Ost-West-Liebesgeschichte

Grenzenlose Liebe

21.06.2016

Stell dir vor, du lernst den Menschen kennen, mit dem du dein Leben verbringen möchtest. Wie fühlt es sich wohl an, wenn ihr nicht zusammen sein könnt, weil eine Grenze euch trennt? Bei Heinz und Ursel war das so. Heute, 61 Jahre nach ihrem Kennenlernen erzählen sie ihre Geschichte. Es geht nicht nur um Liebe, sondern auch um eine Zeit in der Ost und West noch nicht vereint waren.

Wie kann eine Liebe über Grenzen hinweg funktionieren? |Bild: Geraldine Nirschl

2. Weihnachtsfeiertag 1954. Ein kühler Winterabend in Wefensleben, einem verschlafenen Dorf in der DDR, nahe Magdeburg. Auf einem Tanzabend trifft die 16-jährige Schülerin Ursel zum ersten Mal auf den fünf Jahre älteren Mechaniker Heinz.

Heinz erinnert sich: „Ich war an diesem Abend mit einem Freund und seiner Frau zum Tanzen verabredet. Große Lust hatte ich allerdings nicht. Gedankenverloren ließ ich meinen Blick umherschweifen, als mein Freund mich auf ein Mädchen in einem blauen Kleid aufmerksam machte. Es war Liebe auf den ersten Blick." Er nahm all seinen Mut zusammen und sprach sie an, belohnt wurde er dafür mit zwei Tänzen.

Wiedergesehen haben sie sich einige Monate später. „Durch Zufall habe ich erfahren, dass Ursel an diesem Abend auf einer Tanzveranstaltung im Nachbarort sei. Da habe ich meinen besten Tanzanzug rausgeholt und bin dahin gefahren", erzählt Heinz. Dort habe er Ursel, im Austausch gegen eine Verabredung, zum Likör eingeladen. Aus einer Verabredung wurden viele.

Das junge Glück sollte allerdings nicht von Dauer sein. Die politischen Verhältnisse zwischen Ost und West waren angespannt. Zwar sollte die Mauer erst sieben Jahre später gebaut werden, doch gab es schon eine Grenze zwischen der DDR und West-Berlin. Um im Ernstfall militärisch reagieren zu können, mussten sich die jungen Männer in der Armee verpflichten. Für Heinz war dies allerdings keine Option. Er habe mit elf Jahren das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt und dessen Auswirkungen gesehen. „So traf ich die Entscheidung nach Westdeutschland zu fliehen", sagt Heinz.

Eine Entscheidung mit Folgen

Von da an ging alles ganz schnell: Am 17. Juni 1955, zwei Tage nach seinem Entschluss, machte sich Heinz auf den Weg in den Westen. Zurücklassen musste er nicht nur seine Familie, sondern auch die Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte.

Was waren Heinz letzte Worte zu Ursel vor seiner Flucht?

„Es wäre naiv gewesen zu hoffen, dass er mich nachholt, da wir uns erst sechs Monate kannten", erzählt Ursel. Trotz der kurzen gemeinsamen Zeit war sie traurig und vor allem besorgt. Für Heinz war die Flucht allerdings seine einzige Möglichkeit, der Diktatur zu entkommen. Er erinnert sich: „Mir pochte das Herz bis zum Hals, als ich in den Zug nach West-Berlin stieg. Ich war das erste Mal von Zuhause weg und es gab keinen Weg zurück." Stunden später die Erleichterung: Heinz gelangte ohne Kontrolle über die Grenze. In West- Berlin wurde er zunächst in einem Jugendauffanglager registriert. „Wir wurden gewarnt, nicht mit fremden Leuten zu reden. Die Stasi versuchte ständig Männer aus dem Lager zu holen, um sie dann ins Gefängnis zu stecken."

Als Dauerlösung sollte das Auffanglager nicht dienen. Da Heinz fest davon überzeugt war, dass man nur im Ruhrgebiet Geld verdienen könnte, äußerte er den Wunsch sich dort ein neues Leben aufzubauen. Seinem Wunsch wurde nachgekommen–Dortmund sollte sein neues Zuhause werden. Dort fand er schnell Arbeit als Feinmechaniker. Die Tatsache, dass viele junge Männer das gleiche Schicksal hatten, machte den Neustart einfacher. Die Frau im blauen Kleid vergaß er jedoch nicht. Dennoch war es schwer, den Kontakt aufrechtzuerhalten. „Wir hatten sporadischen Briefkontakt, wirklich gebunden habe ich mich damals aber nicht gefühlt", erzählt Ursel.

