Kostümdesign

Gute Geister hinter der Bühne

25.05.2016

Sie stehen im Schatten und doch sind sie essenziell für den Zauber auf der Bühne. Erst durch sie nimmt jedes Theaterstück reale Züge an, gibt dem Zuschauer die Illusion, die er so genießt. Kostümdesigner wirken im Verborgenen, doch ihre Arbeit ist für jeden sichtbar.

Figurinen und Stoffmuster aller Rollen aus "Reigen"Figurinen und Stoffmuster für „Reigen" aus den Materialien von Teresa Vergho | Bild: Teresa Vergho

Winter 2015 – Teresa Vergho sitzt an ihrem Schreibtisch. Darauf verteilt finden sich Bücher, Bildbände, Fotos und vor allem Skizzen – Ideen und Entwürfe für die Oper „Reigen", die ab April 2016 an der Oper Stuttgart aufgeführt wird. Sie lässt ihrer Fantasie freien Lauf, erinnert sich an Szenen, die sie heute auf der Straße gesehen hat, an Leute, Kleidung, Verhalten. Eignet sich jemand davon als Pate für Kostüme? Das Telefon klingelt. Es ist Nicola Hümpel, die Regisseurin des Stückes. Sie war heute einkaufen und hat dort ein Pärchen beim Essen beobachtet. Der Mann hatte einen leichten Bierbauch. In seiner Hand eine Bratwurst, mit der gleichen Rundung wie sein Bauch. Aus diesem Bild wird für Teresa Vergho plötzlich eine Idee. Sie kehrt an ihren Schreibtisch zurück und fängt an zu zeichnen, zwischendurch googelt sie Bilder. Am Ende entsteht ein Entwurf für das Kostüm des „Ehemanns". Doch bis der Entwurf fertig ist, dauert es mehrere Wochen. Ihm folgen noch die Skizzen für die restlichen Rollen.

Figurine der Rolle "Ehemann" mit InspirationsbildernFigurine der Rolle „Ehemann" mit Beispiel-/ Inspirationsbildern | Bild: Teresa Vergho

Von der Idee zum fertigen Entwurf

Am Anfang des Schaffensprozesses steht die Recherche – im Internet, in Bibliotheken, in Filmen, Fotografie oder der bildenden Kunst. Bei historischen Stücken lassen sich Kostümdesigner häufig von alten Gemälden und Geschichtsbüchern inspirieren, wohingegen sie sich bei modernen Inszenierungen auch auf der Straße umsehen, um Inspiration zu finden. „Reigen" beispielsweise ist eine moderne Inszenierung, somit war Teresa Vergho viel draußen unterwegs, auf der Suche nach skurrilen Leuten. Hat sie eine erste Idee, zeichnet sie Skizzen, häufig schon mit Gesichtern und Figur-Merkmalen der Darsteller. „Diese Schnittstelle zwischen theoretischem Ansatz und gestalterischem Umsetzen macht den Reiz des Kostümdesigns aus", findet Vergho.

Skizzen und Figurinen mit Foto des Darstellers und Angaben zu körperlichen Merkmalen des SchauspielersSkizzen, Figurinen und Angaben zum Darsteller. Fotos der Schauspieler und deren Maße helfen, eine möglichst genaue Vorstellung zu erwecken, wie das Kostüm später aussehen wird. | Bild: Natascha Kratsch

Eine genaue Aussage darüber, wie lange dieser Prozess dauert, lässt sich nicht treffen. Für einige Stücke haben die Kostümbildner mehrere Monate Zeit, bei manchen Inszenierungen hingegen nur wenige Wochen. Für Teresa Vergho begann die Arbeit für Reigen ein gutes halbes Jahr bevor das Stück Premiere feiern sollte.

Kostümdesign
Kostümbild/ Kostümdesign, ist ein essenzieller, aber selten beachteter Beruf in der Welt von Ballett, Theater, Oper und Film. Sie stellen die Outfits für die Protagonisten zusammen und erweitern dadurch das Erzählrepertoire der Darsteller. Kostümdesign ist in Deutschland kein geschützter Beruf, sodass sich im Grunde jeder, der einmal für ein Stück die Kostüme zusammengestellt hat, so nennen darf. Doch die meisten Kostümbildner haben ein Studium wie Bühnen- und Kostümbild und/ oder eine Schneiderausbildung absolviert. Beides bietet eine gute Grundlage für die Anforderungen, die an Kostümbildner gestellt werden, doch sie decken nicht alles ab. Kostümdesign ist ein anspruchsvoller Job, dem wenig Würdigung zuteil wird.

