Smartphone-Nutzungsverhalten

GENERATION 5“ HD

07.01.2015

Smartphones sind unsere liebsten Wegbegleiter. Sie nennen uns den Weg, denken an die Geburtstage unserer Freunde und wissen immer eine Antwort. Die Medien sagen, wir können nicht mehr ohne. Oh doch, wir können. Aber wollen wir das? Und warum sollten wir?

Immer öfter nutzen wir unsere Smartphones - Fluch oder Segen? (Bildquelle: Julia Antkowiak)

Skrillex’ Monsterbeats reißen mich aus meinem Schlummermodus. Ein Auge halb geöffnet, greife ich verschlafen zum iPhone. Fünf ungelesene Nachrichten. Ich beschließe, sie später in der U-Bahn zu beantworten. Die Süddeutsche berichtet auf Facebook vom Geiseldrama in Sydney. Nicki Minaj hat Kim Kardashian bei Saturday Night Live imitiert: Das schaue ich mir an. „Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar." Na toll. Dann lese ich eben BuzzFeed’s Beitrag zu den „21 Hilariously Awful Christmas Cake Fails". Stuggi Stolz – „CRO holt Platin und Gold" steht weiter unten in meinem Newsfeed. Weiter so, Chimperator! Mein Kommilitone Andre ist laut Runtastic wieder kilometerweit gerannt – und das bei diesen Temperaturen. Hier und da Fotos meiner Freunde von überall auf der Welt. Schön! Das unterstütze ich mit einem Like. Oh, Cynthia hat Geburtstag, beinahe vergessen. Höchste Zeit, unter die Dusche zu springen. Jetzt noch schnell die #morningtunes-Playlist auf meiner Streaming-App WiMP starten. Mit guter Musik läuft einfach alles besser.

Während ich in der Wetter-App den Tagesverlauf checke und dabei mein „Outfit of the Day" wähle (Selfie für Instagram mit dem Hashtag #ootd inbegriffen), trudeln die ersten News Alerts und Newsletter ein. Ich überfliege sie auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Nein Amazon, ich will kein weiteres Aufnahmegerät kaufen. Mit Kaffee und Cornflakes setze ich mich an den Esstisch und checke die relevanten E-Mails. Die Ergebnisse der Studie zur Smartphone-Nutzung sind endlich online. Forscher der Uni Bonn haben kürzlich herausgefunden, dass Jugendliche ihr Handy bis zu 135 Mal am Tag benutzen. Die Agentur Tecmark kommt in ihrer aktuellen Studie nun bereits auf täglich 3,26 Stunden im Durchschnitt. So so. Ich muss schmunzeln und an mein eigenes Nutzerverhalten denken. Ich markiere die Studie im Browser als Favoriten. Das lese ich mir später im Detail auf dem Tablet durch. Jetzt schaue ich noch fix in die Nachrichten-App. Wirtschaft, Politik, Panorama – ich überfliege die Kategorien und starte mehr oder weniger informiert in den Tag.

Mit dem Smartphone durch den Tag

Auf dem Weg zur Haltestelle schaue ich in der VVS-App, ob die Bahn pünktlich kommt, oder ob ich noch Zeit habe, um mir einen Snack für die Mittagspause zu kaufen. Fehlanzeige. Dann geht es heute eben in unsere Mensa, die „S-Bar". Ich rufe gleich mal den Speiseplan in der HdM-App auf. Da kommt die Bahn – ich habe noch kein Ticket. Egal, das kaufe ich mir einfach mobil. Ich lehne mich entspannt zurück, beantworte meine Nachrichten und lese die interessanten Newsletter durch. Noch fünf Minuten, dann bin ich da. Genug Zeit, um meinen Newsfeed auf Instagram zu checken. saeed_sk postet wieder Bilder aus Stuttgart mit dem Hashtag #0711 im Tristesse-Filter – gefällt mir.

