Einsatz für Inklusion

Gemeinsam statt einsam

06.07.2017

Einmal pro Woche treffen sich die Teilnehmer des Projekts „Dunkelbunt“ der Nikolauspflege in Stuttgart, um einen Ausflug in die Stadt zu machen, Sport zu treiben oder gemeinsam zu musizieren. Der Kontakt zu außenstehenden Personen steht dabei im Vordergrund, denn dadurch wird den sehbehinderten Jugendlichen Inklusion in die Gesellschaft ermöglicht. Die Teilnehmer planen und organisieren die Ausflüge eigenständig.

Dunkelbunt ermöglich einen bunten Alltag trotz Sehbehinderung. | Quelle: Madeleine FischerDunkelbunt ermöglich einen bunten Alltag trotz Sehbehinderung. | Foto: Madeleine Fischer

Die Nikolauspflege in Stuttgart ist ein Berufsbildungswerk für sehbehinderte Jugendliche. Ein Teil davon ist das Projekt Dunkelbunt. Es wurde gestartet, damit die Schüler Kontakt zu außenstehenden Personen knüpfen können und Inklusion in die Gesellschaft gelingt. „Bei Dunkelbunt engagieren sich Jugendliche für Jugendliche", erklärt Matthias Kopp, Leiter des Projekts. Für die Teilnehmer gibt es vielfältige Angebote: „Aktionen in der Stadt", Sport- und Musikangebote. Diese sind möglichst inklusiv gestaltet. Das bedeutet, sie finden an öffentlichen Orten statt, wo die Teilnehmer Personen außerhalb ihres gewohnten Umfelds begegnen können. Dunkelbunt richtet sich sowohl an Jugendliche, die das Berufsbildungswerk der Nikolauspflege besuchen, als auch an sehgeschädigte Menschen aus der Region Stuttgart.

Paul Kleindiek, ein Betreuer des Projekts, spricht über das Ziel des Projekts und die Rolle der Ehrenamtlichen. | Quelle: Madeleine Fischer

Aktiv raus in die Gesellschaft

„Die Aktionen finden draußen in der Gesellschaft statt", so Matthias Kopp. Bei ihren Ausflügen besucht die Gruppe z.B. Vereine, Schulen und Jugendhäuser. Die Sportangebote finden auf der Anlage des MTV Stuttgart statt. Dort können die Teilnehmer klettern, schwimmen, Kayak fahren und Kraftsport betreiben. Da es sich um einen öffentlichen Sportverein handelt, können die Jugendlichen dort auf außenstehende Personen treffen. Dadurch ist es ihnen möglich, Kontakte in die Gesellschaft zu knüpfen. „Es gab auch schon Kooperationen mit Realschulen und Gymnasien, wo Schüler der neunten bis zwölften Klasse gemeinsam mit den Teilnehmern von Dunkelbunt klettern waren", berichtet Matthias Kopp. Das Wichtigste an den Aktionen sei der inklusive Aspekt.

Jugendliche organisieren selbst

Das Freizeitteam von Dunkelbunt trifft sich einmal im Monat, um Aktionen und Ausflüge für den nächsten Monat zu planen. An der Planung sind etwa zehn Schüler beteiligt sowie zwei Betreuer. Diese geben den Teilnehmern Tipps und unterstützen sie, wenn nötig. Die Jugendlichen planen die Ausflüge eigenverantwortlich und lernen dadurch, selbstständiger zu werden und in Zukunft selbst mit ihren Freunden Aktionen zu starten.

„Man kann sich darüber streiten, inwieweit das Projekt inklusiv ist, wenn man zum Beispiel mit den Blinden in ein Hallenbad geht. Jedoch besteht dort immer die Möglichkeit, dass sie mit Außenstehenden in Kontakt kommen. Sie sind somit eher ein Teil der Gesellschaft", argumentiert Matthias Kopp.

Silke leitet ehrenamtlich die Brettspielgruppe an der Nikolauspflege. | Foto: Madeleine Fischer Silke leitet seit einem halben Jahr ehrenamtlich die Brettspielgruppe der Nikolauspflege. | Foto: Madeleine Fischer

Die ehrenamtlichen Helfer spielen eine wichtige Rolle bei den Ausflügen. Manche der Teilnehmer sind blind und müssen geführt werden. Merlin, ein Ehrenamtlicher des Projekts, berichtet: „Ich habe immer eine bis zwei feste Personen, auf die ich aufpasse. Ich helfe ihnen, wenn sie Probleme haben und führe Aktionen mit ihnen durch." Dabei haben sich auch schon Freundschaften entwickelt. „Ich habe schon drei bis vier neue Leute kennengelernt, dadurch, dass ich ihnen geholfen habe. Einen Schüler, den ich dort getroffen habe, sehe ich noch regelmäßig." Es sei wichtig, dass die ehrenamtlichen Helfer zuverlässig sind: „Die Ehrenamtlichen sollten nicht nur einmal auftauchen, denn das erweckt bei den Jugendlichen das Gefühl, wertlos zu sein. Sie müssen sich an die Helfer gewöhnen und Vertrauen fassen", betont Matthias Kopp.

Der ehrenamtliche Helfer Merlin erzählt über seine Arbeit bei dem Projekt, seine Erfahrungen und die Planung der Aktionen. | Quelle: Madeleine Fischer

Ein buntes Programm

Die Musikwerkstatt ist ein weiterer Teil von Dunkelbunt. Die Teilnehmer können sich dort an der Gitarre, dem Schlagzeug, der Tontechnik oder beim Gesang ausprobieren. Es geht dabei mehr um den Spaß und die Begegnung mit anderen Menschen als um Perfektion. Neben der Musikwerkstatt gibt es auch eine Band, die „Blind Stones", in der die fortgeschrittenen Musiker spielen. Sie haben häufiger Auftritte und waren sogar schon auf einer Konzertreise nach China. Im Rahmen des „MakelLos" Festivals sind sie in der Beijing Royal School in Peking vor 2000 Menschen aufgetreten. Außerdem haben die Jugendlichen schon ein Musical in Zusammenarbeit mit dem Kolping Bildungswerk aufgeführt.

Im Juli 2016 hat das Freizeitteam von Dunkelbunt seine Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund geöffnet. Das Angebot nannte sich „All in" und wurde von der Stiftung „Jugend hilft!" mit 1500€ gefördert. In diesem Rahmen wurden ein Begegnungsfest und eine Kennenlernrallye organisiert. Das Projekt kam durch eine Preisausschreibung der Organisation „Children for a better world e.V. – Mit Kindern. Für Kinder!" in Berlin zustande.

Blick in die Zukunft

Eine Veranstaltung, die auch vom Freizeitteam des Projekts Dunkelbunt organisiert wird, ist das „All Inclusion Festival", das diesen Juni zum zweiten Mal im Jugendhaus Mitte und im Club Zentral in Stuttgart stattfindet. Das Festival ist öffentlich und es werden dort Bandauftritte und Theateraufführungen geboten sowie Sport- und Kreativangebote. Es richtet sich an Menschen jeden Alters, ob mit oder ohne Behinderung. Für Merlin ist das Festival ein Highlight: „Es war eine hammer Stimmung beim All Inclusion Festival letztes Jahr. Es ist schön, wenn man etwas organisiert, das allen Menschen gefällt."

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Über den Autor

Madeleine Fischer

CR/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17