Interkulturalität in Stuttgart

Herzlich Willkommen in der Stadtbibliothek Stuttgart

23.06.2015

Einen Ort, an dem man sich wohl fühlt und etwas zu tun hat, will die Stadtbibliothek Stuttgart schaffen. Dabei spielt die Herkunft keine Rolle, denn für jeden ist etwas dabei. Mit einer ganzen Etage voller Bücher in mehr als 26 Sprachen, Deutschkursen und weiteren Maßnahmen stellt sie einen Dialog zwischen Kulturen her.

Mitten in Stuttgart steht ein großer weißer Klotz, der auf den ersten Blick sehr steril aussieht. Das Innere ist mit weißen Wänden, weißen Treppen und weißen Böden ausgestattet. Einen Ort des Wohlfühlens und der Interkultur sieht man auf den ersten Blick nicht. Bei diesen Worten denkt man eher an orientalische Teppiche, ein verziertes Teeservice aus Asien, Pflanzen und Holz, gemütliche Sessel und Wohnlandschaften zum Lesen.

Das Leben und die Vielfalt der Bibliothek stecken nicht in den Räumen, aber in den Büchern, die dort in den Regalen stehen. Insgesamt gibt es in Stuttgarts Stadtbibliothek über 1,2 Millionen Bücher, zum größten Teil in deutscher Sprache, aber auch in vielen Fremdsprachen. Das fünfte Obergeschoss ist dem Thema „Die Welt" gewidmet. In dieser Ebene gibt es neben Büchern auch weitere Materialien, wie Spiele und digitale Medien. Außerdem werden Deutschkurse und Führungen mit Bilderkarten angeboten. Dies soll die Integration der Migranten in die Gesellschaft Stuttgarts zu verbessern.

Vielfalt in der Stadtbibliothek Stuttgart am Mailänder Platz

Kulturen treffen an einem Ort aufeinander. Modern, weiß und groß, zeigt sich die Bibliothek.

„Eine Welt des Teilens schaffen"

Das Ziel der Stadtbibliothek ist es, den Zuwanderern in Deutschland einen geschützten Ort zu geben, an dem sie sich zurückziehen können. „Im Norden von Stuttgart sind sehr viele alleinstehende junge Männer untergebracht. Die sind von morgens bis abends bei uns in der Bibliothek und nutzen das Internet der Bibliothek. Ansonsten hätten sie ja gar nichts zu tun", erklärt Frau Inka Jessen, die Leiterin der Stadtbibliothek Stuttgart am Mailänder Platz.

Schezad kommt aus Pakistan und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Die Sprache beherrscht er gut. Er kommt fast jeden Tag in die Bibliothek und nutzt insbesondere den Laptop, den die Bibliothek ihm kostenlos zur Verfügung stellt. Damit hält er seine Freunde und Familie in Pakistan auf dem neusten Stand. Er stellt sich den Herausforderungen und aktiviert gerade eine Prepaid-Karte für sein Smartphone über das Internet. „Es ist alles auf Deutsch und ich verstehe es.", sagt er freudig, „vor zwei Jahren wäre das unvorstellbar gewesen." Das Angebot der Bibliothek findet er toll. Er kann es nur weiterempfehlen.

Viele Kulturen - ein Integrationsprogramm

Finanziert wird dieser Rückzugsort von der Stadt Stuttgart. Im Rahmen des Integrationsprogramms will die Landeshauptstadt laut Webseite die Zuwanderer fördern und fordern. Kultur ist dabei ein wichtiger Schritt. Frau Bellinger, verantwortlich für die Ebene „Die Welt" der Stadtbibliothek, bestätigt, dass Interkulturelle Bibliotheksarbeit selbstverständlich sei: „Bibliotheken sollten dazu beitragen, dass sich alle am Ort lebenden Bürgerinnen und Bürger heimisch fühlen können."

Dennoch wird ein Unterschied zwischen den Kulturen gemacht. Es muss zuerst ein Verständnis der Bibliothek vermittelt werden. „Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen und vorher in völliger Armut lebten, müssen wir mit Fingerspitzengefühl arbeiten.", so Leiterin Jessen. Dass Besucher die Laptops einfach aus den Schränken nehmen können, sei für die Flüchtlinge nicht auf Anhieb verständlich. Hier treten die Mitarbeiter der Stadtbibliothek in ständigen Dialog mit ihnen.

Mit Bildern zum Dialog

„Der Dialog ist unser größtes Problem", erklärt Jessen. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2014 können etwa 77 Prozent der Zuwanderer zum Zeitpunkt der Einreise gar kein, beziehungsweise nur sehr schlechtes Deutsch. „Wir können die wichtigsten Infos den Flüchtlingen nicht wörtlich erklären.", so Inka Jessen. Hierfür sind Bildkarten und Flyer auf unterschiedlichen Sprachen erstellt worden und erleichtern den Dialog.

Damit es zu einem Dialog kommen kann, muss erst der Kontakt hergestellt werden. Über die verschiedenen Freundes- und Arbeitskreise der Flüchtlingsunterkünfte wird der Kontakt aufgebaut. In Stuttgart gibt es mittlerweile in fast jedem Stadtteil einen Freundeskreis für Flüchtlinge, bei denen sich die Bürger Stuttgarts zusammenschließen und helfen.

Laut Jessen, sei es trotzdem ein langer Weg zu einer vollständigen Integration. In Bad Cannstatt, dem ältesten Stadtteil Stuttgarts, hat die Stadtbibliothek zwei Standorte. Dort sähe man überwiegend junge, alleinstehende Zuwanderer, die von morgens bis abends den Laptop benutzen würden, weiß Frau Jessen aus Erfahrung. Ob überwiegend Bildungsbürger oder Bürger aus sozialen Brennpunkten dort ein und ausgehen, kann Frau Jessen nur schwer einschätzen. Sie vermutet aber eine bunte Mischung.

Wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen …

Mit Fortbildungen und Schulungen der Mitarbeiter der Stadtbibliothek, versucht die Stadt Stuttgart, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, um mit den Herausforderungen und Problemen besser umzugehen. „Die kulturellen Unterschiede sind zum Teil sehr schwierig", sagt Jessen bedrückt, „zum Beispiel ist der Umgang von männlichen Zuwanderern aus muslimischen Ländern mit unseren jungen Mitarbeiterinnen oftmals kritisch." Die Männer seien es nicht gewohnt, von Frauen direkt angeschaut oder gar angesprochen zu werden.

Trotz Verbesserungsbedarf gibt es in Stuttgart einen Ort, an dem Flüchtlinge Unterstützung beim Deutschlernen, Veranstaltungen in der Muttersprache und Internetzugang bekommen.

Informationen zur Stadtbibliothek am Mailänder Platz

Adresse: Mailänder Platz 1, 70173 Stuttgart

Öffnungszeiten: Montag - Samstag von 9 bis 21 Uhr

Preise: Benutzungsgebühr für 1 Jahr beträgt 18 €, Nutzung der PC-Arbeitsplätze ist kostenlos

Tipp: Aussicht von der Dachterrasse der Stadtbibliothek am Mailänder Platz über Stuttgart

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Über den Autor

Claudia Articek

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015