Tiergestützte Therapie

Helfende Pfoten: Ein Therapiehund im Einsatz

01.02.2017

Therapiehund Ida und „Frauchen“ Annette Seger sind ein eingespieltes Team. Unter dem Namen „TherapIda“ helfen sie gemeinsam neurologisch erkrankten und behinderten Patienten. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt die beiden bei ihrer außergewöhnlichen Arbeit.

Für viele ist ein Hund die beste Medizin. Annette Seger arbeitet deshalb zusammen mit ihrer Hündin Ida als Therapiehundeteam. | Bild: Anna-Maria Relle

Der Wunsch vieler ist es, einen eigenen Hund zu besitzen. Doch der beste Freund des Menschen ist nicht nur ein treues Haustier – auch im Gesundheitswesen erobert der Vierbeiner als Helfer die Herzen im Sturm. Durch seine Anpassungsfähigkeit und positive Ausstrahlung eignet er sich besonders für den therapeutischen Einsatz. Gegenüber der Therapie mit Pferden oder Delfinen haben Hunde den großen Vorteil, dass sie durch ihre Mobilität leicht zum Patienten kommen können.

Ein Hund der besonderen Art

Physiotherapeutin Annette Seger erfüllte sich diesen Wunsch – privat und beruflich. Im August 2014 zog die fuchsrote Labradorhündin Ida bei Familie Seger in Filderstadt ein. Von da an besuchte sie wöchentlich – bis zu ihrem ersten Lebensjahr – die Mels-Hundeschule in Leinfelden-Echterdingen. Die knapp einjährige Ausbildung zum Therapiehundeteam absolvierten Annette Seger und Ida im Juli 2016 bei „PARA-dogs", einem Therapiehundezentrum des Deutschen Bundes für Therapie- und Behindertenbegleithunde in Emerkingen bei Ulm. Die aufgeweckte, unerschrockene Art und besonders das Einfühlungsvermögen der Hündin brachten die gelernte Physiotherapeutin auf den Gedanken, eine Ausbildung zum Therapiehundeteam zu beginnen.

Labradorhündin Ida und Physiotherapeutin Annette Seger in „Arbeitsuniform" | Bild: Anna-Maria Relle

Ein Therapiehund kann unter anderem
… Blutdruck und Puls normalisieren
… Muskeln entspannen
… Motorik fördern
… Schmerzen lindern
… Stress abbauen
… emotionales Wohlbefinden und Selbstbewusstsein fördern
… Ängste reduzieren
… Einsamkeit und Isolation aufheben
… als Kontaktvermittler zwischen Patient und Therapeut wirken

Die Einsatzgebiete eines solchen Teams sind dabei völlig verschieden. Ob Logopäden, Ergotherapeuten, Psychologen oder eben Physiotherapeuten wie Annette Seger – der Vielfalt des therapeutischen Hundeeinsatzes sind keine Grenzen gesetzt. Bei der tiergestützten Therapie läuft die Kommunikation zunächst über den Hund, der dem Patienten bedingungslose Freundschaft, Sicherheit und Zuneigung anbietet. Das Tier soll diesen motivieren, schlummernde Möglichkeiten zu mobilisieren, die dann im Alltag umgesetzt werden können. „Ziel eines Einsatzes ist es, durch den ausgebildeten, unvoreingenommenen Hund einen Zugang zum Patienten zu schaffen und diesen dadurch zu fördern – ohne zu fordern", erklärt Seger. Ida selbst ist also nicht die Therapie, sondern vielmehr ein Begleiter und Unterstützer der Therapeutin.

„Ida spricht nicht, Ida hat eine Aura."

Eine typische Therapiesitzung mit Ida gibt es nicht. „Meine Therapiestunden laufen alle total unterschiedlich ab. Ich gehe ganz individuell auf die Patienten ein", so Seger. Einer davon ist Leo. Der 11-Jährige ist seit seiner Geburt schwer behindert. Wenn Leo Ida berührt, strahlt er. Man hat das Gefühl, der Hund hat eine durch und durch positive Wirkung auf den kleinen Jungen.

Das Therapiehundeteam kümmert sich liebevoll um Leo. | Bild: Anna-Maria Relle

Der grobe Ablauf ist jedoch bei allen Sitzungen ähnlich. Zu Beginn begrüßt das Team den Patienten, dann folgt die Aktion beziehungsweise die Entspannung und am Ende gibt es ein Abschiedsleckerli. Bei Patienten, die mit Angst vor Hunden zu Annette Seger kommen, laufen die Einheiten anders ab. Zuerst werden Gespräche über die Gründe der Angst geführt, anschließend die Hundesprache erklärt. Der Kontakt zu Ida wird in solchen Fällen zu Beginn nur sehr vorsichtig angeboten.

„Hunde fühlen die Bedürfnisse des Menschen."

