Der Kampf gegen die Windräder

Gegenwind aus Heimsheim

03.07.2017

Eine Gemeinde läuft Sturm gegen den geplanten Bau dreier Windräder in ihrer direkten Nachbarschaft. Was auf den ersten Blick nach „Windkraft – gerne, aber nicht vor meiner Haustür“ aussieht, ist bei genauerer Betrachtung deutlich komplexer.

Die Stadt Heimsheim wehrt sich gegen die geplanten Windkraftanlagen. | Foto: Annegret Morof

An einem sommerlichen Sonntag trifft man im Heimsheimer Wald die halbe Stadt: Spaziergänger mit ihren Hunden, Jogger, Familien mit kleinen Kindern. Sie alle fliehen vor der Hitze und vertreten sich auf den knirschenden, schattigen Kieswegen die Beine. Doch ganz so unbeschwert wie sonst sind sie in diesem Sommer nicht. Drei Windräder sollen 50 Meter von der Regionsgrenze entfernt auf der Gemarkung der Nachbargemeinde Weil der Stadt gebaut werden. Die Heimsheimer bangen um ihren Wald.

„Im September 2015 haben wir erfahren, dass der Verband Region Stuttgart mehrere Windvorranggebiete ausgewiesen hat", berichtet Christa Pfisterer von der Bürgerinitiative (BI) ProHeimsheim. „Damals wussten wir ja noch nicht, was da auf uns zukommt. Vor allem, dass das so riesige Anlagen werden." Bis zu 230 Meter hoch sollen die drei Windräder werden – vorausgesetzt, die Nachbargemeinde Weil der Stadt entscheidet sich für eine Verpachtung der Fläche an einen Investor. Damit würden sie das derzeit höchste Bauwerk Baden-Württembergs, den Stuttgarter Fernsehturm, überragen.

Zwar würden sich die Windräder geografisch noch innerhalb der Region Stuttgart befinden. Die Stadt Heimsheim, welche bereits zur Region Nordschwarzwald zählt, hätte jedoch aus Sicht der BI den größten Schaden. Durch die südliche Lage der Windräder und den Abstand von lediglich 850 Metern zur Siedlungsfläche befürchtet sie starke Beeinträchtigungen.

Die Heimsheimer zu dem Bau der Windkraftanlagen. | Video: Oliver Haug, Annegret Morof

Mit dem Ziel, die Bewohner der Gemeinde und der umliegenden Dörfer zu informieren, entstand die BI ProHeimsheim. Mit Flyern, einer Petition und einem umfangreichen Online-Auftritt geht sie gegen die geplante Verpachtung vor.

Der Aufruhr um die Windräder in Heimsheim ist ein Bilderbuch-Beispiel für den innerökologischen Konflikt, den die Energiewende mit sich bringt: Der Wunsch nach erneuerbaren Energien auf der einen, der lokale Natur- und Landschaftsschutz auf der anderen Seite. Für Dr. Carsten Barnowski von der BI ProHeimsheim ist das Vorhaben vor allem eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

„Wir sind nicht gegen Windkraft", stellt er mit Nachdruck klar. „Wir sind für erneuerbare Energien. Aber eben nur da, wo sie Sinn machen. Man würde in den Neckar doch auch kein Gezeitenkraftwerk setzen, denn da gibt es keine Gezeiten. Deshalb würde ich in ein windschwaches Gebiet auch keine Windräder setzen."

Vier der neun Mitglieder der BI ProHeimsheim (von links nach rechts): Dr. Carsten Barnowski, Sabine Kiedaisch, Dennis Waldherr, Christa Pfisterer. | Foto: Annegret Morof

Der Windatlas Baden-Württemberg, der den Regionalverbänden als Datengrundlage und Planungshilfe für die Ausweisung von Windvorranggebieten dient, fasst die Beschaffenheit der Region Stuttgart wie folgt zusammen:

„Eine großflächige, wirtschaftliche Nutzung der Windenergie scheint unter den gegebenen technischen Voraussetzungen nur bedingt möglich. Einzelstandorte sind durchaus geeignet." Einen dieser Einzelstandorte scheint der Regionalverband Stuttgart im Weil der Städter Wald nahe der Gemarkungsgrenze gefunden zu haben.

„Wir sind hier in der Region Stuttgart, in einem Bereich, der außerordentlich dicht besiedelt ist", erzählt Thomas Kiwitt, technischer Direktor des Regionalverbands Stuttgart. „Wir haben praktisch ein Viertel der Landesbevölkerung Baden-Württembergs auf zehn Prozent der Landesfläche wohnen. Insofern ist es hier enorm schwer, Standorte zu definieren, an denen Windräder gebaut werden können."

Die geplanten Windkraftanlagen. | Grafik: Annegret Morof via Piktochart

Dass überhaupt Standorte in der dicht besiedelten Region gefunden werden, verdankt der Verband hauptsächlich der Tatsache, dass die Abstandsregelung Ländersache ist. So setzt Bayern die zehnfache Höhe des Windrades als Distanz zur Siedlungsfläche voraus, während in Baden-Württemberg lediglich 700 Meter gelten – unabhängig von der Höhe des Windrades. Die BI ProHeimsheim bemängelt hierbei, dass die 700-Meter-Regelung in einer Zeit festgelegt wurde, in der hauptsächlich kleinere Windräder, wie der Grüne Heiner bei Weilimdorf mit rund 66 Metern, gebaut wurden.

Windrad auf dem Grünen Heiner bei Stuttgart-Weilimdorf. | Foto: Oliver Haug

Dass diese Abstandsregelung in absehbarer Zeit angepasst wird, wagt die BI nicht zu hoffen. Mehr Erfolg verspricht sie sich hingegen von einem geplanten Artenschutzgutachten, welches die Gemeinden Weil der Stadt und Heimsheim nun gemeinsam beauftragen. Ab dem Frühjahr 2018 soll demnach untersucht werden, ob der Wald geschützte Arten, wie den Rotmilan, beherbergt.

Das „aus dem Hut zaubern" geschützter Arten zur Verhinderung von Großbauprojekten hat spätestens seit dem, durch Stuttgart21 bekannt gewordenen, Juchtenkäfer einen fahlen Beigeschmack.

Dr. Carsten Barnowski nimmt diesen Vorwurf gelassen hin: „Neben der geltenden Abstandsregelung von 700 Metern zu Wohngebieten gibt es auch noch naturschutzrechtliche Bestimmungen, die berücksichtigt werden müssen. Wird eine bedrohte Tierart in einem Windvorranggebiet nachgewiesen, so kann das dazu führen, dass in diesem Gebiet keine Windräder gebaut werden können."

Ob es den Bürgern nun um das Wohl des Rotmilans geht oder nicht – Ein entsprechendes Ergebnis des Artenschutzgutachtens würde ein schnelles Aus für das Bauvorhaben bedeuten und somit auch für das Vorranggebiet in der Heimsheimer Nachbarschaft.

Der Rotmilan kreist über Heimsheim. | Foto: Oliver Haug

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Über die Autoren

Annegret Morof

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 14/15

Oliver Haug

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015