Tinnitus

Geräusche im Verborgenen

27.06.2016

Was tun, wenn das Ohr ständig nicht vorhandene Geräusche wahrnimmt? Wenn einem kein Arzt dieser Welt ein Medikament verschreiben kann? Laut Deutscher Tinnitus Liga leiden momentan mehr als 2,7 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischem Tinnitus. Tendenz steigend. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser unsichtbaren Qual? Und wie geht man als Betroffener damit um?

Kopfschmerzen, Piepsen, Klingeln oder Rauschen. Tinnitus äußert sich bei den meisten Betroffenen auf unterschiedliche Art und Weise. | Bild: Lea Allgayer

Stell dir vor, du bist auf einem Festival: Voller Vorfreude auf das geilste Wochenende deines Lebens, stürzt du dich auf den Zeltplatz. Bei Bier und Dosen-Ravioli steigt die Stimmung. Als schließlich die Eröffnungsshow beginnt, spürst du den Alkohol gemischt mit Vorfreude durch deine Adern pulsieren. Der Gitarrist legt los und als das Schlagzeug einsteigt, merkst du plötzlich einen stechenden Schmerz im Ohr. Deine Freunde und das Konzert verstummen, was bleibt ist ein nicht enden wollender, gellender Schrei.

So ähnlich erging es Jan. Der heute 23–jährige Bachelorstudent erlitt vor fünf Jahren ein Lärmtrauma während eines ACDC-Konzertes. Seitdem ist der pfeifende Ton sein ständiger Begleiter.

Woher hat Jan seinen Tinnitus? Und wie hat er sich die ersten Tage nach dem Hörsturz gefühlt?

Unsichtbares Leiden

Bereits über ein Viertel der Deutschen hat schon mindestens einmal unter einer Tinnitus-Periode gelitten. Jan ist mit seinem Problem nicht alleine, doch trotzdem wird kaum über das Thema gesprochen. Auch, weil die Tinnitus-Symptome für Außenstehende schwer nachvollziehbar sind.

Andreas Nowack, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) und Allergologe, erklärt das Phänomen folgendermaßen: „Man sieht nichts am Ohr. Die Betroffenen können ganz normal hören und haben zusätzlich ein Geräusch im Ohr, das plötzlich auftreten kann und im Kopf drinnen ist." Dass Tinnitus vor allem psychisch beeinflussbar sei, mache das Thema so kompliziert. Deshalb spricht der HNO mit seinen Patienten über Ohrgeräusche – lateinische Namen wie „Tinnitus" würden seiner Meinung nach das Krankheitsbild verschlimmern.

Wo und wodurch Ohrgeräusche entstehen können, weiß man nicht genau. Nowack geht davon aus, dass Betroffene immer eine Verletzung am Ohr haben: „Das Gehirn sagt dann: Da geht nichts mehr und dreht den Verstärker auf. Dadurch wird ein ‚Nichts‘ verstärkt, was dann eine Art Ohrgeräusch entstehen lässt." Tinnitus sei keine Erkrankung, sondern ein Symptom einer Krankheit, wie beispielsweise Schwerhörigkeit.

Ohrgeräusche mit Geschichte
Das Wort Tinnitus stammt aus dem lateinischen und bedeutet „das Klingeln der Ohren". Dass bereits die Römer das Phänomen kannten, lässt auf eine lange Geschichte des Tinnitus schließen. So wurden bereits 2700 v. Chr. im alten Mesopotamien die ersten Ohrgeräusche beschrieben.
Der Reformator Martin Luther beschreibt seinen Tinnitus so: „Niemand glaubt mir, wie viel Qual mir der Schwindel, das Klingeln und Sausen der Ohren verursacht. Ich wage nicht, eine Stunde ununterbrochen zu lesen, auch nicht etwas klar zu durchdenken oder zu betrachten; sogleich ist nämlich das Klingeln da und ich sinke der Länge nach dahin."