Die knapp zweieinhalb Jahre alte Hündin begleitet Annette Seger zu den unterschiedlichsten Einsätzen. Als Physiotherapeutin arbeitet sie regelmäßig mit verschiedenen Klassen und Schulen des Rohräckerschulzentrums in Esslingen: Das Therapiehundeteam besucht einmal pro Woche für 45 Minuten Klassen der Schule für geistig Behinderte. Hier sollen die Kinder den Umgang mit dem Hund sowohl praktisch, als auch theoretisch erlernen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass neben der Verbesserung des Sozialverhaltens untereinander auch das Selbstbewusstsein des Einzelnen gestärkt wird. Auch besuchen die beiden die Schule für Körperbehinderte. Hier findet wöchentlich die Therapiehunde-AG statt. Durch viel Bewegung sollen die Kinder spielerisch mit dem Thema „Hund" vertraut werden. Nach einer Pause steht Entspannung auf dem Programm. Bei den teilweise sehr schwer spastischen Kindern sei die Entspannung der größte Erfolg, meint Seger. Es sei einfach schön zu erleben, wie diese Schüler, die sonst nie entspannt auf dem Rücken liegen, mit Idas Hilfe plötzlich minutenlang kuscheln können.

Annette Seger erzählt, was die tiergestützte Therapie bei den Schülern bewirkt.

Doch nicht nur das Wohl des Patienten, auch das des Hundes ist bei den Therapiesitzungen wichtig. Ein Therapiehund kann nur maximal vier bis fünf der 30 bis 45-minütigen Einheiten pro Woche leisten. Voraussetzung in Segers Therapie ist, dass Ida die Therapiesituation jederzeit verlassen darf. Hierfür hat die Hündin am Rande des Zimmers immer eine Decke, auf die sie sich zurückziehen kann. Auch leicht angestrengte Blicke vermitteln dem „Frauchen": Jetzt wird es mir zu viel. In der Regel nimmt sie die Therapeutin allerdings nur aus einer Aufgabe heraus, wenn eine Stresssituation droht. Frau Seger betont, dass Ida eine noch sehr junge Hündin sei, die wirklich alles mitmacht. Damit sie nie in solche Umstände kommt, müsse sehr auf sie geachtet werden. „Wir hatten einmal die Situation, in der ein geistig und körperlich behinderter Junge Ida an den Ohren gezogen hat. Die Betreuer und ich waren alle nicht schnell genug. Auch diese Situation hat Ida souverän gemeistert. Sie hat gewartet bis wir unverzüglich eingegriffen haben. Sie hat weder geknurrt, noch sonst ein aggressives Verhalten gezeigt. Das fand ich unheimlich toll", schwärmt Seger.

Der Blick eines Hundes sagt manchmal mehr als tausend Worte. | Bild: Anna-Maria Relle

Paragraf 11 Absatz 1 Nr. 8 des Tierschutzgesetzes kontrolliert das gewerbsmäßige Arbeiten mit Hunden. Alle Züchter, Tiertrainer und auch Menschen, wie Annette Seger, unterliegen diesem Gesetz und benötigen für das Arbeiten mit Tieren eine Genehmigung. Haltung, Umgang und Arbeit, aber auch das Sozialverhalten des Hundes, werden vor Beginn der gewerblichen Tätigkeit amtsärztlich kontrolliert. Der Halter muss zudem fundierte Kenntnisse über Hunde vorweisen. Da die tiergestützte Therapie in Mode komme, gäbe es laut Seger leider auch die Gefahr von nicht ausgebildeten und nicht geprüften „Geldmachern". „Nur das gemeinsam ausgebildete Team kann gemeinsam arbeiten. Ein ausgebildeter Hund mit einem nicht ausgebildeten Hundeführer kann nicht tiergestützt arbeiten, umgekehrt gilt das gleiche", betont die Therapeutin. Es sei vor allem wichtig, dass das Tier entspannt und ausgeruht in die Einheiten geht. Stress könne beim Hund Aggressionen auslösen und bei Unkenntnis sogar gefährlich für den Patienten werden.

Leo fühlt Idas „helfende Pfoten". | Bild: Anna-Maria Relle

Die Fortschritte, die bei einigen Patienten durch die Therapie auftreten, sind bemerkenswert. Die Physiotherapeutin berichtet, es gäbe Kinder, die zum Beispiel plötzlich sprechen können, da der Hund ihnen Ruhe und Geduld entgegenbringe. Kinder, die so schön entspannen können, obwohl der Hund „nur" neben ihnen liegt. Diese Erfolge motivieren Annette Seger und so wünscht sie sich noch viele weitere Jahre mit ihrer Hündin – als Familienhund, Freundin, aber auch als Arbeitskollegin.

Total votes: 74
 

Über den Autor

Anna-Maria Relle

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016