Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern

Haben krumme Gurken eine Zukunft?

12.11.2014

Glatte Haut, glänzendes Erscheinungsbild und perfekte Maße – all das könnten Slogans aus der Beautybranche sein. In diesem Fall beziehen sie sich aber auf die Erwartung der Gesellschaft und der Lebensmittelindustrie an das Aussehen von Obst und Gemüse. Aber ist unser Beauty-Tick bei Lebensmitteln wirklich so schlimm? Und wie sieht die Zukunft aus? Die Erfahrungen eines Landwirtes geben Einblick.

Landwirt Christoph Messner in seinem Bauernladen (Foto: Sarah Götzke)

Der Maichinger Landwirt Christoph Messner beugt sich in seinem Lagerraum über die Kartoffelkisten. Wie jedes Jahr nach der Ernte in der Hauptsaison muss die Ware vor dem Verkauf sortiert werden. Einige der Früchte hat er schon zur Seite gelegt. Sie können aufgrund ihres guten Aussehens der Handelsklasse 1 zugeordnet und damit an Kollegen weiterverkauft werden. Das meiste der Ernte wandert aber als Klasse 2 in den eigenen Bauernladen. Diese wird zwar ein bisschen billiger angeboten, trotzdem macht Christoph Messner oft keinen großen Unterschied bei der Sortierung: „Immer öfter lassen wir einfach alles in Klasse 2. Ein besserer Status ist wichtig für Kollegen, die uns Ware abkaufen wollen, die nehmen nur das am besten aussehende Obst und Gemüse. Vielen unserer Kunden ist das egal, denn sie vertrauen auf die regionale Ware und kommen grade deswegen." Natürlich könne man das aber ganz und gar nicht verallgemeinern, sagt er. Auch hier gebe es große Unterschiede zwischen den verschiedenen Kundentypen. Er weiß aus Erfahrung zu berichten: „Kürzlich kam eine Frau in den Laden, um Äpfel aus unserem Eigenanbau zu kaufen. Sie durchsuchte die ganze Ware, bis sie das Obst mit der schönsten Form und der schönsten Farbe fand." Beim Gespräch an der Kasse sei dann herausgekommen, sie schäle die Äpfel für ihren Sohn im Kleinkindalter sowieso. Da kann Christoph Messner nur den Kopf schütteln: „Wieso es dann trotzdem die Frucht mit der schönsten Schale sein muss kann ich nicht verstehen."

Schönheitswahn bei Obst und Gemüse – kein Einzelfall

Solche Erfahrungen wie Christoph Messner machen viele seiner Berufskollegen nach ihrer Ernte. Weil das Gemüse nicht perfekt aussieht oder nicht der Norm entspricht bleibt es oft bis zum Schluss im Regal liegen oder kann erst gar nicht an Supermärkte und andere Läden geliefert werden. Vieles, was eigentlich noch essbar wäre, landet so nicht auf dem Teller sondern im Müll. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart wirft allein jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm an Lebensmitteln weg. Der Obst- und Gemüseabfall entspricht dabei fast der Hälfte des gesamten Mülls. Und das einzig aufgrund einer ungewöhnlichen Form oder einer Delle zu viel? So ähnlich schreibt es zumindest die Handelsklassenverordnung im Einzelhandel vor. Eine Kartoffel muss danach gesund, ganz, sauber und fest sein sowie „frei von Missbildungen der einzelnen Knolle". Ähnliches gilt auch für anderes Obst und Gemüse. Früchte mit „leichten Formveränderungen" oder Missbildungen dürfen nach Verordnung maximal in Handelsklasse 2 verkauft werden. So zum Beispiel die Paprika. Bei Gurken führt sogar ein zu hoher Krümmungsgrad zum Ausschlusskriterium. Der Wert liegt also weniger beim Geschmack, sondern fast ausschließlich bei Aussehen, Frische und Haltbarkeit. Viele Supermärkte bieten folglich auch selten etwas anderes als die Handelsklasse 1 an.