Ich checke mich bei meinem liebsten Location-based-Service, dem Netzwerk Swarm, an der HdM ein. Toll, Stephan ist auch hier. „Zusammen Mittagessen?", kommentiere ich seinen Check-In. Warum ist vor Raum 013 niemand, außer mir? Ich frage in unserer Mädels-Gruppe Käpsele-Connection auf WhatsApp nach. Ach so: Wir sind heute in Raum P01. Da ist wohl eine E-Mail in der Flut von Umfragen untergegangen. Parallel zur Vorlesung recherchiere ich im Internet. Von welcher Abkürzung oder welchem Fachbegriff auch immer der Prof gerade spricht: GIDF – Google ist dein Freund. Habe ich einen Zusammenhang nicht verstanden, suche ich die nötigen Informationen im World Wide Web. Die Vorlesung ist vorbei und meine Notizen sind up-to-date.

Ich überprüfe meine ausstehenden To-dos auf der Organisations-App Wunderlist, als mich per Push-Benachrichtigung eine Kalender-Erinnerung erreicht: 16:00 Uhr Treffen im Café Seyffert. Huch, das ist ja schon in 30 Minuten. Ich suche mir auf Google Maps den schnellsten Fußweg von der Haltestelle Schwabstraße und fahre dahin drei Stationen mit der S-Bahn. Auf der Fahrt buche ich mein Fernbus-Ticket für die kommende Woche und tätige eine Überweisung. Super, ich habe LTE. Da kann ich parallel noch telefonieren.

Nach meinem Treffen fahre ich ins Zentrum, um die letzten Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Ich stehe vor einem schicken Portemonnaie für meinen Vater. Ob ich das im Internet günstiger bekomme? Ich mache online den Preisvergleich: keine lohnende Geschichte. Ich entscheide mich für den Vor-Ort-Kauf mit Geschenkverpackung.

Nach dem Abendessen setze ich mich an meine Studienarbeit und lasse den Tag Revue passieren. Es ist Zeit, um ein paar aktuelle Thesen zu überprüfen.

These 1: Smartphones bremsen die Produktivität, lenken ab und führen zu Zeitverlust.

War ich heute produktiv und habe alle To-dos erledigt? Ja. Habe ich durch Aktivitäten am Smartphone Zeit verloren? Nein. Nun ja, ich hätte zwanzig Minuten länger schlafen oder früher duschen können. Das sehen auch 69 Prozent der Teilnehmer der Tecmark-Studie von 2014 so und beantworten die Frage, ob ihr Smartphone ihnen dabei hilft, produktiver zu sein, mit Ja. 76,2 Prozent der Befragten geben an, dank ihres Smartphones Zeit zu sparen. Der Grund dafür ist Multitasking. Die Universität des Saarlandes wiederum hat in einer teilnehmenden Beobachtung von Studenten mit mobilen Geräten herausgefunden, dass diese in 4 von 10 Fällen auf Web-Inhalte zugriffen, die nichts mit der Vorlesung zu tun hatten.

These 2: Smartphones schränken den aufrechten Gang ein und verursachen Unfälle durch Zusammenstöße mit anderen Passanten.

Habe ich Rückenschmerzen? Ja. Bin ich mit anderen Passanten zusammengestoßen während ich auf mein Smartphone gestarrt habe? Heute nicht. Die britische Gesundheitsorganisation Simplyhealth spricht bei der gebeugten Körperhaltung während der Nutzung von Smartphones von der sogenannten iPosture. Der iBuckel ist kein Scherz, sondern die nachgewiesene Ursache chronischer Rückenschmerzen bei Jugendlichen. Auch die Zusammenstöße mit anderen Passanten basieren auf einer definierten Ursache: dem Smartphone- oder Dumb-Walking. In der Studie eines japanischen Mobilfunkherstellers wurde durch eine Simulation herausgefunden, dass durch den Blick auf das Smartphone das Gesichtsfeld auf 5% dessen eingeengt wird, was es sein sollte.

These 3: Die Kommunikation über Smartphones ersetzt echte Gespräche und verfälscht das Bild sozialer Interaktion.

Habe ich mehr Gespräche über Instant Messaging und E-Mails geführt als Face-to-Face? Nein. Pflege ich weniger soziale Kontakte im echten Leben, seitdem ich ein Smartphone nutze? Nein. Aber: Habe ich während realer Gespräche reflexhaft mein Handy gezückt? Shame on me. Ja. Kommunikationsexperte Robert Spengler sieht die Entwicklung der Smartphonenutzung kritisch und stellt in seiner Beobachtung fest, dass wir uns zunehmend vom sozialen Leben distanzieren. Als Grund dafür nennt er die Nachrichtenflut, die uns tagtäglich auf dem Smartphone erreicht. Laut Spengler schwächt sie unsere mündliche Sprachfähigkeit und schränkt so die Kommunikation mit unseren Mitmenschen ein. Hierfür gibt es allerdings bis dato keine empirisch fundierten Erkenntnisse.

