Artensterben in Deutschland

Frühlingsgezwitscher ohne Vögel

22.06.2016

Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten ist weltweit bedroht. Hauptursache ist die konventionelle Landwirtschaft. Damit schadet der Mensch nicht nur der Natur, sondern langfristig auch sich selbst.

Maisfeld in Oberbayern|Bild: Julian Reitner

Munteres Vogelgezwitscher, Grillengezirpe und blühende Blumen sind Merkmale für den Frühling. Für die Bio-Landwirte Josef und Martina Vollert aus Großhöhenrain in Oberbayern ist das Erwachen der Natur aus dem Winterschlaf nicht nur ein anschaulicher Prozess, sondern auch Bestandteil der jährlichen Arbeit. Seit 1993 betreiben sie ihren zertifizierten Bio-Bauernhof und produzieren nachhaltig und natürlich. Ob ihre Enkelkinder das Naturereignis Frühling genauso erleben werden wie sie, ist fraglich. Weltweit gehen die Bestände an Tier- und Pflanzenarten stark zurück, immer mehr Arten kämpfen ums Überleben. Beispielhaft hierfür ist der deutschlandweite Rückgang der Feldlerche seit 1998 um 20%, seit 1985 allein in Baden-Württemberg sogar um 50%. Ausgerechnet die Lerche, die für ihren einzigartigen Gesang während des Fluges berühmt ist und als Sinnbild für den Frühling gilt.

Wer im Alltag genau hinsieht und hinhört, kann das Ausmaß des Artensterbens überall beobachten. Dr. Johannes Steidle, Leiter des Fachbereichs Tierökologie der Universität Hohenheim, spricht über seine neuesten Beobachtungen.

Die konventionelle Landwirtschaft als Schuldiger?

Beim Landes-Biologentag Baden-Württemberg 2015 wurde die konventionelle Landwirtschaft als Hauptgrund für den weltweit starken Rückgang der Artenvielfalt benannt. Durch den hohen Einsatz von Totalherbiziden wie Glyphosat werden Unkraut und Ackerwildkräuter vernichtet. Während die Anwendung des umstrittenen Pestizids Glyphosat in den vergangenen Jahrzehnten laut Europaparlament um das 260-Fache angestiegen ist – von 3200 Tonnen im Jahr 1974 auf 825.000 Tonnen im Jahr 2014 – sind die Feldpflanzen im vergangenen halben Jahrhundert um 70 Prozent zurückgegangen.

Insektenarten verschwanden dadurch, denen diese Pflanzen als Lebensraum und Nahrung dienten. Auch die Lerche war letztendlich hiervon betroffen, schließlich sind die Insekten ihre Hauptnahrungsquelle.

Über die aktuellen Diskussionen der EU um die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat kann Öko-Landwirt Josef Vollert deswegen nur lächeln. „Die gesundheitlichen Risiken des Pestizids hätten schon bei seiner Einführung eindeutig geklärt werden müssen, bevor es überhaupt zugelassen wurde" sagt Vollert. Außerdem geht es ihm nicht nur allein um Glyphosat. Es stellt sich allgemein die Frage für die Landwirtschaft: „Spritzmittel oder nicht?" - Egal mit welchem Pestizid.

Mensch und Technik treiben Natur zurück

Dabei sind die Pestizide nur ein Problem, mit dem die Tier- und Pflanzenwelt zu kämpfen hat. Die Abholzung von Wäldern zur landwirtschaftlichen Nutzung und häufige Mäh- und Erntezeiten führen zur Zerstörung von Lebensräumen. Bodenbrüter wie Lerchen, der Grauammer oder auch das Rebhuhn sind besonders vom häufigen Mähen der Grünflächen betroffen, da ihnen so keine Zeit bleibt, ihre Jungen großzuziehen. Früher wurden Wiesen aufgrund von technisch begrenzter Möglichkeiten unregelmäßiger gemäht und somit die Natur automatisch erhalten.