Therapiemöglichkeiten

Doch wie kann man Schmerzen, die nicht nachvollziehbar sind, therapieren? Für Jan ein langer Prozess: Nachdem die Behandlung beim ersten Hals-Nasen-Ohrenarzt durch blutverdünnende Mittel kein Ergebnis brachte, wandte er sich an seinen Nachbarn – ebenfalls HNO.

Welche Therapiemöglichkeiten hat Jan bereits ausprobiert?

Auch Nowack distanziert sich klar von einer Behandlung mit blutverdünnenden Mitteln: „Häufig wird mehr über die psychische Arbeit erreicht als mit Medikamenten." Bei frischen Ohrgeräuschen empfiehlt der Arzt die Anwendung von Cortison, das die Schmerzen lindern und das Gehör wiederherstellen kann. Nach Monaten jedoch sei eine medikamentöse Behandlung nicht mehr angebracht: „Man sollte sich ablenken. Wenn man nicht auf das Ohrgeräusch hört, wird es mit der Zeit leiser und verschwindet im akustischen Hintergrund." Hilfe könne ein Zimmerspringbrunnen, Musik oder Bewegung bringen.

Moderne Therapiemöglichkeiten wie die Tinnitus-Retraining-Therapie konzentrieren sich auf die Verarbeitung des Tinnitus im zentralen Nervensystem und setzten auf ein Ärzteteam aus HNO, Allgemeinarzt, Neurologe und Psychotherapeut.

„Schweigen" als Lösung?

Gerade am Anfang hatte Jan Probleme sich auf Gespräche zu konzentrieren. Das ständige „Fiepen" im Hintergrund forderte seine Konzentration so stark, dass er seine Umgebung nicht vollständig wahrnehmen konnte. Erst als er anfing sich mit dem Thema auseinander zu setzen und es zu akzeptieren, milderten sich die Umstände.

Andreas Nowack sieht in einer zu starken Beschäftigung mit den Ohrgeräuschen einen Teufelskreis: „Je mehr das Geräusch beachtet wird, desto stärker kommt es ins Bewusstsein. Umso mehr es im Bewusstsein ist, desto eher hört man hin. Es wird eine Betonbrücke zwischen Ohrgeräusch und Bewusstsein gebaut." Ganz verschweigen will Jan seinen Tinnitus aber trotzdem nicht. Auf Nachfrage spricht er offen über das Thema.

Hilft Jan das „Verschweigen" seines Ohrgeräusches?

Hörschutz beim Disco-Besuch

Durch zunehmende Lautstärke in Clubs oder auf Festivals ist Tinnitus ein Thema, das heutzutage immer mehr junge Menschen betrifft. Kurz nach dem Besuch in der Disco klagen viele über ein Piepsen im Ohr. Der Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sieht die Heilungschancen jedoch relativ groß, wenn diese Art von Ohrgeräusch sofort behandelt wird. Jungen Leuten mit bereits bestehenden Hörschäden rät Nowack aber dringend zu einem Gehörschutz in der Disko: „Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Es gibt kleine Tannenbäumchen, die man sich in die Ohren stecken kann oder ein angepasster Gehörschutz mit Filter vom Akustiker, der die schlimmsten Impulse außen vorlässt."

Warum sind viele Jugendliche leichtsinnig beim Feiern? Was macht Jan, wenn er in eine Diskothek geht?

Jan hat trotz seines Tinnitus die Freude am Feiern nicht verloren. Momentan hat er ihn – auch durch Verschweigen und Akzeptieren – so weit in den Griff bekommen, dass ihn dieser tagsüber fast nicht mehr belästigt. Nachts benötigt er zwar meistens noch Hörbücher zum Einschlafen, fühlt sich aber zurzeit durch die Ohrgeräusche nicht eingeschränkt. Auch eine positive Eigenschaft konnte er aus der ganzen Sache ziehen: Sein Tinnitus dient ihm mittlerweile als Stressindikator, der ansagt, wann Zeit für eine Pause ist.

Tinnitus ist sehr individuell. Was andere Betroffene darüber denken, erfahrt ihr, sobald ihr mit der Maus über die Punkte fährt. Hierfür am Ohrläppchen anfangen. Grafik: Lea Allgayer via Thinglink

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Über den Autor

Lea Allgayer

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16