Landes und für uns ist das zufälligerweise auf Deutschland gefallen. Das ist nicht wie jetzt zum Beispiel bei einer türkischen Familie, die wegen der Arbeit nach Deutschland kam und dann über mehrere Generationen hier lebt. Wir halten uns offen, wann und ob wir in ein anderes Land gehen oder ob wir nach Japan oder Amerika zurückkehren.

Um nochmal auf die Frage zurück zu kommen.

Alvin: Neben der Familie vermisst man natürlich auch so Dinge wie das Essen. Besonders an Feiertagen wie zum Beispiel Weihnachten. Man lernt aber auch neues Essen kennen. Dazu kam noch, dass ich die Natur vermisse. Ich bin sehr viel Natur gewöhnt. Man sagte mir „Wir haben hier Wälder", aber für mich waren das keine Wälder, das waren Baumplantagen. Gradlinig, das Unterholz wurde jede Woche weggeräumt und man sah keine Tiere. Auf der anderen Seite hat es mich sehr fasziniert, dass es hier so viele Orte mit Kultur gibt. In meiner Gegend muss man 3 Stunden fahren bis zum nächsten Dorf, dazwischen gibt es nichts.

Yoko: Was ich sehr vermisst habe, war das Essen…

Alvin: Das ist sehr schwer für Japaner, die sind ein bisschen wie Franzosen. Die leben um zu essen.

Gibt es heute noch kulturelle Unterschiede im Alltag, die euch befremdlich vorkommen?

Alvin: Etwas was mir und auch anderen Amerikanern aufgefallen ist, ist, dass die Deutschen einen anderen Sinn für persönliche Distanz haben. Sie haben keine Probleme damit wenn man sich zufällig berührt. Wenn ich zum Beispiel in einer Schlange stand und dann jemand neben mir war, hat er mich Schulter zu Schulter berührt und gedrückt. Für uns Amerikaner ist das ein No-No.

Yoko: Die Deutschen sind da ein bisschen rauer.

Alvin: Die Deutschen waren damals auch, man könnte sagen, altmodisch in ihrem Tagesablauf. Es gab immer feste Mahlzeiten und feste Riten. Zum Beispiel zu bestimmten Zeiten Mittagessen, Spaziergänge machen oder Kaffee trinken.

Yoko: Das ist hier alles sehr konservativ. Etwas das mir allerdings positiv aufgefallen ist, ist die kulturelle Förderung. Besonders hier in Baden-Württemberg. Ich lebe hier auch als Künstlerin und ich empfand die Förderung hier immer als sehr gut.

Gibt es etwas, das ihr von der Kultur des jeweils anderen übernommen habt?

Alvin: Das gab es natürlich. Ich ziehe zum Beispiel immer meine Schuhe aus, wenn ich in die Wohnung komme. Kulturell gesehen bin ich nicht so gut in japanischen Sitten, ich habe da noch viel zu lernen. Die Japaner sind Akrobaten. In Japan zieht man zum Beispiel auch seine Schuhe aus, bevor man in eine Umkleidekabine geht.

Yoko: Die allgemeine Empfindlichkeit gegen Schmutz ist natürlich ganz anders, als in Europa. Wenn man jetzt ganz böse wäre, könnte man sagen, dass es hier sehr dreckig ist.

Das ist dann wahrscheinlich etwas, woran du dich gewöhnen musstest.

Yoko: Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass die Leute ihren Müll einfach so auf die Straße werfen.

Abschließend, welche Tipps würdet ihr einem Einwanderer aus eurem Herkunftsland geben, der hier nach Deutschland ziehen will?

Yoko: Ich würde vorschlagen, erst mal Deutsch zu lernen. Für Amerikaner ist das nicht so schwierig, die kommen fast überall mit Englisch weiter. Japaner, die nicht so gut Englisch sprechen, sollten Deutsch zu einem gewissen Grad beherrschen. Dann ist ganz wichtig, sich nicht zu erschrecken, wenn die allgemeine Bevölkerung oder die Bürokratie hier sehr unfreundlich ist im Vergleich zu Japan. Das ist ein erster großer Schock, den viele Japaner nicht überwinden können, weil sie es von daheim anders gewöhnt sind. Wenn man nach Deutschland oder Europa reist, sollte man Neugier mitbringen. Wenn man nicht neugierig ist, dann ist eine Reise hierher verschwendete Zeit. Hier sind die Leute eher verschlossen. Man braucht da eine offene Persönlichkeit, damit man mit der Zeit aufgenommen wird und mehr vom Land und den Leuten erfährt.

Vielen Dank, dass ihr euch für das Interview die Zeit genommen habt.

Yoko: Sehr gerne.

Wissenswertes über Amerika und Japan. Erstellt von Silas Zbornik

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Über den Autor

Silas Zbornik

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Winter Semester 2014/15