Gourmetküche

Integration über den Tellerrand hinaus

02.05.2017

Von Dummschwätzern hat Spitzenkoch Serkan Güzelcoban die Nase voll. Er selbst entspricht einem Klischee: Hauptschüler mit türkischem Migrationshintergrund. Als erfolglos abgestempelt? Von wegen: Güzelcoban redet nicht nur, er macht – und gibt den Menschen eine Chance, die aus dem Raster fallen und in Schubladen gesteckt werden.

Serkan Güzelcoban arbeitet rund um die Uhr und ist trotzdem glücklich. |Foto: Kimberly Nicolaus

Mit 13 Jahren verdiente Güzelcoban bereits sein Taschengeld in der Gastronomie. Weil ihm Praktika in der Industrie und im Einzelhandel als Jugendlicher nicht gefielen, entschied er sich für eine Ausbildung zum Koch. Seinen Blick warf er dabei über den Tellerrand: „Ich will etwas Besonderes und Tiefgründiges machen, toll kochen kann jeder." Nach seinem Einstieg bei dem Unternehmen Würth, kochte er ab 2009 gemeinsam mit beeinträchtigten Menschen. Zunächst war der 32-Jährige Chefkoch des Hotel-Restraurants Anne-Sophie in Künzelsau. Mit der Erweiterung des Restaurants handicap im Jahr 2013 übernahm er auch dort die Küchenleitung. Güzelcoban war jedoch unzufrieden: „Die Restaurants haben nicht den nötigen Respekt, den sie in der Gastronomie verdient hätten."

Restaurant handicap
Nachdem Initiatorin Carmen Würth im Jahr 2003 das Hotel-Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau eröffnete, folgte 2013 das Restaurant handicap. Beide Einrichtungen verfolgen ein Ziel: Beeinträchtigte Menschen so integrieren, dass sie ihre Persönlichkeit frei entfalten können. In der Küche sowie im Service arbeiten deshalb Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf zusammen.

Einsatz am Herd zahlt sich aus

Mit der Auszeichnung des Michelin-Sterns verschafften sich Güzelcoban und sein Team im Jahr 2015 endlich den erhofften Respekt – als erstes Restaurant weltweit, das Menschen mit Unterstützungsbedarf integriert. Die Arbeit mit besonderen Menschen sei nicht anders, sie erfordere lediglich mehr Aufmerksamkeit, Fingerspitzengefühl und Geduld, sagt der 32-Jährige. Die Herausforderungen seien dabei, die eigenen Empfindlichkeiten zurückzustellen und dafür zu sorgen, dass alle Fäden zusammenlaufen. Auch ein Spitzenkoch kann viel von seinen Mitarbeitern lernen: „Das Tolle an diesen Menschen ist, dass sie geradeheraus sagen, wenn ihnen etwas nicht passt", so Güzelcoban, „mittlerweile mache ich das genauso. Ich habe auch gelernt, Fehler zu machen, denn wir sind alle nur Menschen."

Patrick Deeg (24) arbeitet seit Juli 2015 im Restaurant handicap in Künzelsau. |Quelle: Kimberly Nicolaus

Frischer Wind in Öhringen

2016 war für Güzelcoban aber Schluss im handicap. „Ein Vogel ist da um zu fliegen, nicht um in einem goldenen Käfig zu sitzen. Vielleicht fliegt er gegen einen Ast oder eine Wand, aber er weiß auch, wo er sich wärmt", so beschreibt er den Grund für seine Kündigung bei der Firma Würth. Heute ist Güzelcoban Inhaber der Bistronomie „Schöner Hirte", des Restaurants „Filiae" und künftig des Restaurants „Kleinod" in Öhringen. Die Entscheidung sei aber nicht einfach gewesen und habe viel Mut erfordert. Denn Güzelcoban ist nicht nur Koch, sondern auch Familienvater. Gegenüber seinen vier Töchtern habe er deshalb auch eine finanzielle Verantwortung, betont er. Sein Engagement in Öhringen möchte Güzelcoban trotzdem ausweiten: Nicht nur Menschen mit Unterstützungsbedarf, sondern auch Flüchtlinge will er einstellen. „Wer bestimmt, für wen es welche Grenzen gibt? Wir leben alle auf einem Planeten", sagt Güzelcoban. Von bürokratischen Hindernissen lässt er sich nicht beirren: „Bei einer Autoanmeldung gibt es auch viel Papierkram."

Flüchtlinge bereichern deutsche Esskultur

Studenten der Heidelberger Hotelfachschule entwickelten 2016 das Projekt „Kochbuch Hand in Hand". „Mitgemacht habe ich, weil es ein großartiges Charity-Projekt ist", erklärt Serkan Güzelcoban. Denn die Beteiligten engagierten sich honorarfrei und die Erlöse werden an Hilfsorganisationen für Flüchtlinge gespendet. Durch Zusammenarbeit mit Herausgeber Timo Wentzel ist eine Freundschaft entstanden: „Gastronomie ist fast wie Fußball. Das Schöne daran: Es braucht keine Sprache, denn alle Menschen sind gleich."

Timo Wentzel hat gemeinsam mit Mareike Boppert, Niclas Dommer und Paul Aker eine neue und besondere Art der Willkommenskultur erschaffen. |Quelle: Kimberly Nicolaus

Als „Coole Socke" die Gastro-Szene verändern

„Ein filmreifes Leben", dachte sich auch der Hamburger Produzent Fabian Gasmia. 2019 bringt er Serkan Güzelcobans Geschichte auf die Leinwand. Denn mit seinem Engagement möchte er Barrieren des Miteinanders beseitigen. „Ich will den besten Gastronomen zeigen, dass sie von der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen lernen können", erzählt der Spitzenkoch. Wenn er in 40 Jahren auf sein Leben zurückblickt, möchte er nicht stolz auf Reichtum oder Erfolg sein: „Meinen Enkelkindern will ich erzählen, was für eine coole Socke ich war. Dass sie alles erreichen können, wenn sie den Mut haben." Denn Güzelcoban wurde in eine Schublade gesteckt – wie viele seiner Mitarbeiter auch.

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Über den Autor

Kimberly Nicolaus

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017