Kulturelle Identität heute

Ich entscheide wer, wie und wo ich bin

20.01.2017

Globalisierung und Mobilität – zwei Begriffe, die unser Leben in jeder Hinsicht grundlegend verändert haben. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich, ihre Heimat zu verlassen, beispielsweise um woanders Karriere zu machen. Manche sehen das als Bereicherung der kulturellen Diversität, andere als bedenklichen Ansporn zur kulturellen Homogenisierung.

Reem K Wahba mit Kopftuch und traditionellem Schmuck – ihre Selbstbestimmung ist jedoch ihr schönstes Accessoire. | Bild: Hüseyin Yilmaz

„Komm rein", Reem öffnet die Tür zum Tanzstudio. In einer halben Stunde sollen Tanzschritte den noch leeren Raum füllen und lateinamerikanische Rhythmen die Ruhe unterbrechen. „Gemischte Gefühle", so beschreibt Reem ihr Empfinden, wenn sie den Raum täglich betritt. „Ich bin wirklich so dankbar, dass ich diesen Platz habe", einen Platz bei  Dance Academy – eine der bewährtesten Tanzschulen Stuttgarts. Hier darf sie Tag und Nacht tanzen, hier hat sie die Möglichkeit ihrer Leidenschaft nachzugehen. Doch das alles habe seinen Preis. „Leute sagen mir immer, dass ich Glück habe, aber sie wissen nicht, wie viel und wie hart ich jeden Tag arbeiten muss. Es ist nicht so leicht. Ich habe mir den Platz hier verdient, und manchmal musste ich eben Verletzungen davontragen."

Entscheidende Lebensstationen von Reem K Wahba | Grafik: Laila Abdalla via Piktochart

Bereits mit zwölf Jahren hat Reem mit dem Tanzen angefangen. Damals war sie noch in Ägypten und hat es nur als Hobby gemacht. Anfangs interessierte sie sich nur für Hip Hop. Als sie eines Tages aber mit Salsa anfangen wollte, hatten ihre Eltern ein Problem damit – Reem sah sich mit der ägyptischen Kultur konfrontiert. „Klar, es gibt schon Leute, die in Ägypten Salsa tanzen, aber man wird gleich in eine Schublade reingesteckt, in der man eigentlich gar nicht sein möchte", erklärt Reem. Als Salsa-Tänzerin müsse sie relativ freizügige Kostüme tragen und enger Körperkontakt mit männlichen Tanzpartnern sei unvermeidbar. „Es ist leider fast unmöglich, dabei nicht verurteilt zu werden."

Erst in Deutschland hatte sie die Möglichkeit, ihre Leidenschaft wirklich zu entwickeln. Mittlerweile unterrichtet sie Salsa und Hip Hop an zahlreichen Tanzschulen, hauptsächlich an der Dance Academy. 2014 hat sie mit ihrer Tanzgruppe die  Süddeutsche Salsa Meisterschaft gewonnen und dieses Jahr erneut mit ihrem Partner teilgenommen und den fünften Platz belegt. Salsa sei für Reem nicht nur eine Leidenschaft, sondern auch eine Art Flucht aus dem Gefängnis der mittelöstlichen Kultur und Erwartungen.

Reem beim Salsa-Kurs an der Dance Academy

Sechs Bilder die zeigen, wie Reem den fortgeschrittenen Salsa-Kurs leitet. | Bilder: Laila Abdalla

Eine sichere Zukunft - zu viel verlangt?

„Schön wär’s, wenn Tanzen mein Hauptjob sein könnte", so Reem. Als selbstständige Berufstänzerin müsste sie aber sehr viel aufgeben, um wirklich erfolgreich zu sein und genug zu verdienen – ein Risiko, das sie nicht eingehen will. Deswegen habe sie keine Pläne, ihren Job bei Yves Rocher aufzugeben.

