„Machen-Wir-Was“-Initiative

Inklusion ganz einfach

09.06.2017

„Soll ich helfen? Versteht er mich?“ Menschen ohne Behinderung wissen oft nicht, wie sie mit behinderten Mitmenschen umgehen sollen. Kein Wunder: Sie kennen meist auch keine. Die Online-Plattform „Machen-Wir-Was“ möchte mit einem simplen Ansatz dafür sorgen, dass sich beide Seiten besser kennen- und verstehen lernen.

Die „Machen-Wir-Was"-Mitglieder Silvana, Corinne und Barbara (v.l.n.r.) bei einem Treffen auf dem Schlossplatz |Foto: Florian Stelzl

Über das Online-Portal „Machen-Wir-Was" können sich Menschen mit und ohne Behinderung für eine gemeinsame Unternehmung verabreden. Die Macher nennen diese Freizeit-Paare ein „Tandem", denn zusammen sollen beide besser vorankommen: „Es geht darum, dass wir uns für andere Menschen öffnen, mit denen wir sonst keinen Kontakt hätten", erklärt Katharina Kulakow vom „Machen-Wir-Was"-Team. Die 28-Jährige ist eine von drei Mitarbeiterinnen, die das Projekt seit dessen Start 2014 begleiten. Beide Seiten sollen mit den Freizeit-Verabredungen einen Beitrag zur Inklusion leisten. Der Ansatz dabei sei simpel: „Inklusion fängt im Kleinen an! Ihr müsst nicht gleich Berge bewegen, trinkt doch einfach mal ne Tasse Kaffee miteinander", so Katharina.

Keine Berührungsängste

Der erste Kontakt mit jemandem, von dessen Lebensrealität man wenig weiß, fällt häufig schwer. Auch Katharina Kulakow gesteht: „Anfangs bin ich oft an meine Grenzen gestoßen, weil ich genauso Berührungsängste hatte." Die 28-Jährige berichtet von einem ihrer ersten Treffen: „Das war mit jemand, der nicht mehr reden und sich auch fast nicht mehr bewegen konnte. Er hatte an seinem Rollstuhl eine Tafel mit Wörtern. Zuerst habe ich mich nur mit seiner Betreuerin über ihn unterhalten und dann gemerkt, dass er auf der Tafel antwortet. Da habe ich mich selbst erwischt, dass ich ihm nicht mal die Chance gegeben habe, mit mir zu kommunizieren." Seitdem gehe sie viel unbefangener mit behinderten Menschen um: „Ich versuche einfach alle gleich zu behandeln. Wenn ich merke, dass jemand mich nicht versteht, kann ich immer noch zurückstufen."

„Nicht lange überlegen, einfach fragen!"

Seit Herbst 2016 engagiert sich Barbara bei „Machen-Wir-Was". Die 60-Jährige hat keine Behinderung. Schlechte Erfahrungen habe sie in den Tandems noch keine gesammelt. Ganz im Gegenteil: Gleich bei ihrer ersten Verabredung habe sie zwei neue Freundinnen gewinnen können: „Man merkt schon nach dem ersten Treffen, ob man zueinander passt und dann verabredet man sich ganz automatisch wieder", erklärt sie.

Barbara berichtet von ihren Erfahrungen bei „Machen-Wir-Was" |Quelle: Florian Stelzl

Bloß niemanden verärgern

Die richtige Wortwahl kann im Umgang mit behinderten Menschen eine große Rolle spielen. Niemand möchte den anderen verärgern, doch wie soll man die Behinderung des anderen ansprechen? Soll man sie überhaupt ansprechen? Fühlt sich jemand vom Begriff „Behindert" angegriffen? Auch Katharina begegnet diesen Fragen häufig und weiß, dass sie für Unsicherheit sorgen. Eine Musterlösung gebe es aber nicht: „Du musst für dich einen Weg finden. Der sollte auch einigermaßen politisch korrekt sein, aber du kannst nicht erwarten, dass du damit niemandem auf den Schlips trittst oder dass sich niemand davon angegriffen fühlt."

Behinderte Menschen reagieren unbefangener

Auch in ihrer Master-Arbeit an der Hochschule der Medien hat sich Katharina Kulakow mit Berührungsängsten beschäftigt. Sie hat dabei inaktive Nutzer bei „Machen-Wir-Was" gefragt, warum sie nicht aktiver werden. Viele hätten sich nicht getraut auf den anderen zuzugehen: „Gerade Nutzer ohne Behinderung fragen sich häufig: Was schreibe ich denn da jetzt, kann ich dem ganz normal schreiben?" Bei Behinderten sei die Hemmschwelle hier übrigens wesentlich geringer: „Behinderte schreiben häufiger einfach mal drei Leuten, die sie auf dem Profil-Bild sympathisch finden. Sie haben weniger Berührungsängste, weil sie im Alltag mehr mit Leuten ohne Behinderung zu tun haben."

Corinne ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie berichtet von ihren Erfahrungen bei „Machen-Wir-Was" |Quelle: Florian Stelzl

Inklusion nach Plan

Jede Stadt ist vom Gesetzgeber dazu angehalten, ein Mindestmaß an Inklusion zu leisten. „Häufig beschränkt sich der Inklusions-Gedanke aber auf das Schulsystem", kritisiert Katharina. „Als Behinderter nervt der Begriff Inklusion glaube ich auch schon, weil man ihn überall liest, aber dann passiert doch nichts." Dass Menschen mit Behinderung nicht mehr automatisch eine Sonder- und Förderschule besuchen müssen, mag ein wichtiger Schritt sein, doch zur Inklusion gehöre auch der Alltag: „Man sieht vielleicht mal jemanden in der Bahn, aber im Alltag hat man eigentlich keine Kontakte mit Menschen mit Behinderung. Außer man arbeitet im öffentlichen Dienst, da gibt es Quoten". Der Freizeit-Ansatz von „Machen-Wir-Was" könnte hier sicher etwas bewegen, noch sind allerdings deutlich mehr Menschen mit Behinderung auf der Seite registriert. „Ich denke, dass Menschen ohne Behinderungen oft beschäftigter sind. Vielleicht haben sie auch nicht so ein großes Bedürfnis nach neuen Kontakten, weil sie schon ein bestehendes Umfeld haben", vermutet Katharina. „Es ist sehr einfach in zwei getrennten Welten zu leben, weil man einfach keine Berührungspunkte hat", resümiert sie. „Machen-Wir-Was" werde aber auch in Zukunft versuchen, beide Welten zusammenzuführen.

Arno, Silvana, Corinne und Barbara (v.l.n.r.) beim gemeinsamen Tandem. Egal, ob zusammen Kaffee trinken oder Blödsinn machen: Was die Mitglieder unternehmen, entscheiden sie selbst. |Foto: Florian Stelzl

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Über den Autor

Florian Stelzl

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017