Christlicher Fundamentalismus

Gegenläufer der Moderne?

29.01.2017

Plastikembryos in Briefumschlägen, Proteste vor Abtreibungskliniken und die Verbannung von bibelfernen Lehrinhalten. Christliche Fundamentalisten greifen verstärkt zu härteren Mitteln, um ihren Glauben zu verbreiten. Stellen sie dabei eine Bedrohung für die Gesellschaft dar?

Statt Plakaten tragen christliche Fundamentalisten häufig Kreuze bei ihren Kundgebungen. | Bild: Lili Oberdörfer

Durch Berlin zieht ein Masse von 5.000 Menschen – ausgerüstet mit Kreuzen und Schildern. „Abtreibung ist Mord", „Achtet Gottes Gebote" und „Keine Homo-Ehe" steht auf diesen geschrieben. Schnell wird klar: Die Aufforderungen haben tief religiöse Hintergründe – hier protestieren christliche Fundamentalisten. Dreimal wöchentlich Bibelunterricht, beten vor jeder Mahlzeit und kein Sex vor der Ehe, so sieht das Leben der anwesenden Demonstranten aus.

Die Evolutionstheorie lehnen sie strikt ab und beharren stattdessen darauf, dass Gott die Erde an sechs Tagen erschaffen hat. Sie halten sich streng an eine wortgetreue Auslegung der Bibelinhalte, auch in unserer heutigen Zeit. Dazu gehört, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse und der Stand der modernen Wissenschaft in ihren Augen ebenso wenig stichhaltig sind wie die Evolutionstheorie. Fundamentalisten bewegen sich fast ausschließlich in geschlossenen Kreisen und haben kaum Kontakt zu Andersdenkenden. Vor allem in den USA sind die Hardliner des christlichen Glaubens weit verbreitet, die Anzahl wird auf rund 80 Millionen geschätzt. Doch auch hierzulande ist die Zahl der Anhänger in den vergangenen Jahren gestiegen.

Schätzungen zufolge werden derzeit rund 800 bis 1.000 Kinder in Deutschland aus religiösen Gründen nicht in die Schule geschickt. Das Prinzip der „Home Education" wird vom Staat jedoch nicht akzeptiert, mit der Begründung, dass in der Schule demokratisches Denken ermöglicht werde und daher allgemeine Schulpflicht herrsche.

Dass man mit dem Thema Religion auch ganz anders umgehen kann, zeigt der Atheist Christoph Lammers. „Religionsunterricht muss aus den Schulen verbannt verbannt werden", sagt Lammers. Religion ist seiner Meinung nach zu stark in der Gesellschaft verankert. Dies zeige sich laut Lammers vor allem in Politik und Bildung.

Christoph Lammers
Seit 2012 arbeitet Lammers als Chefredakteur bei dem politisch-atheistischen Onlinemagazin „Materialien und Informationen zur Zeit", kurz MIZ. Sein Werdegang ist jedoch alles andere als typisch. Lammers gehörte einst selbst der Kirche an, wurde getauft und durchlief Kommunion und Firmung. Nach seinem Abitur studierte er katholische Theologie in Trier. Die Verwissenschaftlichung der Theologie führte jedoch dazu, dass er seinen Glauben verlor, das Studium frühzeitig beendete und sich zu einem Atheisten wandelte.

Einfluss in der Gesellschaft

Im Jahr 2014 hatte ein Realschullehrer in Baden-Württemberg gegen die Pläne der Landesregierung geklagt, verschiedene sexuelle Lebensformen stärker im Schulunterricht zu behandeln – insbesondere die der Homosexualität. Auch die katholische und evangelische Kirche sprachen sich damals öffentlich gegen den Bildungsplan aus. Insgesamt erreichte die Petition „Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens" mehr als 192.000 Unterschriften. Schlussendlich wurde der Einwand jedoch vom Landtag abgelehnt, mit der Begründung, die Inhalte seien zu oberflächlich gewesen.

Rolle der Staatskirchen

Insgesamt sei keine soziale Schicht besonders stark von christlichem Fundamentalismus geprägt, so Lammers. Gerade sozial schwächere Schichten würden jedoch vermehrt angesprochen werden, da durch fehlende Bildung fruchtbarer Boden bestände. „Es werden einfache Antworten auf komplexe Fragen gegeben", sagt Lammers. Die Strömungen des christlichen Fundamentalismus hätten es mithilfe der beiden Staatskirchen geschafft, einen so großen Druck auf die Politik auszuüben, dass Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder aktive Sterbehilfe wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt worden seien. Die Folgen von christlichem Fundamentalismus für die Demokratie und Zivilgesellschaft sind Lammers Meinung nach immens.

Kampf gegen den Glauben

Doch kann man Glauben wirklich bekämpfen? „Es spricht gegen das Grundgesetz, Glauben zu verbieten", sagt Adrian Müller (Name geändert). „Jeder Mensch hat das Recht, seine Religion frei zu leben." Der 21-Jährige studiert seit Oktober 2015 Religionswissenschaften. Dies sei laut Müller keine Theologie, sondern eine neutrale Wissenschaft, die sich mit unterschiedlichen Religionen befasse. Obwohl er mit 14 Jahren konfirmiert wurde, kehrte Müller der Kirche kurz nach seinem 18. Geburtstag den Rücken zu. Seine Entscheidung entspricht dem Zeitgeist. Waren 1950 noch 96,4 Prozent der Deutschen Mitglieder der Kirche, betrug die Anzahl 2015 lediglich 56 Prozent.

„Ich habe keinen Glauben entwickelt, warum sollte ich also Mitglied bleiben?", fragt Müller. Den christlichen Fundamentalismus als massive Bedrohung anzusehen, hält er jedoch für übertrieben. Es sei schwierig, Fundamentalisten Einhalt zu gebieten, meint Müller. „Glaubensströmungen von vornherein zu unterdrücken, ist undemokratisch und widerspricht den westlichen Werten", sagt Müller. Nur bei Straftaten solle man hart vorgehen, etwa im Falle eines religiös motivierten Angriffes auf Wissenschaftler oder bei einem Anschlag auf eine Abtreibungsklinik. Dass es in Zukunft zu solchen Vorfällen kommt, hält Müller allerdings für höchst unwahrscheinlich.

Fundamentalismus im Alltag

Nach diesen Aussagen bleibt also zu bezweifeln, dass christlicher Fundamentalismus in Zukunft von der Allgemeinheit als Gefahr für demokratische Grundordnungen empfunden wird. Denn nur die Wenigsten von uns werden wohl bislang in die Situation gekommen sein, christlich-religiöse Debatten geführt zu haben. Oder ist es gerade die Tatsache, dass christlicher Fundamentalismus von so vielen als „Randerscheinung" belächelt oder gar nicht wahrgenommen wird, die ihn so stark und vielleicht auch gefährlich macht?

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