Therapeutische Behandlung

Hypnose: Ein Wundermittel gegen Angst?

07.06.2016

Ängste, Phobien und Blockaden – viele Menschen leiden darunter. Nach Jahren der Verzweiflung entscheidet sich die Stuttgarterin Anna H.* für eine Hypnosetherapie. Trotz der Erfolge halten einige Menschen diese Behandlungsmethode für Humbug oder befürchten, dem Hypnosetherapeuten ausgeliefert zu sein. Doch mit der sogenannten Show-Hypnose aus dem Fernsehen hat die therapeutische Arbeit nichts zu tun.

Die Angst als Beifahrer belastet und raubt Lebensfreude. Auch bei Prüfungsvorbereitung, Rauchentwöhnung und Gewichtsreduktion wird die Hypnose als wirkungsvolles Instrument eingesetzt. |Foto: Elena Menstell

Sorin Viktor Decker ist Heilpraktiker für Psychotherapie und arbeitet seit zwölf Jahren als Hypnosetherapeut in seiner eigenen Praxis. Er sieht Hypnose als ein psychotherapeutisches Werkzeug. „Aus Erfahrung weiß ich, dass die Psychotherapie dann viel schneller und effektiver zu Ende ist. Die Hypnose ist eine starke Fokussierung nach Innen", betont er.

Anna H. ist seit Ende letzten Jahres bei Sorin Viktor Decker in Behandlung und wurde bereits fünf Mal hypnotisiert.

„Selbst jemand, der Hypnose komplett für Humbug hält, ist hypnotisierbar."

Grundsätzlich ist jeder Mensch hypnotisierbar, so lange die Person sich darauf einlässt. Allerdings brauchen Patienten unterschiedlich lange, um in Trance zu fallen. Dies habe nichts mit dem Glauben, sondern mit der Rapportfähigkeit zu tun. „Bei Ängsten, die schon über Jahrzehnte verwurzelt sind, muss man in eine sehr tiefe Trance gehen und richtig aufdeckend arbeiten", erklärt Decker.

Leben ohne Ängste

Eine dauerhafte Heilung durch eine Hypnosetherapie sei möglich, wenn das Leben des Patienten weiterhin normal – ohne emotional viele Dramen – verläuft. „Je jünger die Ängste sind, desto leichter können sie geheilt werden und bleiben dauerhaft weg. Wenn sie doch wieder kommen, weiß der Patient, dass wir etwas tun können. Die Ängste können sich nicht mehr so aufbauschen und sind erfahrungsgemäß schnell wieder weg", erklärt Sorin Viktor Decker.

Anna H. träumt von einer Reise ins Ausland – doch aufgrund ihrer Flugangst scheint dies unmöglich. Im Alltag schränkt sie ihre Angst als Beifahrerin ein.

Show-Hypnose sät Misstrauen

Einige Menschen assoziieren die Behandlungsmethode mit der Show-Hypnose aus dem Fernsehen und befürchten, bei der Hypnose willenlos zu sein. „Bei solchen Unterhaltungsshows soll das Bewusstsein ziemlich schnell ausgeschaltet sein – da machen die Probanden ziemlichen Quatsch, für den sie sich im Wachzustand schämen würden. Die Betroffenen erinnern sich meistens nicht daran, was passiert ist", erklärt Decker. In der Hypnosetherapie sollte das Bewusstsein alles mitkriegen und der Patient sich erinnern können – um den therapeutischen Prozess zu unterstützen. Würde in der Hypnose etwas passieren, das gegen den Willen und die Wertvorstellungen des Patienten spricht, lässt der Entspannungszustand nach und führt zum Ende der Hypnose. Allerdings sollte man auf der Suche nach Hilfe aufpassen. „Im Internet gibt es Hypnotiseure ohne therapeutischen Hintergrund, die das Wissen noch nicht haben, um Hypnose therapeutisch richtig anzuwenden." Sorin Viktor Decker rät einen Hypnosetherapeuten aufzusuchen, der auch Psychotherapieverfahren anwendet.

Die Hypnosetherapie hat die Ängste von Anna H. gelindert. Heute fährt die 57-Jährige sogar bei ihrem Sohn im Auto mit – vor der Hypnose war das kaum vorstellbar.

Vielfältige Möglichkeiten

Welche Hypnosetechnik er anwendet, hängt von der Thematik und der Person ab; zu beachten ist zum Beispiel das Alter, Geschlecht und das Umfeld. Eine typische Hypnosetherapie beginnt mit einem Vorgespräch. „Ich brauche noch mehr Wissen über die Persönlichkeit und Denkmuster des Patienten, damit ich die Hypnose vorbereiten kann", sagt Decker. Der Hypnosetherapeut erarbeitet für jeden Patienten individuelle, traumähnliche Geschichten.

„Ich habe ein Grundgerüst, an dem ich mich entlang arbeite, es verfeinere und ausbaue."

Wie funktioniert Hypnose?
Bei der Hypnose wird das Bewusstsein mit wenig aufmerksamkeitsfordernden Tätigkeiten beschäftigt, wodurch es seine beherrschende Stellung verliert und das Unterbewusste direkt ansprechbar wird. Für den Erfolg einer Hypnose ist es nicht unbedingt nötig, eine tiefere Trance zu erreichen. Bei einigen Hypnoseanwendungen, beispielsweise beim Lösen von traumatischen Kindheitserlebnissen, ist die innere Beteiligung der Person wichtig.

Es gibt unterschiedliche Methoden, einen Patienten in Trance zu versetzen. „Ich persönlich mache die Tranceinduktion nur über das Sprechen und versuche, den Kontakt zum Patienten zu vermeiden – das ist ein psychotherapeutisches Grundprinzip. Der Patient kann sich auf sich konzentrieren und die Augen schließen", sagt Decker. Manche Patienten zeigen im Trancezustand auch Gefühle. „Für den Heilungsprozess ist das sogar gut, denn in diesem Zustand können sie mit negativen Gefühlen ganz gut umgehen." Nach den ersten zwei Hypnosesitzungen entscheidet sich, wie viele noch nötig sind. Die meisten Patienten kommen zwischen zwei und fünf Mal in die Praxis, je nachdem, wie gut die Behandlung anschlägt und sie mit der Selbsthypnose zurechtkommen.
Auch im Netz gibt es Hypnosesitzungen, die sich jeder anhören kann. Generell sei Selbsthypnose zu empfehlen und die Tiefenentspannung gesund für die Psyche. „In kurzer Zeit möglichst viele Themen anhören und zum Supermenschen werden funktioniert nicht. Das macht ein riesen Chaos im Bewusstsein und ist sehr ungesund", warnt Decker.



*Name von der Redaktion geändert

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Über den Autor

Elena Menstell

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016