Gefängnis-Chor in Karlsruhe

Glaube und Gesang helfen hinter Gittern

30.06.2017

Jeden Mittwoch kommen Ehrenamtliche in die Justizvollzugsanstalt nach Karlsruhe, um gemeinsam mit den Inhaftierten zu singen. Der Chor wurde 2004 ins Leben gerufen und hilft seitdem, eine Brücke zwischen dem Leben im Gefängnis und der Welt vor den Gittern zu bauen.

In der Gefängniskirche der JVA Karlsruhe singen bis zu zehn Inhaftierte gemeinsam mit Freiwilligen, die einmal in der Woche die Menschen hinter Gittern besuchen. | Foto: Maximilian Wolf, David Groß

Das Quietschen der Straßenbahn übertönt das Zwitschern der Vögel, die sich im dicken Laub der Bäume ihr Nest gebaut haben. Hinter der Tram erscheint ein großes Gebäude, das mit seiner Backsteinfassade und den Säulen aus Sandstein an ein Museum erinnert. Nur die Gitter vor den Fenstern und der Stacheldraht auf den Giebeln wirken auf den ersten Blick ungewohnt.

Die Justizvollzugsanstalt Karlsruhe (JVA) ist an das Landgericht angegliedert und liegt mitten im westlichen Zentrum der Fächerstadt. „Als das Gefängnis Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, war das hier noch der Stadtrand", sagt Michael Drescher. Der Pastoralreferent ist schon seit vielen Jahren katholischer Seelsorger in der JVA. Mit einem Lächeln begrüßt er eine Gruppe von Menschen. Unter ihnen sind Helga und Eckhardt. Beide haben ein ungewöhnliches Ehrenamt. Einmal in der Woche besuchen sie gemeinsam mit Michael Drescher und anderen Freiwilligen die JVA Karlsruhe, um mit den Insassen zu singen.

Jede Probe hilft den Häftlingen, kurzzeitig dem Alltag zu entfliehen

Seit 13 Jahren existiert der Gefängnis-Chor in der JVA Karlsruhe. Dabei stand Michael Drescher unmittelbar vor der Chorgründung vor einem Problem. „Durch die bauliche Beschaffenheit bietet die JVA nur für 120 Häftlinge Platz. Deswegen wird das Gebäude ausschließlich für den Zeitraum der Untersuchungshaft genutzt. Die meisten Insassen verlassen die JVA nach sechs bis zwölf Monaten wieder", sagt Drescher. Auf der Suche nach „einem Stamm von Sängern, die immer da sind", kam der Gefängnisseelsorger schließlich auf die Idee, nach Ehrenamtlichen zu suchen. Viele von ihnen, so wie Eckhardt und Helga, kommen schon seit Jahren in die JVA. Auf dem Fahrrad rollt Ralph Hammer über den Straßenbahnübergang. Um den Chor möglichst professionell zu führen, leitet der Kirchenmusiker einmal in der Woche den ungewöhnlichen Singkreis.

Die Chorprobe begeistert sowohl die Ehrenamtlichen als auch die Insassen der JVA Karlsruhe. | Video: David Groß, Maximilian Wolf

Vor der jetzt vollzähligen Chorgruppe öffnet sich die schwere Eingangstür. Die Handys müssen abgegeben werden, Besucher übergeben ihren Personalausweis den zuständigen Beamten. Die zweite Pforte der Sicherheitsschleuse ins Innere öffnet sich nur, wenn die erste Tür geschlossen ist. Im Gefängnistrakt warten schon die ersten Insassen vor dem Eingang zum Kirchenraum. Hier trifft sich der Chor jede Woche. Neben der Tür steht ein Wagen mit Mittagessen, durch die engen Fenster des Raums quälen sich die Lichtstrahlen des Innenhofs mühsam in die kleine Kirche.

Heute sind nur drei Insassen bei der Chorprobe. Daniel* und Stefan* sind erst seit wenigen Tagen in der JVA. Marcel* war schon bei ein paar Chorproben dabei. Die anderen Sänger wurden entweder in eine andere Anstalt verlegt oder aus der Haft entlassen.

Dementsprechend verhalten beginnen die Inhaftierten mit den Aufwärmübungen. Geholfen wird ihnen von den erfahrenen ehrenamtlichen Sängern. Helga kommt beispielsweise schon seit elf Jahren in die JVA und freut sich jede Woche erneut auf die musikalische Auszeit: „Jede Probe tut mir selbst gut, da ich sehr gerne singe." Es wirkt wie ein Paralleluniversum, in das die Ehrenamtlichen Woche für Woche eintreten. Angst habe Eckhardt aber noch nie gehabt: „Ich bin mir klar, dass ich in ein Gefängnis gehe. Ich weiß nicht, was jeder einzelne an Emotionen so mitbringt, aber ich fühle mich hier sicher. Besonders wichtig ist das Vertrauen, denn das Singen ist etwas sehr Emotionales. Darauf muss man sich einlassen und sich zeigen."

Ehrenamtliche kommen nach der Probe mit Häftlingen ins Gespräch

Je länger der Chor gemeinsam singt, desto mehr steigt auch das Vertrauen. Schon bald hallen Lieder durch den kleinen Kirchraum – christliche aber auch weltliche Gesänge. So singen alle gemeinsam „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn" oder passend zur Jahreszeit „Der Mai ist gekommen." Eckhardt findet es „immer wieder erstaunlich, was hier nach eineinhalb Stunden erklingt". Schließlich müsse man bedenken, dass die Inhaftierten geringe bis gar keine Gesangserfahrung hätten.

Auch die Chor-Neulinge Daniel und Stefan sind nach ihrer Premiere positiv überrascht. „Es gibt sehr wenige Freizeitangebote. In die meisten ist es sehr schwer, hereinzukommen. Der Chor hat mir sehr gut gefallen", sagt Daniel. Beide wollen in der kommenden Woche wiederkommen. Für die Häftlinge ist der Chor einer der wenigen Kontakte zur Außenwelt. Oft kommen die Ehrenamtlichen nach der Probe noch für wenige Minuten mit ihnen ins Gespräch. Nach zwei Stunden müssen die Inhaftierten allerdings wieder in ihre Zellen und die Freiwilligen die JVA verlassen.

Umso intensiver wirkt jetzt der Singsang der Vögel und die Geräusche der Tram, die sich erneut zwischen den alten Mehrfamilienhäusern und dem Gefängnis ihren Weg bahnt. Michael Drescher verabschiedet sich von den Freiwilligen. Natürlich nur bis zur nächsten Chorprobe, denn eines steht für den Seelsorger fest: „Ohne die Ehrenamtlichen würde unser Chor nicht funktionieren. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass unser Konzept bereits Nachahmer gefunden hat, bei denen sich das Modell ebenfalls bewährt." (*Namen von der Redaktion geändert)

Ein Besuch im Gefängnis-Chor der JVA Karlsruhe

Einmal in der Woche treffen sich Ehrenamtliche, um gemeinsam mit Insassen der JVA Karlsruhe zu singen. | Fotos: Maximilian Wolf, David Groß

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