Diese Zeiten sind allerdings vorbei: Die Landwirte müssen ihre Flächen intensiver nutzen als je zuvor, um höhere Erträge zu erwirtschaften, billiger zu produzieren und somit konkurrenzfähig zu bleiben. Hierfür werden immer größere und leistungsstärkere Maschinen verwendet.

Besonders große Tiere wie Feldhasen oder –hamster werden von diesen Maschinen vertrieben, sowohl durch die konventionelle als auch die ökologische Landwirtschaft.

Verlierer sind laut der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF Deutschland klar Tiere und Umwelt, aber langfristig schadet sich der Mensch selbst: Aufgrund des Artensterbens wird das Ökosystem beeinträchtigt und damit die Existenzgrundlage der Bevölkerung gefährdet. Fallen beispielsweise bestäubende Insektenpopulationen wie Bienen weg, gehen Ernteerträge zurück und Nahrung wird knapp, erklärt die WWF.

Auch die Überdüngung in der Landwirtschaft hat fatale Folgen für Tiere und Pflanzen, wie Dr. Johannes Steidle, Leiter des Fachbereichs Tierökologie der Universität Hohenheim, erklärt.

Biologische Landwirtschaft als Alternative

Genau dieser Beeinträchtigung des Ökosystems wirkt die ökologische Landwirtschaft entgegen, denn hier wird komplett auf künstliche Spritzmittel verzichtet. Durch eine naturschonende und nachhatlige Produktion zeichnet sich ein ökologischer Betrieb allgemein aus. Bio-Landwirt Josef Vollert ist stolz auf seine Arbeit: „Für mich ist es eine Herausforderung, ohne künstliche Dünger Landwirtschaft zu betreiben". Aber noch viel wichtiger als diese Grundsatzfrage, ist der tatsächliche Nutzen der ökologischen Landwirtschaft für die Natur. Familie Vollert erzählt von den ungewöhnlich vielen Staren, die bei ihren Kühen auf der Weide sind und den zahlreichen belebten Nistlöchern in ihren Obstbäumen. Eine solche Vielfalt und Lebendigkeit ist heute in der konventionellen Landwirtschaft kaum noch zu beobachten, erzählen sie.

Zahlen zum Artensterben in Deutschland. |Grafik: Julian Reitner via Piktochart

Natur- und Artenschutz in Baden Württemberg
Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz und das Regierungspräsidium informieren über aktuelle Programme zu Natur- und Artenschutz.

Zukunft der Artenvielfalt

Öko-Landwirtin Martina Vollert glaubt nicht, dass die durch die Landwirtschaft bisher verursachte Artenarmut sich noch stark weiter verschlimmern wird. Sie sagt: „Die meisten anfälligen Tier- und Pflanzenarten, die von der Landwirtschaft betroffen sind, sind bereits verschwunden". Dennoch sei eine nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung sinnvoll, damit sich heimische Tier- und Pflanzenarten erholen können.

Neben bereits bestehenden Artenschutzprogrammen müssen laut dem Bio-Magazin „Schrot & Korn" auch Vorschriften für die sogenannten Ökologischen-Vorrangflächen (ÖVF) erhöht werden. ÖVF sind zum Beispiel Hecken, Grünstreifen oder Feuchtgebiete, die landwirtschaftlich unberührt bleiben müssen und so der Natur bei der Regeneration helfen. Allerdings müssen diese ÖVF bisher nur von Betrieben ausgestellt werden, die mehr als 15 Hektar Fläche besitzen. In Deutschland sind das nur knapp die Hälfte aller Landwirte, wodurch der Schutz von Tieren und ihrem Lebensraum bisher nicht ausreichend gewährleistet ist.

Naturschützer vom WWF fordern bereits seit mehreren Jahren Agrarreformen, damit mehr konventionelle Landwirte auf ökologische Landwirtschaft umrüsten und so dem Artensterben entgegenwirken. Nur so kann sich der Frühling auch weiterhin mit Vogelgezwitscher und Insektengezirpe ankündigen. Einen „stummen Frühling" wünscht sich niemand.

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Über den Autor

Julian Reitner

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16