Innovation im Museum

Geschichte neu erleben - 3D-Druck macht’s möglich

19.01.2016

Wie sah ein antikes Herrscherhaus aus, wie fühlt sich ein historischer Schädel an oder wie liegt der Dolch in der Hand, mit dem Cäsar ermordet wurde? Geschichte ist oft abstrakt und weit weg. 3D-Druck kann das ändern und Geschichte begreifbar machen.

Wer schon immer einmal einer herausragenden Persönlichkeit der Geschichte am Kinn kratzen wollte, hat dazu in Mannheim die Gelegenheit: Die Reiss-Engelhorn-Museen rekonstruierten den Schädel von Anna Luisa Maria de’ Medici per 3D-Druck. Ihren Kopf gibt es jetzt als detailgenaue Replik.

Das Verfahren des 3D-Drucks hat in den letzten Jahren bereits einige Lebens- und Arbeitsbereiche umgekrempelt: Bauteile für Autos, medizinische Prothesen, Essen oder sogar ganze Häuser aus dem 3D-Drucker sind bereits Realität. Inzwischen ist die Technologie auch im Museum angekommen. Mit 3D-Druck können Modelle von antiken Tempeln oder mittelalterlichen Burgen und detailgenaue und teilweise farbechte Repliken von Originalfunden wie dem Schädel der Medici angefertigt werden.

3D-Druck im Museum

Burgenmodelle oder Kopien von Skeletten und Schädeln - so werden 3D-Modelle im Museum eingesetzt

Geschichte zum Anfassen

Besucher können Originale in der Regel hinter Glas bestaunen, aber sie dürfen sie nicht anfassen. Die Fundstücke sind zu fragil und zu empfindlich. Bei 3D-Modellen ist das anders: Anfassen und Nachempfinden der Form, Struktur und Maserung ist sogar erwünscht. Angelika Zinsmeier ist Referentin für Vermittlungsarbeit im Archäologischen Museum Colombischlössle in Freiburg. Sie erklärt, dass Besucher einen direkteren Zugang zu bestimmten Exponaten bekommen und ihr Verständnis erweitert wird, es biete einen ganz neuen Erfahrungsraum: „Besonders für Kinder oder sehbehinderte und blinde Personen ist das eine fantastische Möglichkeit."

Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart hat bereits 2004 mit einer Vorform des klassischen 3D-Drucks Kopien von wertvollen Holztierfiguren hergestellt. Bei der sogenannten Stereolithografie wird Epoxidharz mit einem Laser ausgehärtet. Eine Tierfigur zeigt einen Hirsch mit überlangen Ohren und angewinkelten Vorderläufen, die zum Sprung ansetzen. „Blinde können sich die Beschreibung des Hirschen im Audioguide anhören, dann haben sie zwar schon ein Bild vor Augen, aber wenn sie es anfassen, die genauen Formen ertasten und die Strukturen und die Maserung abtasten können, dann sagen sie ‚Wow‘, ‚das ist ja ein seltsam aussehender Hirsch‘", berichtet Thomas Hoppe, Referatsleiter für vorrömische Metallzeiten am Landesmuseum Württemberg. 3D-Druck mache es möglich, dass Besucher Funde selbst in die Hand nehmen und spüren können, wie eine Tierfigur, eine Trinkschale oder eine Büste, geformt oder strukturiert ist. Wie das Original riecht oder welche Temperatur es hat, kann ein 3D-Druck allerdings nicht vermitteln. Noch werden die Kopien meist aus Kunststoff hergestellt – aber auch in diesem Bereich wachsen die Möglichkeiten – es kann sogar mit Metallen gedruckt werden.

Geschichte interaktiv erleben

Der 3D-Druck macht das Museum zur Theaterbühne: Opferrituale in Tempeln werden originalgetreu nachempfunden und Stadtmodelle zeigen, wie das Leben früher aussah. So erzählen 3D-Repliken Geschichte durch Geschichten. Fundstücke in Ausstellungen einzeln unter Glashauben zu bestaunen, kann schnell langweilig werden. „3D-Kopien dagegen ermöglichen es, räumliche, zeitliche und inhaltliche Zusammenhänge zu visualisieren und Situationen zu re-arrangieren", erläutert Angelika Zinsmeier. So können Kopien so zusammen angeordnet werden, wie sie bei der Ausgrabung gefunden wurden. Bei zerbrechlichen Originalen wäre das undenkbar. Ein Fundstück fehlt, weil es das Museum nicht ausleihen kann? Kein Problem: Der 3D Drucker liefert Ersatz.

3D-Kopien illustrieren Geschichte und machen sie unmittelbar erfahrbar. Sie wird dadurch in ihrem Gesamtzusammenhang für Besucher begreifbar: „Das hat natürlich einen interaktiven Erlebnischarakter, aber es gibt auch immer ein großes Potenzial an Informationen weiter", sagt Angelika Zinsmeier.

Geschichte bewahren

Originale sind zerbrechlich, Kopien können sie schützen und Kulturgüter für zukünftige Generationen bewahren: „Repliken sind eine fantastische Möglichkeit, Funde in ihrem dreidimensionalen Erscheinungsbild dem Publikum zu zeigen und zwar auch da, wo es sonst nicht möglich wäre", beschreibt Thomas Hoppe. Der 3D-Druck kann antike Funde auch reparieren oder ergänzen, erklärt Doris Döppes. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeitern im Labor für Materialforschung an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. „Beispielsweise kann bei einem Schädelfund, bei dem der Unterkiefer fehlt, das Gesicht digital rekonstruiert werden." Mit 3D-Druck kann der Schädel dann vollständig ausgedruckt und dem Besucher veranschaulicht werden. Sogar das Kratzen am kurfürstlichen Kinn wird möglich.

Geschichte kopieren

Es gibt bereits Ausstellungen, die nur noch mit Kopien arbeiten. Die Wanderausstellung „Tutanchamun – sein Grab und die Schätze" zeigt das Grab des ägyptischen Pharaos, wie es 1922 entdeckt wurde, ohne ein einziges Original zu verwenden. Sie tourt durch ganz Europa und das mit großem Erfolg – seit 2008 bestaunten über sechs Millionen Besucher Tutanchamuns Grabkammer. Auch 3D-Kopien locken also viele Besucher ins Museum und können faszinieren. Können sie aber Originale wirklich ersetzen?

Original oder Kopie: Was ist authentisch?

Professor Dr. Thomas Thiemeyer vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen erklärt, was es mit der Authentizität von Museumsobjekten auf sich hat. Foto: ArcTron 3D GmbH

Noch kratzen Museen „nur an der Oberfläche der Möglichkeiten", die 3D-Kopien bieten, wie Thomas Hoppe glaubt. Das Potenzial, Museen tiefgreifend zu verändern, hat der 3D-Druck allemal.

Weitere Informationen:

Neugierig geworden? Wer genau erfahren will, wie der 3D-Druck funktioniert, kann eine Schulung an der Hochschule der Medien machen. Die Verfasste Studierendenschaft bietet einmal pro Semester einen Kurs für Studierende zum Lernen und Ausprobieren mit 3D-Druck an.

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Über den Autor

Christiane Dehn

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16