Diese karriereorientierte Einstellung ist in Ägypten eher ungewöhnlich, vor allem bei Frauen. Laut einer  Umfrage der Thomas Reuters Foundation können nur 63 Prozent aller erwachsenen Frauen in Ägypten lesen und schreiben, d.h. 37 Prozent können den Arbeitsmarkt kaum betreten, selbst wenn sie es wollten, doch einen Mann zu finden und eine Familie zu gründen sei sowieso das Wichtigste. Für Reem ist dies zweitrangig. Viel wichtiger sei eine sichere und erfüllende Zukunft. „Mit der ägyptischen Kultur kann ich mich nicht wirklich identifizieren… Meinen Freundinnen, die mit mir auf der derselben Schule waren, geht es aber ähnlich. Wir sind wohl alle mehr oder weniger eher von der westlichen Kultur geprägt." Reems Geschichte und emanzipierte Einstellung stehen wohl für eine ganze Reihe junger Menschen.

Kulturelle Identität
Wird zunächst als etwas lokal Verwurzeltes verstanden. Sie ist an lokale Kontexte, wie z.B. Werte, Symbole und Sprache, gebunden und historisch spezifiziert.

Heute hängt kulturelle Identität nämlich nicht mehr nur davon ab, wo man geboren ist. Räumliche und zeitliche Grenzen verlieren dank der internationalen Vernetzung, die auf fast allen Ebenen stattfindet, immer mehr an Bedeutung. Es gäbe jedoch Faktoren, die die Ausprägung unserer Identitäten immerhin stark beeinflussen, wie zum Beispiel Bildung. „Ich weiß, dass ich privilegiert bin. Ich war auf einer sehr guten Schule, wo ich zum Beispiel über Aufklärung gelernt habe und meine Eltern sind offener als viele andere", gibt Reem zu. Wären ihre Eltern anders, hätten sie es ihr vielleicht verboten, Hip Hop-Kurse zu besuchen oder nach Deutschland zu gehen. Reem sei also alles andere als undankbar dafür, dass ihre Familie und sie selbst von mehreren verschiedenen Kulturen beeinflusst sind. „Ich durfte mir meine eigene Kultur zusammenbauen", erzählt sie. Sie habe zwar bestimmte ägyptische Werte aufgegeben, aber das heiße längst nicht, dass sie alles Westliche oder Deutsche angenommen habe. „Ich setzte mir meine eigenen Grenzen, je nachdem welche meinen persönlichen Vorstellungen entsprechen." Diese individualistische Denkweise gefalle aber nicht allen.

Angst vor der neuen Welt

Wenn Reem nach Hause fliegt, habe sie manchmal das Gefühl, dass ihre persönliche Entwicklung von manchen abgelehnt werde, insbesondere von älteren Leuten und Verwandten. „Nur weil ich Sachen anders als gewohnt machen will, heißt es: Du hast dich verändert, du bist keine Ägypterin mehr." Diese oder ähnliche Ansichten teilen viele rund um den Globus: Kulturelle Identitäten würden zerstört werden und lokale Eigenheiten und Traditionen gingen verloren.

Reem kritisiert diese Ablehnung: „Man kann doch nicht für immer in seiner eigenen Bubble leben." Menschen müssten heute bereit sein, selbstständig zu denken und sich anzupassen, denn die aktuelle Internationalisierung werde sich ständig weiter ausdehnen. Das Zusammentreffen unterschiedlichster Menschen, die von teilweise gegensätzlichen Werten, Lebensumständen und Verhaltensweisen geprägt sind, sei heute unausweichlich. Das lässt sich durch die wachsende Anzahl an Migranten nachweisen. Deutschland ist ein klassisches Beispiel: Die Grenzen werden immer durchlässiger. Ende 2015 kündigte das Ausländerzentralregister an, dass rund 9,11 Millionen Ausländer in Deutschland leben. Auch ist es laut DAAD das drittbeliebteste Gastland für Studierende. Aktuell sind mehr als 300.000 ausländische Studenten an deutschen Hochschulen immatrikuliert – Tendenz steigend. „Wir müssen alle offener werden, damit wir nicht ständig unter Kulturschock stehen", meint Reem. „Als ich nach Deutschland gekommen bin hatte ich anfangs schon ein paar Schwierigkeiten, weil vieles neu und fremd war. Doch wäre ich engstirnig geblieben, würde ich mich hier wahrscheinlich immer noch nicht wohl fühlen. Die Akzeptanz für andere Kulturen ist eigentlich da und sie wächst jeden Tag. Ich musste nur meine Augen öffnen und lernen, in mich selber Kompromisse zu schließen."

Total votes: 62
 

Über den Autor

Laila Abdalla

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016