Vergessene Trends

Heute top – morgen Flop

07.06.2016

Was Männerdutt, Candyhair, Highwasted Jeans und Veganismus heute sind, waren früher Scoubidou Bänder, Tamagotschis, Gameboy und Piercings. Es ist immer dasselbe: Neue Trends kommen auf – jeder folgt ihnen – und nach einem halben Jahr sind sie wieder vergessen. Warum?

Jedes Jahrzehnt hat seine eigene Mode. |Bild: Katrin Nöbauer

Was wir umgangssprachlich als Trends bezeichnen, nennt der Stuttgarter Soziologe Dr. Michael Zwick „Hypes". Diese polarisieren für einen kurzen Zeitraum eine bestimmte Zielgruppe und geraten dann wieder in Vergessenheit. Der Fachbegriff „Trend" dagegen beschreibt eine viel grundlegendere Veränderung, die die Gesellschaft auch nachhaltig beeinflusst. Ein Trend ist zum Beispiel die technische Entwicklung – gehyped werden dagegen einzelne Schritte in diesem Wandel, wie E-Bikes oder 3D Drucker.

Woher kommen Hypes?

Zwick sieht zwei Ursachen für diese „Infektionstrends": Zum einen die gewünschte Umsatzsteigerung der Unternehmen, zum anderen der heutige Lebensstil, mit der ständigen Suche nach Vorbildern. Oft findet der Mensch diese in Stars und Sternchen. Nachahmung und die erneute mediale Verbreitung führen dann dazu, dass auf einmal eine große Masse dem Hype folgt.

Warum vergessen wir Hypes so schnell wieder?

Hypes verlaufen in der Regel nach einem bestimmten Zyklus, an dessen Ende das Vergessen steht. Die heutige Gesellschaft ist sehr schnelllebig und der wirtschaftliche Druck zwingt die Unternehmen dazu, ständig neue Produkte auf den Markt zu bringen – was in vielen Fällen zu Qualitätsverlusten führt. Hypes werden oft schnell wieder verdrängt und ersetzt. Manche kommen jedoch auch als Retro oder Vintage zurück, da es „nicht mehr möglich ist, etwas fundamental Neues zu erschaffen", erklärt Zwick.

Schnuller in der Disco

Ein Beispiel dafür ist die Mode der 90er Jahre, die momentan mit Tattoo-Ketten und Schlaghosen ein Revival erlebt. Schrill, bunt, und auffällig – das war das Motto dieses Jahrzehnts. Ein beliebtes Accessoire waren durchsichtige Schnuller. Diese waren nicht wie herkömmliche Babyschnuller aus Gummi, sondern aus Plastik, knallbunt und in verschiedenen Größen erhältlich. Es galt: Je mehr desto besser! Ob als Kette um den Hals oder als Blickfang am Schnürsenkel – die Teens platzierten ihre Schnullis durchaus kreativ und in allen Lebenslagen: in der Schule ebenso wie in der Disco. Die 90s–Kids verwendeten ihre Sammlerstücke teilweise auch wie herkömmliche Babyschnuller – bis sich die Nachricht verbreitete, die Plastikaccessoires seien giftig. Besorgte Eltern untersagten ihren Kindern das Tragen der Schnuller und der Hype geriet in Vergessenheit.

Wir haben für euch einen vergessenen Trend im Milaneo in Stuttgart wieder aufleben lassen.

Warum folgen die Menschen Hypes?

Wie der „Schnuller"-Trend zeigt, haben viele Hypes keinen besonderen Hintergrund. Vielmehr geht es darum, sich zu profilieren und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe auszudrücken. Das zeigt sich auch in der heutigen Wegwerfgesellschaft: „Mode zum Beispiel ist sogar darauf angelegt, dass sie nach einem Jahr weggeschmissen wird – um neuen Hypes Platz zu machen", so Zwick. „Wenn sie nach acht Wochen sehen: ’Oh, das trägt keiner mehr‘ kommt eben die nächste Shoppingtour." Darin sieht der Soziologe einen der Hauptgründe für die Kurzlebigkeit der Hypes.