Nachdem ein Jahr verstrichen war, bekam Heinz eine Aufenthaltsgenehmigung, um über Weihnachten zu Besuch zu kommen. Ursel erinnert sich: „Es war alles so wie früher, da war mir klar, dass wir zusammengehören." Drei weitere Jahre standen sie nur über Briefe und wenige Besuche durch Heinz in Kontakt. Jemand anderes habe es in dieser Zeit für keinen von beiden gegeben, doch war auch klar, dass sich etwas ändern müsse. Im Frühjahr 1959 verlobten sie sich. Ob dies für Ursels Eltern in Ordnung gewesen sei? „Sie haben schnell gemerkt, dass sie keine andere Wahl hatten, als unsere Beziehung zu akzeptieren." Spätestens nach der Verlobung war also klar: Die Wochen ohne einander waren gezählt.

Brief aus dem Jahr 1959 |Grafik: Malin Zeuchner

Ende Juli stand Ursels Flucht bevor. Ihre Lehre als Bankkauffrau hatte sie beendet und so hielt sie nichts mehr auf. Um sich zu verabschieden, verbrachte Ursel einige Tage mit ihrer Familie in Thüringen bei ihren Großeltern. Eine schwere Zeit. „Meine Mutter kam jeden Morgen mit verheulten Augen die Treppen runter." Nach den Tagen des Abschieds brachten Ursels Eltern sie nach Magdeburg, wo die Eltern von Heinz wohnten. „Die Fahrt dorthin war furchtbar. Als meine Schwiegermutter mich so traurig sah, sagte sie, ’Mädchen, wenn dir das zu schwer wird, dann bleib doch hier’, ich wollte aber nicht bleiben, ich wollte einfach nur, dass es schnell vorbei geht."

Der Neuanfang

So riskierte auch Ursel ihre Freiheit, um frei zu sein. „Wäre ich aufgeflogen, hätte ich ins Gefängnis kommen können." Von Magdeburg fuhr sie mit dem Zug nach Berlin. Von dort aus weiter nach Hannover, immer mit dem Hintergedanken erwischt zu werden. Eine nervenaufreibende Flucht, bis sie unversehrt an ihrem Ziel ankam.

Heinz und Ursel in jungen Jahren |Grafik: Malin Zeuchner via Thinglink| Bild: Privat

Nach all den Strapazen der letzten Monate waren Heinz und Ursel froh, endlich vereint zu sein. Da es damals unsittlich war, wenn ein Mann und eine Frau zusammenlebten, aber nicht verheiratet waren, traten sie zwei Wochen nach Ursels Ankunft vor den Altar. Natürlich war nicht alles von Anfang an perfekt. Die kleine Wohnung, die sie sich mit einem Arbeitskollegen von Heinz teilten, war alles andere als luxuriös. „Die Toilette befand sich auf dem Flur und wurde mit drei Familien geteilt", erzählt Ursel. Ein Bad hatten sie nicht. So gingen sie einmal die Woche in eine Badeanstalt, wo es öffentliche Duschen gab – für mehr fehlte das Geld. „Wir mussten jeden Pfennig umdrehen. Da hat man sich schon zweimal überlegt, was man sich leistet." Hinzu kam die Sehnsucht nach ihren Eltern. „Die erste Zeit war hart für mich, es gab ja damals noch keine Telefone und an den Telefonzellen musste man ewig anstehen."

Bis heute war es ein langer Weg. Ein Weg voller Höhen und Tiefen, die sie gemeinsam meisterten. Natürlich war es nicht einfach, doch haben sie nie aufgegeben, für ihre Liebe zu kämpfen. Heinz ist heute 82 Jahre alt, Ursel 78, seit 57 Jahren sind sie verheiratet. Sie haben einen Sohn und zwei Enkelkinder. Stolz blicken Heinz und Ursel auf ihre gemeinsame Zeit und mit Zuversicht in die Zukunft.

                               Seit 57 Jahren sind sie nun glücklich verheiratet | Bild: Malin Zeuchner

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Über den Autor

Malin Zeuchner

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016