Ein Leben für Vögel

Große Hilfe für kleine Klangkünstler

27.06.2017

Den Eisbären schmelzen die Eisschollen unter den Pfoten weg. Die turmhohen Wipfel der Bäume in Sumatra, in denen die Orang-Utans wie Tarzan umher schwingen, werden gerodet. Doch auch in unseren Wäldern werden Vögel und Eichhörnchen gezwungen, sich auf die Pelle zu rücken. Das bekommen Wildtierretter wie Manuela Götz zu spüren, die alle Hände voll zu tun haben.

Ein beliebter Gartenvogel, den man gerne sieht. Doch wie lange noch? Der Haussperling steht auf der Vorwarnliste der Roten Liste. |Foto: Fotonatur

Alles fing mit einem Fund ihrer kleinen Tochter im Jahr 2012 an: Ein kleines, hilfloses Vogelküken. Offenbar war es aus dem Nest gefallen, so klein wie es war. Nicht lange gezaudert, nahmen Manuela Götz und ihre Tochter den Vogel mit nach Hause – und päppelten ihn dort wieder auf. Diese spontane Hilfe blieb aber nicht einmalig. Es sollte noch einiges an Arbeit kommen.

Jungvögel, die aus dem Nest der Mutter fallen, werden im Fachjargon als „Nestlinge" bezeichnet. Die Anzahl der Nestlinge, die in Wildtierrettungsstationen aufgenommen werden, wächst immer weiter. Die Gründe dafür sind oft auf uns Menschen zurückzuführen. Wenn im Baum des eigenen Gartens ein Vogel sein Nest pflanzt und die Jungvögel erst einmal geschlüpft sind, was haben sie dann? Klar, einen Bärenhunger, der gestillt werden muss. Und dies wird mit aller Kraft des Zwitscherorgans kundgetan. Nicht wenige ereilt deshalb das Schicksal, dass der menschliche Baumbesitzer das Nest herunterholt und die Vögel quasi zu „Obdachlosen" werden.

Von Menschenhand gemacht

Doch das alleine kann nicht der Grund für die stetige Zunahme sein. Ein Grund für die steigenden „Nestlings-Zahlen": Das in der Landwirtschaft und Tierhaltung entstehende Ammoniak. Dass das Gas in die Luft gelangt, ist nicht zu verhindern. Die hohen Luftkonzentrationen schon, die die Pflanzen in der Umgebung schwer schädigen können. „Saurer Regen" entsteht durch die im Ammoniak enthaltenen Ammoniumsalze, die Bäume, Böden und Gewässer in Mitleidenschaft ziehen. Bei einem Waldspaziergang ist es an Bäumen zu erkennen, die keine Blätter mehr tragen und völlig kahl stehen.

Der erste offizielle Rettungsfall nach dem Spontaneinsatz war deshalb wieder ein „Nestling": Eine kleine Ringeltaube. Durch den Fund der Tochter sprach sich der Einsatz von Manuela Götz schnell in Schwäbisch Gmünd herum. „Tierärzte und Tierheime fragten, ob sie mich kontaktieren dürften, wenn ihnen ein Wildtierfall bekannt wird", sagt Manuela. Zwei Monate dauert es in der Regel, bis ein Wildtier wieder fit für die Natur ist. Das bedeutet einen finanziellen Aufwand, den Manuela Götz zum Großteil alleine stemmt: „Alles ist aus privaten Mitteln finanziert, mit gelegentlichen Ausnahmen in Form von Sach- oder Geldspenden."

Mehr und mehr Vogelarten sind in ihrem natürlichen Lebensraum bedroht. Als Offenlandarten bezeichnet man die Vögel, die in der Natur leben und keine Ziervögel sind. |Grafik: Max Ehrenfeld via Piktochart

Eine schrecklich tierische Familie

Wildtierrettungsstationen sind oftmals in nicht mehr genutzten Gebäuden untergebracht. Manuela hat ihre aber in ihrem Privathaus angelegt. Der Dreck und Lärm würde viele davor zurückschrecken lassen, aber nur auf den ersten Blick. Manuela Götz erklärt ihre Entscheidung, als sei es völlig selbstverständlich.

Aktuell beherbergt sie stolze „50 Singvögel, zwei Tauben, fünf Dohlen, zwei Elstern und zwei Eichhörnchen". Wie lebt es sich wohl in so einer wortwörtlich tierischen Großfamilie? „Tagsüber kann es die Hölle sein, doch nachts ist Ruhe", erklärt Manuela. Im Hintergrund sind die Tauben eifrig am Gurren. Wer, wenn nicht Manuela Götz könnte die aktuelle Lage der Wildvögel besser einschätzen. „Es kommen immer mehr Nestlinge", erklärt Götz. In direkter Umgebung von Schwäbisch Gmünd steht der Tierpark Lauterstein. Auf einem Teilgebiet des Parks wurden mit dem Ausbau erneuerbarer Energien Windräder platziert. Dafür wurden viele Bäume gefällt, die den Lebensraum der Tiere darstellten.

Verhältnisse im Auge behalten

Eine generelle Gegnerin der Klima- und Umweltschutzpläne der Bundesregierung und dem damit einhergehenden Ausbau erneuerbarer Energien ist Götz nicht. Diese findet sie toll, doch sollten die Verhältnisse im Auge behalten werden. „Geht es auf Kosten der Tiere, weil ihnen Lebensraum weggenommen wird, ist es nicht in Ordnung", meint Manuela.

Eine Frage bleibt noch. Bei etwas mehr über 60 Tieren, bleibt da noch Platz für das eigene Leben? „Ich bin auf der Suche nach etwas Größerem. Ein nicht genutzter Bauernschuppen könnte die Lösung sein", sagt Götz. Erschöpft von den Zuständen klingt es keineswegs.

Ohne Vögel ist das Leben nur halb so schön

Manuela Götz und ihre private Wildtierrettungsstation in Weiler in den Bergen. Sie steht stellvertretend für viele weitere Stationen in Deutschland. Die Arbeit wächst stetig. Das hat vor allem zwei schwerwiegende Gründe.

Der erste Grund: Freie Wiesen werden überweidet. Da durch Bebauung mehr und mehr landwirtschaftliche Fläche verschwindet, müssen beispielsweise Bauern mit Schafsherden auf Wiesen ausweichen. Diese werden dann kahl gefressen. Der zweite Grund ist die industrielle Produktion, die Unmengen an Kohlenstoffdioxid freisetzt. So viel, dass selbst die natürlichen Luftreiniger, die Bäume, die Luft nicht mehr reinigen können. Viele Pflanzen- und Insektenarten, die die Hauptnahrung für Wildvögel bilden, leiden unter der verpesteten Luft und kontaminierten Böden.

Doch was ist ein Wald ohne Tiere? Dahin das Flair von romantischem Vogelgezwitscher, die die Klangkulisse eines schönen Waldspaziergangs bilden. Oder was gibt es Schöneres als an einem schönen Sommertag von Vogelgezwitscher im Kirschbaum vor dem Fenster aufgeweckt zu werden? Das will keiner missen, dem die Vielfalt der Natur am Herzen liegt.

Du willst Vogelexperte werden? Dafür benötigt man einige Grundkenntnisse. Teste dich und erfahre ob du das Zeug zum Vogelkundler hast. |Quelle: Maximilian Ehrenfeld via Zeit Online

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Über den Autor

Max Ehrenfeld

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017