Humanitäre Hilfe

Helfer mit Herz, Kamera und Verband

05.02.2015

Abenteuerlust, Helfer-Syndrom oder einfach nur Solidarität? Was treibt einen dazu, dorthin zu gehen, von wo andere flüchten? Ob sozialer Mut oder privater Übermut – dieser Freiwillige tut das, was sich viele nicht trauen.

Jeden Tag sieht er Menschen, die in großer Not leben. Holger (Name geändert), 52, hat sich das so ausgesucht: Er arbeitet als Freiwilliger und hilft Kriegsflüchtlingen, Obdachlosen oder kranken Menschen. Dabei macht er keine Unterschiede: „Uns allen steht das gleiche Ende bevor. Keiner kann sich das verlängerte Leben erkaufen – zumindest noch nicht."

Auch nach etlichen Stunden Bereitschaftsdienst im Klinikum Stuttgart hat er noch Zeit für ein Interview mit mir. Er ist hochgewachsen, äußerst schlank und ausschließlich schwarz gekleidet. In der sterilen Krankenhaus-Cafeteria erzählt er von seinem Aufenthalt in einem syrischen Flüchtlingslager.

„Jeder Mensch war von Krieg und Verdammnis geprägt"

„Wir haben uns privat zusammengetan. Menschen mit medizinischem Fachhintergrund, gewillt, anderen zu helfen." Zusammen mit elf weiteren Freiwilligen macht er sich im November letzten Jahres auf den Weg an die syrisch-türkische Grenze. Seine Motivation? „Aufs Geratewohl, auch wenn mir das Risiko bewusst war." Unterstützt werden sie von keiner Organisation; sie sammeln durch private Spendenaktionen Geld: „Es gibt immer einen Weg zu helfen." Eine gute Alternative zu „Ärzte ohne Grenzen": Von ihnen waren insgesamt 229 Mitarbeiter in Syrien im Einsatz – davon 2012 zwei Ärzte, eine Hebamme und eine Anästhesistin aus Deutschland. 2013 waren es 21 medizinische Helfer. Von den 348.700 berufstätigen deutschen Ärzten 2012 und knapp 360.000 im Jahr 2013, laut Bundesärztekammer, sind das nicht viele, die sich überhaupt melden. Dass man auch ohne Organisation helfen kann, beweist Holger. Doch ganz ohne Unterstützung geht es nicht. Verschiedene Pharmaziefirmen und Arztpraxen geben ihnen Verbandsmaterial: Mullbinden und Kompressen, aber auch Hygiene-Produkte, bis hin zu Spritzen und Medizin. Transportiert werden die medizinischen Hilfsgüter in großen Aluminiumkoffern. Mithilfe von Kontakten und der Airlines können sie die Koffer gratis mitnehmen. Doch nicht nur das, auch meldepflichtige Medikamente nehmen sie mit an Board. Vor Ort suchen sie Kontakt zu einer Türkin mit guten Deutschkenntnissen. Diese dient als Dolmetscherin und führt sie an die Grenze zum Flüchtlingslager. „Jeder Mensch war von Krieg und Verdammnis geprägt. Überall gab es schreiende Kinder, heulende Mütter und ausgezehrte, alte Menschen", schildert Holger die Situation. Holger bleibt gefasst. Mir wird derweil ganz mulmig.

Aus Sicherheitsgründen durchsucht sie ein bewaffneter Wachmann, weiteres Hilfspersonal nimmt sie freundlich auf, darunter sind Schweizer und Franzosen. Geschlafen und gegessen wird in großen Zelten. Die Flüchtlinge bekommen Wasser, Nahrung, Obdach, Toiletten und warme Decken für die Nacht. Trotzdem ist die Lage aussichtslos: Die Mittel reichen nicht aus, die hygienischen Bedingungen sind zu schlecht. „Am schlimmsten war es, die Kinder von Splitterbomben zu befreien und Schussverletzungen zu versorgen. Leid ist kein Ausdruck, Katastrophe wird dem Ganzen nicht gerecht." Während er erzählt, tippt er auf seinem Handy. Er kann mir nicht in die Augen schauen. Vielleicht möchte er mir nicht zeigen, wie wütend ihn das macht, denke ich mir. Er meint: „Jeder syrische Flüchtling sollte in Deutschland aufgenommen und finanziert werden, denn wir sind ein reiches Land."

Im Jahr 2014 sind insgesamt 173.072 Asyl-Erstanträge beim Deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingegangen, im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen Anstieg um fast 60 Prozent. Die Syrer sind mit knapp 40.000 Erstanträgen am stärksten vertreten, gefolgt von Menschen aus Serbien, Eritrea und Afghanistan – jahrelang die größte Flüchtlingsgruppe. Mehr als drei Millionen Menschen sind, nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, bisher weltweit vor den Gräueln des syrischen Bürgerkriegs auf der Flucht. „Kein Wunder, bei diesen Zuständen im eigenen Land", wie Holger findet. Im Dezember 2014 wurden 5.323 geflohene Syrer in Deutschland aufgenommen.

