Interview

Ich bin kein Tourist, ich lebe hier

27.01.2016

Dr. Claudia Brözel ist ein Urgestein des Tourismus. Die 51-Jährige war quasi schon in jedem Bereich der Branche tätig: Sie arbeitete in der Marktforschung, hat zahlreiche Lehrtätigkeiten vorzuweisen, initiierte Entwicklungsprojekte, gründete den Verband für Internet Reisevertrieb (VIR), dem sie fünf Jahre lang vorsaß, und engagierte sich in tourismuskritischen NGOs.

Sie sprach mit mir darüber, wie sie zum Tourismus gekommen ist, inwiefern Tourismus nachhaltig sein kann und warum Kritik an der Branche nach wie vor angebracht ist.

Claudia Brözel: „Es müsste ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden" (Foto: privat).

Frau Brözel, seit 2012 sind Sie Professorin für Marketing und eCommerce im Studiengang nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule Eberswalde. Wie können Tourismusmanagement und Nachhaltigkeit denn zusammenpassen?

(Lacht) Im Grunde genommen gar nicht. Ich finde nachhaltiges Tourismusmanagement ist an sich schon ein Widerspruch im Titel. Wenn man allerdings sieht, was in diesem Bereich die letzten Jahre passiert ist, dann ist das hauptsächlich Landschaftsschutz, Konzeption zur Vermarktung von Reisezielen, die sich in Deutschland befinden, und sowas wie Entwicklungszusammenarbeit. Tourismus an sich, finde ich, kann natürlich nie gänzlich ökologisch nachhaltig sein, wohl aber ökonomisch oder sozial nachhaltig.

Nach der Schule haben Sie zunächst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. Wie entstand bei ihnen das Interesse für den Beruf?

Ich komme aus einem Elternhaus in dem das Thema Gastfreundschaft großgeschrieben wurde. Meine Eltern waren selbstständig, wir hatten einen Spielwarenladen. Außerdem hat sich mein Vater in mehreren Vereinen engagiert. Wir hatten deshalb immer jemanden im Haus und viele Festivitäten, bei denen ich in der Küche, beim Service oder bei der Dekoration geholfen habe. Wir waren zudem häufig in Restaurants und Hotels. Ich habe schon sehr früh 4– und 5-Sterne-Küche kennengelernt und fand das immer spannend, dass man viel unterwegs sein und überall arbeiten kann. Ich wollte auf gar keinen Fall das machen, was meine Eltern machen, also war klar, dass ich in der Hotellerie tätig werde.

Warum haben Sie dann trotzdem ein Studium in Touristikbetriebswirtschaftslehre in Heilbronn an die Ausbildung drangehängt?

Nach der Ausbildung im Schwarzwald war ich erstmal mehrere Jahre im Ausland. Ich musste etwas Anderes machen, wollte etwas von der Welt sehen. Ich bin, wie man so schön sagt, in den achtziger Jahren ausgestiegen. Nach einigen Monaten in Portugal habe ich auf den kanarischen Inseln zwei Jahre vom Brotbacken gelebt, gemeinsam mit Freunden habe ich damit ein kleines Business aufgezogen. Die Leute haben uns das Vollkorn- und Früchtebrot geradezu aus den Händen gerissen. Es hat also ganz gut funktioniert, war für länger aber nicht ausreichend. Ich hatte mich in dieser Zeit auch einigen tourismuskritischen NGOs angeschlossen und sehr viel gesehen, was im Tourismus meiner Ansicht nach schieflief.

Was lief denn schief?

Die Kanaren waren schon damals eines der beliebtesten Warmwassergebiete für Pauschaltouristen aus Deutschland und wurden deshalb auch von der EU aus Sozial- und Strukturfond gefördert. Das System war aber politisch immer sehr korrupt. So entstand der Wunsch in das Tourismusbusiness einzusteigen und da vielleicht auch etwas zu verändern.

Sie haben 1993 ihre Diplomarbeit zum Thema „Tourismusentwicklung im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie" beschäftigt. Das Thema Tourismuskritik hat Sie also weiter verfolgt.

Das stimmt, da habe ich meine Beobachtungen von der Zeit auf den Kanaren wieder aufgegriffen. Ich habe mich damit beschäftigt, ob wir als entwickelte Länder an finanzielle Zuwendungen Kriterien knüpfen sollten, mit denen wir eine Entwicklung in einem anderen Land unterstützen. Das treibt mich auch heute noch manchmal um. Bei meiner Diplomarbeit ging es um die kanarische Insel La Gomera. Dabei habe ich damals kritisch beleuchtet, was mit den Fördergeldern aus der EU passiert ist. Das Geld landete meist bei Zwischenabnehmern, entwicklungstechnisch ist da eigentlich recht wenig angekommen. Dabei meine ich nicht nur politische Korruption, sondern auch, dass mit den Fördergeldern meist Unternehmen beauftragt wurden, die aus denjenigen Ländern kamen, aus denen das Geld stammte. Die Fördersummen sind also nicht in den Zielländern geblieben, sondern gingen indirekt an die Geberländer zurück. Das ist leider auch heute noch in vielen Entwicklungskontexten so.

