Willkommen bei Habib

Heimat - was ist das eigentlich?

21.07.2015

„Ich gehe in die Türkei, ich halte es hier nicht mehr aus!“ Der junge Deutsch-Türke Neco (Burak Yigit) hat die Nase gestrichen voll – sein Leben in Stuttgart wächst ihm Tag für Tag mehr über den Kopf und er sucht nach etwas, das in Michael Baumanns Tragikkomödie „Willkommen bei Habib“ eine tragende Rolle spielt: Heimat. Doch was genau bedeutet das eigentlich?

Quelle: farbfilm verleih GmbH

Produziert von der Stuttgarter Produktionsfirma Indi Film, erzählt der Ensemblefilm eine Geschichte vierer Männer, die alle für sich unterschiedliche Standpunkte zum Thema Heimat oder Identität haben. Doch eines haben sie wohl gemeinsam: ihre Leben scheinen auf eine eigene Art und Weise einzubrechen, teilweise hat man das Gefühl ihnen wird der Boden unter den Füßen weggezogen.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht nicht nur der Stuttgarter Wilhelmsplatz, sondern vor allem Titelheld Habib (Vedat Erincin), ein Imbissbesitzer Mitte 50, und sein Sohn Neco. Habibs Heimatproblematik macht sich darin bemerkbar, dass er sich in Stuttgart eigentlich wohl zu fühlen scheint, er hat sich eingelebt und sträubt sich sogar gegen sein Herkunftsland. Doch auf einer türkischen Hochzeit begegnet er seiner alten Jugendliebe wieder und all der Schmerz aus dem Verlust dieser Beziehung, der ein Leben lang verdrängt wurde und mit der Ausreise aus der Türkei korrelierte scheint nun wieder aufzukommen. „Auch deshalb scheint Habib seinem Sohn Neco dessen türkische Identität sein ganzes Leben lang vorgehalten zu haben", so Regisseur Michael Baumann. Neco kämpft mit finanziellen Problemen, führt neben der Beziehung zu seiner Frau eine heimliche Affäre und hat einen jungen Sohn, zu dem er ein sehr merkwürdiges Vater-Sohn Verhältnis pflegt. Eigentlich ist er selbst noch nie in der Türkei gewesen und dennoch sehnt er sich nach seinem Herkunftsland. Vielleicht gerade auch deshalb, weil ihn sein Vater sein Leben lang versucht hat, davon abzuschotten. Er ist orientierungslos, überfordert und will aus seinem Alltag entfliehen. All das, was sein Vater hinter sich lassen wollte, sieht Neco als eine Art Hoffnungsschimmer am Horizont an, um all seinen Problemen zu entfliegen. Michael Baumann bezeichnet diesen inneren Prozess von Neco als eine Art „Identitätsdiffusion".

Vier Männer – eine Suche

Neben dem Vater-Sohn Gespann spielen noch zwei andere Männer eine wichtige Rolle in der Tragikkomödie: Baumanager Bruno (Thorsten Merten) besetzt aus Protest die Verkehrsinsel vor seinem Unternehmen wie eine Ein-Mann-Armee und wehrt sich somit gegen seine unrechtmäßige Entlassung. Und der in die Jahre gekommene Ingo (Klaus Manchen), ist aus dem Krankenhaus geflüchtet, um auf seinen letzten Schritten seine Art von Heimat in einem finalen Gespräch mit seiner verlorenen Tochter wiederzufinden. Somit scheint sich auch hier ein gewisser Kreislauf schließen zu wollen.

Ob in einem Unternehmen oder der Familie, einem Ort, den man nicht einmal kennt, oder in der Vergangenheit. Die Männer in Baumanns Film sind auf der Suche nach Heimat, nach Vollkommenheit und Identität. Auf komische, lustige aber auch tragische Art und Weise inszeniert Baumann diesen Ensemblefilm mit vier charakteristischen Protagonisten, die jeder für sich mit seiner individuellen Heimatproblematik zu kämpfen haben. Baumann berichtet, dass er selbst einmal an einem Platz wie dem Wilhelmsplatz in Stuttgart gelebt hat und dort das multikulturelle und dynamische Leben der Stadtbewohner beobachten konnte. Für die Recherche und Vorbereitung auf den Film stellte er sogar Kameras auf dem Platz auf und analysierte das dortige Leben und Treiben. So ergaben sich reichliche Inspirationen – auch für die Titelperson Habib.

Was bleibt?

Nach knapp zwei Stunden findet die Reise der vier Männer durch die Stuttgarter Innenstadt ein Ende. Was bei vielen Zuschauern hängen bleiben wird, sind neben guter Unterhaltung jedoch vor allem Fragen wie: Was ist eigentlich meine Heimat? Hat Heimat überhaupt etwas damit zu tun, wo wir herkommen? Vor diesem Hintergrund haben Studenten der Hochschule der Medien mit den verschiedensten kulturellen Backgrounds ein Statement abgegeben, was für sie eigentlich Heimat bedeutet. Klickt Euch durch die vielfältigen Antworten der jungen Stuttgarter.

HdM-Studenten zum Thema Heimat

Quelle: Gerwin Laux & Michael Schiller

Die Gedanken der Studenten, sowie die Handlung im Film „Willkommen bei Habib" lassen mehr und mehr vermuten, dass Heimat vorrangig keinen Ort oder gar ein Herkunftsland beschreibt, sondern eher ein Gefühl. Ein Gefühl, wonach wir uns alle immer wieder sehnen, da es uns Halt und Sicherheit gibt. Wir streben danach und finden es in den verschiedensten Dingen, Menschen, Ländern, Ereignissen. Vielleicht ist der Begriff Heimat eine Art Puzzle aus Bildern, Erinnerungen, Träumen und Erwartungen an das Leben. Der eine legt dieses in einer Imbissbude am Wilhelmsplatz aus und ein anderer beginnt ganz langsam damit, mühsam die einzelnen Teile seines Puzzles zu identifizieren und zu sortieren.

Total votes: 383
 

Über die Autoren

Gerwin Laux

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012

Michael Schiller

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012