Sie traf sich bereits im Herbst 2015 mit der Regisseurin Nicola Hümpel und versuchte für den schon älteren Stoff des Stückes heutige Typen zu finden. Solche Absprachen mit Regisseuren gehören zum Arbeitsalltag von Kostümdesignern. Denn in fast allen Fällen bekommen sie ihre Vorgaben und zum Teil auch schon erste Ideen von den Regisseuren. Im Laufe des Designprozesses wird häufig Rücksprache gehalten, anfangs nur mit der künstlerischen Leitung, später auch mit Maske, Ausstattern und teilweise auch mit den Darstellern. Meist hat Teresa Vergho eine Frist vor Probenbeginn, zu der sie bereits relativ genaue Figurinen und Ideen abliefern muss. Diese Abgabetermine liegen sehr früh im Produktionsverlauf, damit ausreichend Zeit bleibt, die Kleidung zu kaufen oder speziell anfertigen zu lassen. Sobald die Entwürfe abgegeben sind, helfen Kostümbildner teilweise noch bei der Beschaffung, manchmal auch bei der Fertigung der Kostüme. Dies wird jedoch in der Regel der Theaterschneiderei überlassen. Dennoch haben die Designer weiterhin einen Blick auf die Kostüme und stehen bei Rückfragen oder Problemen zur Verfügung.

Mit Hindernissen muss man rechnen

Solche Probleme können in vielerlei Gestalt auftreten. Der Regisseur hat plötzlich neue Ideen, oder man muss kurz vor der Premiere noch etwas ändern, vielleicht gar weglassen. Oder „wenn man Sachen anfertigen lässt" sagt Teresa Vergho. „Es wird viel Liebe hineingesteckt, die Werkstätten bemühen sich und das Kostüm ist wunderschön geworden. Aber dann sieht man es zum ersten Mal auf der Bühne und merkt: irgendwie stimmt es nicht. Dann muss man sich davon verabschieden", erzählt sie. Aber auch die Darsteller können Widrigkeiten verursachen. Eitelkeit zum Beispiel ist eine Quelle für Schwierigkeiten, wenn sich Schauspieler in ihren Kostümen nicht hübsch fühlen oder eigene Ideen haben und diese für viel besser erachten. Dann ist ein sehr hohes Maß an Diplomatie und Einfühlsamkeit, aber auch Konsequenz und Durchsetzungsvermögen von Nöten. „Hierfür muss man die richtige Persönlichkeit haben", sagt Teresa Vergho.

Sind schließlich alle Hindernisse beseitigt, die Kostüme fertig und die Proben im Endspurt, achtet der Kostümbildner in den Garderoben noch darauf, dass die Kostüme vollständig sind und so aussehen wie geplant.

Am Ende erhalten Kostümdesigner für die viele Arbeit und Mühe, die sie in eine Produktion gesteckt haben, verhältnismäßig wenig Anerkennung. Zur Premiere werden sie, zusammen mit Regie, Licht und Bühnenbildnern, auf die Bühne gebeten – natürlich erst nach den Schauspielern. Doch im weiteren Verlauf der Spielzeit betreten sie die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht mehr.

Teresa Vergho
Teresa Vergho wurde 1980 in Regensburg geboren. Nachdem sie sich bereits in ihrer Jugend mit Schneiderei und Kostümen beschäftigt hatte, begann sie ihre Laufbahn mit einer Lehre zur Schneiderin. Im Anschluss studierte sie Kostüm- und Bühnenbild in Dresden und Berlin. Die Verbindung des Theoretischen, des Künstlerischen und der Handarbeit fasziniert sie bis heute. Weitere Informationen zu ihrer Person, und ihren Werken unter: http://www.teresavergho.de/info/

Das Stück ist zu Ende, die Schauspieler haben ihren Applaus bekommen. Teresa betritt die Bühne. Sie ist stolz auf sich, vielleicht nicht hundertprozentig zufrieden mit ihrer Arbeit – all die Kleinigkeiten, die man anders, besser, hätte machen können, die aber anders nicht umsetzbar gewesen wären. Trotzdem hat dem Publikum der Abend gefallen und das ist es, was für sie zählt. Stolz und Aufregung dominieren ihre Gefühlswelt, auch wenn sie dies schon viele Male erlebt hat: „Das bleibt immer etwas Neues, das nie in eine Routine fallen kann." Während sie den Applaus genießt, erinnert sie sich daran, was den Reiz ihres Berufes ausmacht: „Es ist jedes Mal wieder toll und anders, weil man immer neue Themen und Aufgaben hat und mit unterschiedlichen Leuten arbeitet." Die Darsteller werden die nächsten Wochen den Applaus für ihre Arbeit genießen, doch Teresa Vergho wird nicht mehr an der Oper Stuttgart sein. Sie zieht weiter zum nächsten Projekt, wieder zurück in den Schatten.

Die freie Kostümdesignerin Teresa Vergho in der Stuttgarter OperTeresa Vergho in der Oper Stuttgart | Bild: Natascha Kratsch

Impressionen aus der Welt des Kostümdesigns

Die Welt von Kostümdesignern ist sehr vielfältig und künstlerisch geprägt.

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Über den Autor

Natascha Kratsch

Crossmedia Redaktion und Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16