These 4: Die exzessive Nutzung von Smartphones führt zu digitaler Demenz.

Kann ich mir Dinge schlechter merken, da ich sie im Internet nachschlagen kann? Nein. Der Begriff Digitale Demenz wurde von dem Psychiater Manfred Spitzer geprägt, der 2012 das gleichnamige Buch veröffentlichte und damit für eine Kontroverse an der Elternfront sorgte. Spitzer gibt digitalen Medien die Schuld an zunehmender Oberflächlichkeit und fehlender Orientierung der Jugend. Hirnforscher haben jedoch bis heute weder Beweise für Spitzers These gefunden, noch konnten maßgebliche Auswirkungen digitaler Medien auf die Funktionsweise des Gehirns festgestellt werden.

Ich klappe das Notebook zu. Vor dem Einschlafen denke ich über die Frage nach, ob Smartphones Fluch oder Segen für unsere Gesellschaft sind. Sie liefern uns zahlreiche Gelegenheiten, den lieben langen Tag viel Unsinn zu treiben, uns ablenken zu lassen und dabei wertvolle Zeit zu verlieren. „Always-on" zu sein und dadurch mit jedermann „always-in-touch" zu bleiben, ist keine reine Unterhaltung. Durch das ungeschriebene Gesetz der „Antwortpflicht" und einem stetigen Mitteilungsbedürfnis auf Social Media kann das Smartphone gewaltig an unserer Privatsphäre rütteln. Ich komme jedoch zu dem Ergebnis, dass wir gar nichts abwägen müssen. Smartphones sind ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens geworden. Viele Menschen haben einen Großteil ihres Lebens nicht deshalb auf 5" HD komprimiert, um – wie Petra Harms von der Cosmopolitan so schön sagte – „real anwesende Leute zu Statisten zu degradieren", sondern um ihren Lebensstil nachhaltig zu optimieren.

Dennoch sollten wir nie aufhören, Zeit mit den Leuten zu verbringen, die uns für ein paar Stunden vergessen lassen, auf unsere Smartphones zu schauen.

Um herauszufinden, welcher Smartphone-Nutzertyp du bist, vergleiche einfach die Übersicht deiner Apps auf deinem Smartphone mit der Infografik:

Smartphone-Nutzertypen (Bildquelle: Julia Antkowiak)

Um die Infografik in voller Auflösung zu sehen, klicke hier.

Du fragst dich nun, was neben der Hochschul-App bei keinem „Smart Kid" der HdM auf dem Smartphone fehlen darf?

Must-Have Apps für Studenten (Bildquelle: Julia Antkowiak)

– CAM SCANNER: Du brauchst unbedingt diese Grafik, aber die Schlange vor dem Scanner ist endlos und das Buch mal wieder bereits vorgemerkt? Mit dieser App hast du deinen portablen Scanner immer bei dir.

– SWARM: Standortbezogener Dienst um deine Freunde zu treffen oder neue Orte ausfindig zu machen.

– OFFTIME (nur für Android): Ermöglicht dir durch App-Blocking, Kommunikationsfilter und automatische Antworten eine Auszeit von deinem Smartphone.

– WUNDERLIST: Die To-do-Liste nach dem „Getting-things-done-Prinzip".

– FLASHCARDS/ANKIDROID: Karteikarten für dein Smartphone zum praktischen Lernen für unterwegs.

– PONS/dict.cc: Das Smartphone-Wörterbuch für die kleinen Lücken im Wortschatz.

– PAPER TOSS: Spaßiges Pausen-Game. Achtung: Suchtgefahr.

– FRAG MUTTI: Die ultimativen Haushaltstipps für deine WG.

– WiMP/SPOTIFY: Eine App, um deine Lieblingsmusik überall zu streamen.

– VVS MOBIL/DB NAVIGATOR: Liefert dir Pläne Öffentlicher Verkehrsmittel und die schnellsten Verbindungen zu deinem Reiseziel.

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Über den Autor

Julia Antkowiak

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: WS 2014/15