Handelsnormen haben Auswirkungen auf die Einstellung der Gesellschaft

Diese Gewohnheit, immer perfekt aussehendes Obst zu bekommen, macht sich in den Einstellungen in der Gesellschaft bemerkbar. „Oft denken Kunden sogar, dass gerade hochwertiges regionales Obst, das vielleicht noch biologisch angebaut ist, besonders schön sein muss", bestätigt Christoph Messner. Er bleibt mit seinem Bauernladen von den strengen Regelungen des Einzelhandels ein wenig verschont. Da er nur seine Kollegen beliefert, hat er mehr Spielraum für seine Ware. Äpfel, die nicht ganz so perfekt geraten sind, gehen zur Apfelsaftproduktion. Obst, das ihm wegen des Aussehens niemand abnimmt, wird an den Tafelladen in Stuttgart weitergegeben. Er schätzt die Menge auf circa 10% seiner Ernte. Allgemein behandelt er seine Produkte nur gegen Pilzbefall.

Auf die Präsentation kommt es an

Seine Kunden sollen sich der EU-Handelsnormen trotzdem bewusst sein. Ein Plakat an der Tür, mit verschiedenen Früchten in ungewöhnlichen Formen macht darauf aufmerksam. Denn manchmal komme es nur auf die Präsentation an, davon ist der Landwirt überzeugt und weiß auch gleich ein Beispiel. „Vor ein paar Jahren gab es einen Fehler beim Abfüllen des Apfelsaftes. Die Flaschen hätte kein Kunde gekauft, weil der Satz so hoch war." Mit seinen Fingern zeigt Christoph Messner circa zehn Zentimeter an. Ihm habe der Saft aber so gut wie selten geschmeckt und so habe er ihn einen Kollegen probieren lassen. „Der Kollege war begeistert und wollte ihn sofort zum Verkauf anbieten. Also haben wir Etiketten um alle Flaschen gemacht, damit der Satz nicht gleich sichtbar ist."

Die Kunden hätten den Saft daraufhin ganz normal gekauft und probiert. Und die Resonanz war positiv. Der Landwirt bekam teilweise drei Jahre nach dem Verkauf noch Anfragen.

Aufgrund solcher Erfahrungen probiert Christoph Messner auch gerne einmal Dinge aus. Bei der Sortierung seiner Kartoffeln entsteht daher noch ein drittes Häufchen. Dieses gehört keiner bestimmten Handelsklasse an, sondern dazu sortiert er Kartoffeln, die wie Herzen gewachsen sind. Davon kommen in einer Saison einige zusammen. Bereits letztes Jahr hat er versucht, Herzkartoffeln als Aktion zum Valentinstag und zum Muttertag zu verkaufen. Leider habe das aber nicht geklappt, gibt der Landwirt zu. Bei der nächsten Gelegenheit will er die Kartoffeln durch eine schöne Verpackung besser präsentieren. „Vielleicht läuft der Verkauf dann auch besser", hofft er.

Ähnliche Idee vertreten von mehreren Initiativen

Gerade diese Idee, der Ware durch die richtige Präsentation zur Beliebtheit zu verhelfen, ist brandaktuell. Erst 2013 gewannen drei Studenten mit ihrer Diplomarbeit „Ugly Fruits" den Junior Award des „Art Director Club Deutschland". Die Kampagne zielte darauf ab, Vorurteile abzuschaffen und Früchte mit optischen Fehlern beliebter zu machen. In Zusammenarbeit mit einer Werbeagentur wurden Plakate und Postkarten nach dem Motto „Geschmack ist keine Frage des Aussehens" produziert.

Ein ähnliches Konzept verfolgen zwei Designerinnen in Berlin mit ihrem Café „Culinary Misfits". Ihr Obst und Gemüse beziehen sie von Bauern aus der Region und machen daraus vegetarische Gerichte, Kuchen, Rohkost und Getränke. Entstanden ist das Projekt ebenfalls aus der Idee, Gemüse mit optischen Mängeln zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Anfangs versuchten die Berlinerinnen mit mobilen Essensständen in der Stadt ihr Glück. Genügend Spenden durch eine Crowdfunding-Aktion ermöglichten jedoch schließlich die Eröffnung ihres eigenen Cafés. Mit verschiedenen Workshops, Catering und Verhaltensregeln á la „Esst die ganze Ernte" sind die beiden nun seit Juli 2014 in Kreuzberg aktiv.