Und die Menschen, die in keinem Land aufgenommen werden? „Die müssen mit ihrem Schicksal selbst fertig werden", erwidert Holger fast resigniert. Wieder schaut er auf sein Handy. Dann erzählt er von sich.

Ein Krebspatient im Heldenformat?

Schon als Jugendlicher schwört sich Holger, niemals eine Waffe in die Hand zu nehmen. Sein Lebensmotto: „Macht Schwerter zu Pflugscharen." Ein Zitat, das als Symbol der Friedensbewegung gilt. 1980 lernt er seine Frau auf einer Jugendfreizeit kennen. Sie heiraten jung. Nur fünf Jahre später erkrankt sie schwer. Das Leben macht es den beiden nicht leicht: Vier Jahre nach ihr wird auch Holger schwer krank; die Diagnose: Krebs. Er wird operiert und kann den Krebs bekämpfen. „Alle meine sozialen Kontakte brachen ab. Was ich brauchte, war eine Neuorientierung." Er entschließt sich zum Medizin-Studium an der LMU in München. Noch während seines Studiums wird er erneut krank – bis heute kämpft er gegen den Krebs, hat dutzende Operationen hinter sich. Die Folge: Er kann nicht voll als Mediziner praktizieren. Sein Traum ist in Gefahr. Eine Lösung muss her, denn für ihn ist dies undenkbar. Holger findet seine Lebensaufgabe, indem er sich der humanitären Hilfe verschreibt. Dazu gehört auch Sterbebegleitung: „Ich kenne das Erlebnis zu sterben. Wenn das Leben auf der rechten Seite zieht und der Tod einen auf der linken Seite begrüßt." Ich stelle mir dies bildlich vor, kann es aber nicht. Seine Mutter sei die 180. Person gewesen, die er beim Sterben begleitet hat. „Jeder Tod ist anders, zu jedem Patienten baut man eine eigene Verbindung auf." Zum ersten Mal während des Gesprächs wirkt er berührt. Das Handy hat er weggelegt.

Kunst als Therapie – und für den guten Zweck

Sein Engagement verbreite sich unter anderem durch Mundpropaganda. Für seine Dienste verlange er meist kein Geld: „Die Leute bezahlen, was sie können. So lange ich ein Dach überm Kopf habe und mir ein Glas Rotwein gönnen kann, geht es mir gut." Vor meinem inneren Auge erscheint die Karikatur eines modernen Jesus: Kann jemand wirklich so selbstlos sein? Gibt es in unserer schnelllebigen Konsumgesellschaft noch so etwas wie Altruismus? Trotz der Dinge, die er erlebt hat, ist er nicht verbittert – im Gegenteil: Holger ist Optimist. Zum Abschied gibt er mir seine Visitenkarte, falls ich einmal seine Hilfe bräuchte. Neben seinem Namen und seiner Telefonnummer ist ein Tumor abgebildet, stark vergrößert. Ich erkenne das erst auf Nachfrage. „Die Fotografie hilft mir, mit der Krankheit umzugehen." Und nicht nur ihm, auch anderen hilft sie: 2010 initiiert er ein Benefizkonzert mit einem ansässigen Musikverein. Mit seinen künstlerisch gestalteten Fotografien, die er dort verkauft, sammelt er an die 5000 Euro Spenden für die Erdbebenopfer auf Haiti. Ich frage ihn, was er als nächstes vorhat. „Auf den Aufruf von der Leyens im September letzten Jahres habe ich mich als Ebola-Helfer im Krisengebiet beworben." Doch die Bewerbung zieht sich. Noch immer ist die Bewerbungsrunde nicht abgeschlossen. „Und das versteht man unter Soforthilfe", sagt er kopfschüttelnd. Ob er Angst davor habe, sich selbst zu infizieren? „Nein. Ich hatte schon oft mit infektiösen Patienten zu tun. Mich bringt so schnell nichts um. Und wenn doch, dann soll es so sein."

Hoffnung ist das, was ihn antreibt: Die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Menschen. Ihm gefällt es, anderen zu helfen – auch wenn der Tod ihn manchmal überrumpelt.

Mit seinen künstlerisch gestalteten Fotografien hilft er nicht nur sich selbst, sondern auch anderen. Auf dem Bild zu sehen: zwei Abdrucklöffel vom Zahnarzt. (Foto: Privat)

Ein Stahlgerüst, fotografiert gegen den Himmel. Seine Bilder entstehen analog, die Filme und Farbfilter entwickelt er selbst. (Foto: Privat)

Das Flüchtlingslager in Zaatari, Jordanien

Die Bilder wurden von der UNO-Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. Sie ist der deutsche Spendenpartner von UNHCR – dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen.

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Über den Autor

Cassandra Schneider

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014