Flüchtlingsaufnahme

Fremde Heimat

16.06.2015

Der Syrer Mahros Al Chikh Hasan kam vor neun Monaten nach Deutschland, in das kleine Dorf Kieselbronn. Er hat großes Glück, dass er hier gelandet ist, denn die Dorfbewohner helfen ihm und seiner Familie, wo es nur geht.

Zwölf sind es schon und zwölf weitere werden noch kommen. Diese Zahl spielt in der Gemeinde Kieselbronn eine große Rolle. Zwölf Flüchtlinge, davon neun aus dem Irak und drei aus Syrien, sind derzeit in der 3.000 Einwohner Gemeinde untergebracht. Wo die Flüchtlinge genau leben, wissen einige Bewohner nicht: „Ich wurde gefragt, wo die Flüchtlinge denn wohnen", grinst Heiko Faber, Bürgermeister der Gemeinde. Für ihn ist es ein gutes Zeichen, dass die Gemeinde die Flüchtlinge aufnehmen kann, ohne dass die Anwohner sich dadurch gestört fühlen. Ganz im Gegenteil, die Kieselbronner helfen so gut sie können.

Einer von zwölf

Mahros Al Chikh Hasan ist einer dieser zwölf. Vor neun Monaten ist er mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Wie viele andere Flüchtlinge kam er zuerst in der Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe unter. Hier kommt jeder Flüchtling in ein Verteilsystem, wo er, je nach Quote der Einwohner, den verschiedenen Landkreisen zugeteilt wird, erklärt Martin Steffens, Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA). So auch bei Mahros. Er wurde dem Enzkreis zugeteilt und kam nach Kieselbronn, wo er nun gemeinsam mit seinen beiden Söhnen lebt. Hier wohnen sie zu dritt in einem kleinen Zimmer, in dem sich drei Betten, ein Doppelbett und ein Stockbett befinden. Direkt daneben steht, vor einem improvisierten Tisch, ein rotes Sofa. Gegenüber steht neben einem alten Schrank, bei dem eine Tür fehlt, ein kleiner Mickey Maus Fernseher, den Mahros geschenkt bekommen hat. Auf den Fernseher kann man auch von dem kleinen Esstisch, der sich in der Ecke neben der Eingangstür befindet, schauen. „Zu dritt in so einem kleinen Raum zu leben ist nicht leicht", sagt Mahros. Die Eingangstür führt über einen kleinen Flur in den Gemeinschaftsbereich. Dazu zählen die Küche und das Badezimmer, welche sich Mahros’s Familie mit zwei anderen Familien teilen muss. Die Gemeinschaftsräume sind dürftig eingerichtet und stellen einen totalen Gegensatz zu dem vollgestellten Zimmer dar.

Mahros’ Zimmer in Kieselbronn. Quelle: Corinne Schwager

Ein neues Zuhause

Mahros fühlt sich in Kieselbronn aufgenommen: „Die Menschen hier sind nett und wunderbar" sagt er und erzählt weiter, wie sehr es ihn immer freut, wenn die Leute ihn auf der Straße anlächeln und ein freundliches „Hallo" rufen. Er strahlt und wirkt fröhlich als er erzählt, wie gut sein Sohn sich in der Grundschule in Kieselbronn eingelebt hat und wie schnell er die deutsche Sprache lernt. Das fällt nicht nur Mahros auf, auch die Mitarbeiterinnen der Kernzeitbetreuung der Grundschule Kieselbronn sind begeistert: „Es ist unglaublich, wie schnell er lernt. Letzte Woche hat er sogar einen Fehler in den Hausaufgaben von einem deutschen Kind entdeckt."

Doch natürlich gab es zu Beginn auch einige Schwierigkeiten. Besonders die Sprachbarriere erschwerte Mahros und seinen zwei Söhne das Leben. Freunde finden, aber auch alltägliche Dinge wie Einkaufen waren und sind teilweise immer noch eine große Herausforderung. Das größte Problem für Mahros ist zu erkennen, welche Produkte er vor sich hat und die zu finden, die er von daheim kennt. Dabei kann er auch nicht einfach bei den Verkäufern nachfragen, denn Produkte wie Kichererbsen auf Englisch zu beschrieben, das ist eine Kunst. Mahros hatte zwar 1992 drei Deutschkurse in Syrien, doch das ist 23 Jahre her und es fällt ihm schwer die Sprache zu lernen und sich einzuleben. Manchmal hat er Angst, dass man ihn hier nicht mag. Besonders nachdem die zwei Fahrräder, die er geschenkt bekommen hatte, geklaut wurden, verstärkte sich das Gefühl.

Eine Familie – aufgesplittet.

Ein weiterer Grund, der ihn immer wieder plagt, ist der Gedanke an seine Vergangenheit. An manchen Tagen ist es besonders schlimm, erzählt er: „Manchmal bin ich in meinem Raum und weine – und denke an mein Land, meine Familie und was ich vorher war und was ich jetzt bin." Dann möchte er mit niemandem reden – auch nicht mit seiner Frau. Sie ist mit seinen anderen Kindern in der Türkei. Seit neun Monaten hat er sie, seinen jüngsten Sohn und seine Tochter nicht mehr gesehen. Das ist auch für seine beiden Söhne, die mit ihm in Kieselbronn sind, schwer. Wenn Mahros Asyl bekommt, kann er seine Frau und seine Kinder nach Deutschland holen. Doch das dauert, denn die Kapazitäten in den Landkreisen sind gering, nicht nur an Wohnfläche, sondern auch an Mitarbeitern in der Flüchtlingshilfe, weiß Martin Steffens.

Mahros sitzt oft auf dem roten Sofa in seinem kleinen Zimmer in Kieselbronn und wartet. Quelle: Corinne Schwager

Eine ungewisse Zukunft

Immer wieder wird Mahros versprochen, dass er nur noch einen Monat warten muss, bis er seinen Pass bekommt und seine Familie aus der Türkei nachgeholt werden kann. Doch das geht nun schon seit mehreren Monaten so. Immer wieder heißt es warten. An manchen Tagen, so Mahros, schaut er bis zu vier Mal in den Briefkasten – hoffnungsvoll, dass sich etwas tut. Laut Martin Steffens könnte er aber Glück haben, denn syrische Flüchtlinge haben Priorität und werden oft schneller angenommen als andere Nationalitäten. Wenn er seinen Pass hat, möchte Mahros wieder arbeiten, wie daheim. Dort war er als Lichtinstallateur erfolgreich, einem Beruf der hier eher selten ist. Es wird nicht einfach, doch Mahros wünscht sich endlich wieder selbst für sich und seine Familie sorgen zu können. Momentan geht das nicht, denn bis über den Asylantrag entschieden ist, dürfen die Flüchtlinge nicht arbeiten. Um sich zu versorgen, bekommen sie aber gewisse Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Während der Erstaufnahme erfolgen diese überwiegend durch Sachleistungen, in den Kreisen meist in Form von Geld, erklärt Martin Steffens. Mahros fehlt die Selbstständigkeit, doch er weiß, dass er im Moment auf Hilfe angewiesen ist. Darum bitten möchte er aber nicht. Doch er hat Glück, denn die Unterstützung kommt von ganz alleine.

Fremde Heimat

Carolin Krauth hilft den Flüchtlingen in Kieselbronn. So organisiert sie zum Beispiel eine Kleidersammelaktion. Dabei ist ihr besonders wichtig, dass ihre Hilfe nicht als Almosen angesehen wird.

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Über den Autor

Corinne Schwager

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015