Dass das Ganze ein allgemeiner Trend ist, zeigt auch die „Taste the Waste" -Bewegung, die unter anderem auch Ideengeber für das „Culinary-Misfits" war. Initiator Valentin Thurn thematisiert in seinem zugehörigen Film und Buch die enorme Lebensmittelverschwendung. Dadurch und mittels anderer verschiedener Projekte und Kampagnen soll dagegen vorgegangen werden. Zusätzlich unterstützt die Initiative auch „Foodsharing", „Crowdfunding" und andere nachhaltige Ideen, die sich in letzter Zeit nicht nur auf Social Media Plattformen immer mehr zur Mode entwickeln.

Auf diese neuen Ideen und Trends reagierte schließlich auch Edeka. Im Jahr 2013 startete die Supermarktkette in einigen Filialen Testläufe zum Verkauf von Obst und Gemüse, das von der Norm abweicht und daher normalerweise nur bis zur Wareneingangskontrolle kommen würde. In Bayern, Sachsen, Thüringen und am Rhein wurden die Früchte im Rahmen der Aktion „Keiner ist perfekt" verbilligt angeboten. Damit folgte Edeka dem Vorbild einiger Supermärkte im Ausland. Der französische Lebensmittelkonzern „Intermarché" und die Schweizer Supermarktkette „Coop" trotzen den europäischen Verordnungen schon seit längerem, und bieten gerade solches Obst und Gemüse dauerhaft zum Verkauf an. „Intermarché" startete zudem eine mit „Ugly Fruits" vergleichbare Kampagne, die Bewusstsein schaffen sollte.

Und wie kommt das Angebot bei den Kunden an? Die Edeka Zentrale Hamburg spricht von einer „überwiegend positiven Kundenresonanz". Laut der Pressestelle waren dabei „sicher sowohl der Aspekt des verantwortungsvollen Handelns, als auch die reduzierten Preise" ausschlaggebend. Des Weiteren könne man sich vorstellen, eine solche Aktion zu wiederholen. „Einzelaktivitäten mit unseren selbstständigen Edeka-Kaufleuten und lokalen Erzeugern werden aber bereits umgesetzt", betont die Edeka-Pressereferentin Kerstin Hastedt.

Was wäre wenn?

Aber sind diese Ideen wirklich alle zukunftsfähig? Die Initiatoren der verschiedenen Projekte scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein. Landwirt Christoph Messner kann sich das jedoch noch nicht ganz vorstellen. Dass die Bioware aus dem Supermarkt wirklich aus der Region stammt, wie Edeka es zum Teil verspricht, ist für ihn zweifelhaft. Seiner Meinung nach gibt es zudem eine große Hemmschwelle in der Bevölkerung Bio-Obst und -Gemüse sowie optisch Unschönes zu kaufen: „Viele sagen beispielsweise bei Umfragen: Ich kaufe Bio. Laut den Umsatzzahlen sind es dann aber doch viel weniger Leute."

Die Zukunft bewegt sich seiner Meinung nach daher nicht in eine einzige Richtung. Viele Trends, so bestätigt er, seien in diesem Punkt nachhaltig und entwickelten sich noch weiter. Parallel dazu werde sich aber auch das Genfood weiter ausbreiten, da ist sich Christoph Messner sicher. Ein selbstständiger Edeka-Kaufmann, dessen Name an dieser Stelle nicht genannt werden soll, urteilt noch kritischer. Nach seiner Erfahrung kommt „schöne" Ware bei einem überwiegenden Teil der Kundschaft besser an. Ein vermehrtes Angebot von Obst und Gemüse mit optischen Mängeln kann für ihn daran auch in Zukunft nur wenig ändern.

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Über den Autor

Sarah Götzke

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SS 2014