Café Strich-Punkt

Hilfe für Jungs, die auf den Strich gehen

08.06.2017

Die deutsche Sprache kennt kein geeignetes Wort für sie. Als „Stricher“ würden sie sich niemals bezeichnen. Ihre Tätigkeit nennen sie Business, Escort oder einfach Arbeit. Im Stuttgarter Café Strich-Punkt erhalten männliche Sexarbeiter die Hilfe und Unterstützung, die sie benötigen.

Junge Männer, die anschaffen – das gibt es auch in Stuttgart. |Foto: Lilli Benz, Anna Betz

Prostitution – ein Begriff, der fast ausschließlich mit Frauen in Verbindung gebracht wird. Doch es gibt auch Männer, die anschaffen. Jedoch fällt die mann-männliche Prostitution, bei der sowohl Kunde als auch Sexarbeiter männlich sind, in der öffentlichen Wahrnehmung kaum ins Gewicht. Gesellschaftliche Tabus über Homosexualität und Prostitution spielen dabei genauso eine Rolle wie das Stereotyp vom „starken" Mann. Doch sie sind da, die Jungs, die auf den Strich gehen – auch in Stuttgart. Laut Schätzungen des Café Strich-Punkts sowie dem Kontaktportal PlanetRomeo gibt es allein im Raum Stuttgart ca. 450 mann-männliche Sexarbeiter. Viele von ihnen sind Migranten, häufig aus Osteuropa oder Nordafrika. Viele von ihnen sind sehr jung. Anschaffen müssen die meisten aus purer Armut und Perspektivlosigkeit. In ihrer prekären Lebenssituation reicht es oft nicht einmal für das Nötigste: Essen, einen Schlafplatz oder eine Dusche.

Unterstützung gibt es im Café Strich-Punkt

Hier setzt das Café Strich-Punkt an: Es ist eine der wenigen Anlaufstellen in ganz Deutschland für junge Männer und Trans-Personen, die der mann-männlichen Prostitution nachgehen. Gelegen im Stuttgarter Rotlichtviertel neben Bordellen, Antiquariaten und hippen Szene-Bars findet sich hier ein Schutzraum für all die jungen Männer, die ihren Körper verkaufen. In den gemütlichen und freundlichen Räumen können sie sich ausruhen, essen, ihre Wäsche waschen und beim Tischkickern oder gemeinsamen Spielen entspannen. Eine Rechtsberatung sowie einen Deutschkurs gibt es im Café auch. Zweimal im Monat kommt eine Ärztin, die über sexuell übertragbare Infektionen aufklärt und Untersuchungen durchführt – natürlich kostenlos und anonym.

Das Café Strich-Punkt teilt sich die Räumlichkeiten mit dem Café La Strada, der Anlaufstelle für die weiblichen Prostituierten. |Foto: Lilli Benz, Anna Betz

Mit „Mensch ärgere dich nicht" Vertrauen aufbauen

Doch was die Jungs im Café vor allem vorfinden, ist ein offenes Ohr, menschliche Wärme und Anerkennung. Dafür sind neben den beiden hauptamtlichen Sozialarbeitern auch die Ehrenamtlichen da. So wie die 48-jährige Christiane – eine herzliche Frau, die viel lacht. Vor sieben Jahren kam sie zum Café Strich-Punkt. Damals wollte sie sich für etwas engagieren, bei dem ihre Hilfe wirklich benötigt wird: „Homophobie ist immer noch ein großes Thema in Deutschland. Und Homosexuelle, die sich prostituieren – das ist für die Gesellschaft ganz unten", erklärt sie. Natürlich habe es anfangs gedauert, bis die Jungs Vertrauen zu ihr gefasst haben. Daher habe sie viel mit ihnen gespielt: Mensch ärgere dich nicht oder Elfer raus hätten geholfen, das Vertrauen nach und nach aufzubauen und zu festigen. Heute erkennt sie, welche Bedeutung ihre Arbeit und die der anderen Helfer für die Jungs hat.

Welche Bedeutung hat die Arbeit der Ehrenamtlichen für die Besucher im Café Strich-Punkt? |Quelle: Lilli Benz, Anna Betz

Geduld ist gefragt

Da die Anlaufstelle ein niedrigschwelliges Angebot ist, spielt Geduld bei der Arbeit eine wichtige Rolle: Die jungen Männer können ins Café kommen, wann immer sie wollen und es wird dabei nichts von ihnen erwartet – weder, dass sie aus der Sexarbeit aussteigen, noch dass sie bestimmte Leistungsnachweise erbringen. Das bedeutet für die Helfer aber auch, dass es schwierig ist, sich selbst konkrete Ziele zu setzen: „Man muss sich daran gewöhnen, einfach nur da zu sein. Und daraus das Beste zu machen", meint Christiane.

Ähnlich ergeht es auch der 23-jährigen Annika. Die Sozialpädagogik-Studentin ist genau wie Christiane als Ehrenamtliche im Café tätig. Immer wieder müsse man sich selbst in seinem Tatendrang bremsen, meint sie.

Was sind schwierigere Momente im Café Strich-Punkt? Da alle Helfer im Café großen Wert auf Gendern legen, sprechen sie stets von „Besucher_innen". |Quelle: Lilli Benz, Anna Betz

Anfangs fiel es Annika schwer, die Parallelwelt der Jungs zu akzeptieren: „Hier kämpfen die jungen Männer um ganz existentielle Dinge und ein paar Meter weiter feiert das Partyvolk am Wochenende in den Szene-Bars." Doch so beschwerlich die Arbeit sich manchmal anfühlt, die schönen Momente und besonderen Begegnungen im Café Strich-Punkt überwiegen – davon sind beide Helferinnen überzeugt. So berichtet Annika, wie sie einen Besucher dabei unterstützen konnte, einen Job außerhalb der Sexarbeit zu finden.

Annika berichtet von einer äußerst schönen Erfahrung im Café Strich-Punkt. |Quelle: Lilli Benz, Anna Betz

Auch Christiane lächelt, wenn sie von den positiven Erlebnissen im Café erzählt. Die beginnen oftmals schon bei den kleinen Begegnungen: Wenn ein Besucher sie in den Arm nimmt und lacht – denn dann war er an diesem Tag wenigstens einmal fröhlich, meint sie. Zu einem Besucher, der den Ausstieg aus der Sexarbeit geschafft hat, hat sie bis heute eine tiefe Verbindung.

Christiane erzählt von ihrer Verbindung zu einem ehemaligen Besucher. |Quelle: Lilli Benz, Anna Betz

Die beiden Ehrenamtlichen Christiane und Annika bei der Besprechung der Essenplanung. |Foto: Lilli Benz, Anna Betz

In den Gesprächen spürt man die Leidenschaft, die die beiden Ehrenamtlichen für ihre Arbeit aufbringen: „Die Arbeit im Café ist mein Lebenselixier", meint Christiane. Doch auch für das Café Strich-Punkt und für die jungen Männer sind die Ehrenamtlichen von existentieller Bedeutung. So bringt es der hauptamtliche Sozialarbeiter des Cafés Tom Fixemer auf den Punkt: „Ohne die Arbeit der Ehrenamtlichen würde ein großes Stück Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft im Café Strich-Punkt fehlen."

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Besucht mit uns das Café Strich-Punkt:

Welche Räume gibt es im Café Strich-Punkt und was passiert dort? Sozialarbeiter Tom Fixemer nimmt dich mit durch das Café Strich-Punkt.

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Über die Autoren

Lilli Benz

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016

Anna Betz

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016