Psychiatrie im Wandel

Heilung durch Kreativität

27.01.2016

Seit Jahrzehnten befindet sich die Psychiatrie in ständiger Veränderung. Neue und kreative Therapiemethoden helfen Patienten, sich selbst zu therapieren. Einen Einblick in die neuen Methodiken liefert Geschäftsführer Bernhard Wehde vom Christophsbad in Göppingen. Den geschichtlichen Wandel erklärt Rolf Brüggemann, der das dortige Museum für Psychiatriegeschichte leitet.

Heilung durch Kreativität - Die Psychiatrie im Wandel

Die Psychiatrie in Deutschland ist schon seit Jahrzehnten im Wandel begriffen. Dieser Wandel zeigt sich deutlich im Klinikum Christophsbad in Göppingen. Geschäftsführer Bernhard Wehde und der Leiter des Museums für Psychiatriegeschichte Rolf Brüggemann erklären, was sich alles getan hat.

Der Begriff Psychiatrie ist den Meisten wohl schon einmal begegnet. Und damit auch eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung davon, was dieser Begriff beschreibt. Aber was ist das eigentlich genau und was passiert dort?

Umgangssprachlich reden viele Leute oft von der Psychiatrie, wenn sie eine psychiatrische Klinik, also ein Krankenhaus für Menschen mit psychischen Erkrankungen, beschreiben wollen. Die Psychiatrie setzt sich mit der Vorbeugung, Diagnose und Behandlung auseinander. In vielen Köpfen bildet sich daher das Bild eines fast schon gruselig anmutenden Krankenhauses. Das war einmal. Die Psychiatrie befindet sich im ständigen Wandel und deren Beginn reicht bis in die 1950er Jahre zurück.

Der Weg zur besseren Patientenbetreuung

Wenn der alltägliche Druck den Körper und die Seele überlastet, sucht man hoffentlich einen Psychologen auf, der einem Lösungsansätze bieten kann, um den Stress zu bewältigen. Die Wahrheit ist aber, dass sich kaum jemand gerne in psychiatrische Behandlung begeben will. Zu groß ist die Angst, dass Familie und Freunde sowie die Gesellschaft von nun an anders über einen denken. Diesbezüglich befindet sich vor allem die Psychiatrie in Deutschland im Wandel und versucht ein Vorzeigebeispiel für mehr Transparenz in Therapie, Umgang und der Inklusion der Patienten zu werden.

Schon in den fünfziger Jahren war mit der Einführung neuer Medikamente – statt der bisherigen Therapiemethoden mit Eisbädern und Elektroschocks – ein Wandel zu erkennen. Dieser hatte einen ersten großen Höhepunkt in den 1970ern, als im Auftrag der Bundesregierung die sogenannte Psychiatrie-Enquete vorgestellt wurde. Eine 430 Seiten starke Feststellung der Zustände in deutschen Kliniken, die klare Ziele und Verbesserungen für die Zukunft vorsah und die zum Teil menschenunwürdigen Zustände anprangerte. Seither werden Methoden und Ansätze ständig modernisiert, was zu einer besseren Betreuung und Behandlung des Patienten führt. Das Ziel ist die Inklusion in die Gesellschaft.

Für Rolf Brüggemann, Psychologe und Psychotherapeut im Klinikum Christophsbad in Göppingen, stellt die Inklusion den Mittelpunkt dieses Wandels dar: „Inklusion bedeutet, dass der psychisch Kranke nicht stigmatisiert wird, sondern sich als selbstverständliches Mitglied der Gesellschaft fühlen kann, wie jeder andere." Dies sei eines der Langzeitziele des Wandels. Bis heute ist es nur teilweise erreicht. „Mit der Umstellung von stationärer auf teilstationäre Behandlung, sowie der Einrichtung von Tageskliniken, hat man bereits einen Schritt aus der Isolation der Patienten geschafft." Auch Maßnahmen wie die Einrichtung von betreutem Wohnen und Arbeiten und der ambulanten Versorgung der Patienten, legen für Brüggemann die Grundsteine für eine gelungene Inklusion.

Auch die Räumlichkeiten in psychiatrischen Kliniken haben sich gewandelt, heute gebe es üblicherweise nur Ein- oder Zweibettzimmer auf den Stationen und nicht wie früher Schlafsäle für fünfzehn oder zwanzig Patienten. „Auf eine offenere und schönere Gestaltung wird großen Wert gelegt", erklärt Rolf Brüggemann.

Viele Therapiemethoden sind in den vergangenen Jahren zu den bisherigen Behandlungen hinzugekommen und bieten den Patienten neue Möglichkeiten ihre Behandlung mitzugestalten. Tanzen, Malen und Musizieren kann aktiv von den Patienten genutzt werden. Natürlich bringen diese neuen Methoden auch neues Personal mit sich, das gemeinsam mit den Ärzten, umfassend den Bedürfnissen des Patienten nachgeht, um eine optimale Behandlung zu ermöglichen. „Das Miteinander ist entscheidend, das war früher so nicht üblich", fügt der Psychologe hinzu.

Auch die Jugend profitiert von der Modernisierung

Jeder hat irgendwann einmal eine harte Zeit im Leben. In solchen Momenten kann sich innerer Stress auf unser Verhalten und unsere Umgebung auswirken. Oft hilft dann die Kommunikation mit Eltern, Freunden und Bekannten, um ein bestimmtes Problem aus der Welt zu schaffen – aber eben nicht immer. Stress bei der Arbeit zum Beispiel kann zu einem sogenannten Burnout führen. Darunter darf man sich tatsächlich das Durchbrennen einer Sicherung vorstellen. Nicht selten ist psychische und physische Überforderung der Grund für ein solches Syndrom. Erwachsene kann es häufiger treffen, da sie in der Regel, eine höhere Verantwortung in der Arbeit und im privaten Leben haben. Wenn diese Work-Life-Balance gestört wird, kann ein derartiges Syndrom auftreten. Doch nicht nur Erwachsene betrifft eine solche Ermüdung. Immer mehr Jugendliche, Schüler und Studenten fühlen sich von einem gestörten Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit erschlagen. Schulischer Druck, Hausarbeiten in der Uni oder ungewisse Zukunftsperspektiven können den einen oder anderen jungen Menschen vor große Probleme stellen. Eltern wollen zum Teil auch nichts von einem Burnout wissen, sodass viele Jugendliche mit ihren Problemen alleine und hilflos bleiben.

Inklusion ist das Stichwort. Jugendliche sollen ernst genommen und Probleme, die die Psyche beeinträchtigen und sich womöglich auch auf den Körper auswirken, gelöst werden. Dass die Psychiatrien sich öffnen kommt somit auch den Jugendlichen zu Gute. Durch die beschriebenen Therapiemethoden durch Kunst, Musik und Tanz können Jugendliche lernen mit ihren Stresssituationen umzugehen. Sie therapieren sich sozusagen selbst. Geschäftsführer des Klinikum Christophsbad, Bernhard Wehde, untermauert diesen Aspekt: „Über Klang, Gestaltung und Improvisation lerne ich Brücken zu schlagen, um zum Beispiel Gefühle auszudrücken." Aus dem Bereich der Mal- und Kunsttherapie ergeben sich auch zahlreiche Möglichkeiten durch Bilder und Modellierungen, innere Unruhen auszudrücken. „Es geht weniger um konkrete Gestaltung, sondern mehr um die Stimmigkeit meines Bildes, mit dem, was ich an Gefühlen darstellen kann. Dann kann ich mit dem Therapeuten darüber kommunizieren."

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Über die Autoren

Diogenis Panagiotidis

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Nicolaij von Randow

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