Vom Kultauto zum Witzobjekt

Bereits in den 70er Jahren war die Definition über Kultobjekte üblich. Ein Beispiel: Der Opel Manta. 1975 erstmals zugelassen galt der Manta B jahrelang als Kultobjekt und Liebling der Hobby-Tuner. Dieser Erfolg zeigt sich in der langen Produktionszeit – mit 13 Jahren ist der Manta B das bis heute das am längsten gebaute Opel-Modell. Aber wie entwickelte sich das Kultobjekt zum verpönten Proll-Stereotyp?

Wolfgang Scholz, Manager für Produkt- und Nutzfahrzeug-Kommunikation der Adam Opel AG, sieht den Ursprung vor allem in der Fangemeinde: „Viele der jüngeren Zweit- oder Drittbesitzer wollten sich mit verschiedenen Anbauteilen von der Masse absetzen und haben dazu die Rennwagen als Vorbilder genommen." Dazu entwickelte sich Ende der Achtziger Jahre durch Filme wie „Manta, Manta" oder „Manta – der Film" eine regelrechte Vorlage für unzählige Manta-Manni- und Blondinen-Witze. Das führte schließlich dazu, dass sich wirklich nur noch völlig schmerzfreie Fahrer mit ihrem Manta auf die Straße trauten. Heute sind nur noch 1.871 Fahrzeuge angemeldet.

Die Geschichte des Opel Manta. Klicke mit der Maus auf einzelne Begriffe um mehr zu erfahren. |Grafik: Simona Kelz via Piktochart

Bei der breiten Bevölkerung sind der Wagen sowie das „Manta-Klischee" schon längst wieder in Vergessenheit geraten. Interessant wird, ob sich das mit der geplanten Fortsetzung des Films Manta-Manta ändert.

Was sind die Gefahren von Hypes?

Gerade junge Menschen sind oft noch nicht in ihrem Charakter gefestigt und springen deshalb auf Hypes mit auf. Viele Hypes sind direkt an die Jugendkultur gebunden und geraten wieder in Vergessenheit, sobald die Betroffenen älter werden. Doch der Soziologe warnt vor unbedachten Jugendsünden: Einige können das eigene Image nachhaltig schädigen und dadurch die Jobsuche erschweren. Ein Beispiel hierfür sind deutlich sichtbare Tattoos und Körperschmuck.

Ein Geweih macht Karriere

Ebenfalls in den 90er Jahren erlebte ein ganz besonderes Tattoo seine Hochphase: Das Arschgeweih. Dieses waagrechte Tribal direkt über dem Steißbein bekam durch Stefan Raab den Spitznamen „Arschgeweih" – weil es wie ein Geweih über dem Hintern platziert ist. Um die Jahrtausendwende legten sich viele junge Frauen das Sexsymbol zu: Es betonte die weibliche Silhouette und sollte damit erotisch wirken. Heute geht der Trend zum Überstechen oder gar zum Entfernen dieser Tattoos, wie zwei Stuttgarter Tätowierer bestätigen: Achim von Tattooster erzählt, dass bei ihnen pro Jahr ungefähr sechs solcher Steißbein-Tribals überstochen werden: „Die Motive sind dann viel individueller." Die fehlende Individualität sei auch der Grund gewesen, dass der einstige Hype wieder in Vergessenheit geraten ist. Neue Tattoos dieser Art würden nur noch selten gestochen: „Ich habe in den letzten sechs Jahren nur ein einziges Mal ein neues Tribal an dieser Stelle gestochen", so Sandra vom  Tattoo Studio Arts & Symbols.

Was sagt Stuttgart zum Arschgeweih? | Grafik: Simona Kelz via Thinglink.com, Soundcloud-Grafiken: Katrin Nöbauer via Pikttochart

Und in Zukunft?

Die Beispiele zeigen: Das Phänomen der Hypes hängt mit unserer heutigen Gesellschaft zusammen. Die Jugendkultur und damit verbundene Hypes gibt es zwar schon lange - siehe Woodstock - doch durch die digitalen Medien werden Meinungen heute noch schneller und weiter verbreitet. Zwick vermutet, dass die Gesellschaft in nächster Zeit sogar noch kurzlebiger werden wird. Die Hypes sind zusammenfassend ein Trend, also eine Entwicklung, die sich weiterhin halten wird - auch wenn einzelne Hypes immer wieder vergessen werden!

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Über die Autoren

Simona Kelz

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 15/16

Katrin Nöbauer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16