Denken Sie dabei an einen konkreten Fall?

Beispielsweise wurden auf La Gomera Unsummen an EU- und damit Steuergeldern in einen Flughafen gesteckt. Mit dem Bau des Flughafens wurden Firmen aus dem Ausland beauftragt, Arbeiter und Maschinen komplett importiert. Oftmals wurden die Fördergelder auch einfach nur verpulvert, es scheiterte an der Umsetzung. Ich erinnere mich an einen Tunnelbau, bei dem von beiden Seiten angefangen wurde zu graben, man sich aber einfach nicht in der Mitte getroffen hat.

Welche persönlichen Konsequenzen haben sie aus den Erfahrungen gezogen?

Ich war in dieser Zeit ziemlich tourismuskritisch unterwegs und habe den Schweizer Volkswirt Jost Krippendorf verehrt, der als einer der ersten die Thematik einer alternativen Tourismusentwicklung präsent machte. Nach meinem Studium habe ich mich in der Arbeitsgemeinschaft „Tourismus mit Einsicht" engagiert, die die Auswirkungen des Massentourismus kritisch hinterfragt hat. Zu diesem Dachverband zählten auch Organisationen wie „Brot für die Welt" oder die „Gruppe Neues Reisen", der ich bereits in meiner Zeit auf den Kanaren angehörte. Wir waren unter anderem auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin aktiv, der größten Tourismus-Messe weltweit und haben dort den kritischen Gegenpart zu den großen Reiseanbietern gestellt. Wir haben aufgeklärt und Aktionen veranstaltet, wie Buttons verteilt, auf denen „Ich bin kein Tourist, ich lebe hier" zu lesen war.

Was hat sich da aus heutiger Sicht getan, gibt es eine Entwicklung in puncto Ethik und Nachhaltigkeit?

Es hat sich eine riesige Beraterszene gebildet, die alle Gütesiegel geschaffen haben. Da halte ich persönlich sehr wenig davon, weil jemand von außen kommt und einem Unternehmen etwas ausstellt, was dann Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit bescheinigen soll. Wenn ein Unternehmen aber bestimmte Werte vertritt und sich von selbst engagiert, dann brauche ich gar kein Label von außen, dann passiert Nachhaltigkeit. Ich kenne Unternehmen in der Tourismusbranche, die so arbeiten, aber ich würde sagen, der Großteil – dazu zähle ich auch die großen Veranstalter – ruht sich darauf aus, eine Zertifizierung zu haben. Es passiert nach wie vor zu wenig. Dazu müsste ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden und da sind wir natürlich auch beim Preis. Ich habe aber das Gefühl, dass durch die neue Generation zwischen 20 und 35 Jahren bereits eine Veränderung passiert. Das Thema Freiheit, Reisen, zu jeder Zeit überall hingehen können ist eine absolute Errungenschaft unser industrialisierten Welt und wird vor allem durch diese Generation verstärkt genutzt. Sie ist meist längerfristig und in sozialen Engagements unterwegs. Pauschalurlaub könnte sich deshalb eines Tages über die Nachfrage erledigen.

Seit dem vergangenen Jahr gibt es einen Austausch zwischen Eberswalde und Bethlehem. Was ist das für ein Entwicklungsprojekt?

Wir bauen in Bethlehem einen Tourismus-Studiengang auf. Ich war zuletzt im Mai mit 15 meiner Studierenden vor Ort und wir haben gemeinsam mit palestinensischen Studenten unter anderem neue Reiseprodukte entwickelt. Was in diesen zehn Tagen passiert ist, auf der deutschen Seite an Verständnis für die Kultur und die Probleme dieses Landes und auf der palestinensischen Seite für Deutschland und wie wir so ticken – das war Wahnsinn, das hätte man nie in einer Vorlesung machen können. Ich glaube langfristig ist das auch der Schlüssel etwas zu verändern, indem man gemeinsame Erlebnisse schafft.

Abschlussfrage: Wenn sie die Wahl hätten, an welchen Ort, an dem Sie noch nicht waren, würden Sie reisen wollen?

(Lacht) Das ist schwierig. Ich hätte jetzt natürlich sofort Reykjavik gesagt, Island ist sehr magic. Aber da war ich schon öfter. Dann würde ich sagen, die Cayman-Inseln.

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Über den Autor

Julian Budjan

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15