Chancengerechtigkeit

Integration durch Bildung – eine umsetzbare Idee?

04.05.2015

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft mit vielen verschiedenen Nationalitäten zusammen. Nicht nebeneinander, sondern miteinander – das ist nur durch Offenheit für die Individualität des Einzelnen möglich. Kann die Schule die Weichen für solch eine Integration legen?

Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Doch nicht jeder hat die gleiche Aussicht auf eine individuelle Förderung. „Kinder mit Zuwanderungsgeschichte haben mehr Hürden zu überwinden als Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte", so formuliert es Andreas Weber, Abteilungsleiter für Bildung der Baden-Württemberg Stiftung. Diese setzt sich dafür ein, dass jedes Kind einen Zugang zum Bildungssystem bekommt – unabhängig seiner Herkunft.

Zahlen belegen – Kinder mit Zuwanderungsgeschichte schließen schlechter ab.

Die Stiftung Mercator setzt sich in der Studie „Bildung, Milieu & Migration" mit den Erfahrungen auseinander, die Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem gemacht haben. Aus dieser 2013 veröffentlichten Studie lassen sich diverse Erkenntnisse herauslesen: Zwar habe der Staat Bemühungen unternommen, um jedem Kind – gleich seiner Biografie – die Teilhabe an erfolgreicher Bildung zu ermöglichen, doch diese Maßnahmen seien nicht nachhaltig genug gewesen. Die fehlende Sensibilität für die unterschiedlichen Stärken und Schwächen führe zu einer Unterschätzung dieser Schüler und als Konsequenz zu einer frühzeitigen Kategorisierung. Die Lehrer stecken ihre Schüler häufig in eine Schublade. Sie trauen ihnen selten Leistungen zu, die von ihrem Bild, des unmotivierten Schülers abweichen. Tatsächlich ist der Wille der Kinder meist da, doch die Lernprogramme lassen nicht genügend Zeit zur Entwicklung. Die Schüler übernehmen die negative Einschätzung ihrer Lehrer und zweifeln schließlich selbst an ihren Kompetenzen und an ihrem Potential.

Laut Manfred Ehringer, Mitgründer der privaten BIL-Schulen in Stuttgart, sei es die Verantwortung des Lehrers als „Dienstleister", die Kinder in ihrem Wachstum zu unterstützen. Die Tür für einen erfolgreichen Abschluss solle für jeden offen stehen. Die Bildung habe schließlich eine „große Bedeutung im Hinblick auf die nachhaltige Sicherung der Innovations- und Integrationsfähigkeit des Landes", meint auch Andreas Weber.

Das haben auch Muammer Akin und Manfred Ehringer für sich erkannt: „Wir können nur davon profitieren, wenn wir sowohl Kindern mit als auch ohne multikulturellem Hintergrund die Teilhabe an Bildung ermöglichen und sie im Sinne der Offenheit gegenüber anderen Kulturen erziehen." Sie wollen den Kindern, denen der Zugang zur Bildung erschwert wird, Zeit und Aufmerksamkeit zukommen lassen um ihre Entwicklung sowohl schulisch, als auch sozial zu fördern – die privaten BIL-Schulen sollen diese Entwicklung ermöglichen.

„Das Leben ist bunt. Und die BIL-Schulen sind ihr Spiegelbild."

„Jeder Mensch ist dazu bestimmt, ein Erfolg zu sein und diese Welt ist dazu bestimmt diesen Erfolg zu ermöglichen." (Unesco)

Kinder verschiedener Kulturen und Nationalitäten drücken hier gemeinsam die Schulbank. Auffällig dabei ist jedoch, dass der Großteil der Schüler türkische Wurzeln hat.

Da stellt sich die Frage, welche Position die Religion in den BIL-Schulen einnimmt.

Anlass für Kritik

Während Stuttgarts Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Programm der Schule unterstützt – da die von türkischstämmigen Stuttgartern gegründete Privatschule vieles biete, was wünschenswert für das Bildungssystem im Land sei – steht die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) der Privatschule skeptisch gegenüber. Grund hierfür ist die Finanzierung:

Der Bau der Schule und die Beschaffung von Lehrmitteln wurden durch diverse Spenden ermöglicht. Spender sind fast ausschließlich türkische Bürger, die angespornt durch die Gülen-Bewegung in Bildung investieren. Die Gülen-Bewegung ist eine religiöse Bewegung, die von Fethullah Gülen geführt wird. Im Vordergrund dieser Bewegung steht es Schulen zu unterstützen. Deshalb ruft der islamische Prediger seine Anhänger dazu auf, nach den fünf Säulen des Islam zu spenden, und zwar in Bildung. Die gläubigen Spender haben dabei das Gefühl in etwas Gutes zu investieren.

Die Haltung gegenüber Gülen und seiner Bewegung reicht von pazifistisch bis hin zu sektenähnlich. Fethullah Gülen wird nachgesagt, er würde durch die Unterstützung von Schulen das Ziel verfolgen, islamische Anschauungen im Unterricht zu vermitteln. Eine Aussage, gegen die sich die BIL-Schulen strikt aussprechen. Religion spiele im Unterricht keine Rolle, eine Erziehung im Sinne des Islam würde ebenso wenig stattfinden. Im Verein der BIL-Schulen sei „der Einfluss der islamischen Kultur wahrscheinlich eher anzutreffen", meint Alparslan Atlas, Lehrer an der Privatschule. In diesem Verein finden sich außerschulische Freizeitangebote für Lehrer, Schüler und Eltern. Gemeinsam werden Veranstaltungen geplant und eben auch solche Spendenaktionen organisiert um neue Lehrmittel finanzieren zu können.

Welche Auswirkung die Gülen-Bewegung innerhalb der Klassenräume hat? Darüber haben selbst Politiker unterschiedliche Meinungen. Für Manfred Ehringer und die Lehrkräfte der BIL-Schulen stehe allerdings die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung im Vordergrund.

Integration durch Bildung?

„Überwindung von Hindernissen, gelebte Integration, Bekenntnis zu Bildung" - ein Interview mit Manfred Ehringer (Mitgründer der BIL) und Alparslan Atlas (Lehrer der BIL).

Wer oder was ist BIL?

- BIL = Bildungs-und Informationszentrum Landhausstraße (ehemaliger Standort)

- Begann als Nachhilfezentrum, heute Wirtschaftsgymnasium, Gymnasium, Real-und Grundschule

- Seit 2004 nach dem Privatschulgesetz des Landes Baden-Württemberg staatlich anerkannt

- Gründer: Muammer Akin und Manfred Ehringer

- 90% nicht wurzeldeutsche Kinder, hoher Anteil türkisch-stämmiger Schüler

Finanzierung - Ansatzpunkt für Kritik?

- BIL wird zu großem Teil durch Spenden finanziert

- wichtige Rolle hat islamische Religion:

- eine der fünf Säulen des Islam erwartet von Gläubigen das Spenden

- Gülen-Bewegung ruft dazu auf, dieses Geld in Schulen zu investieren um „Menschen durch Bildung das Tor zu sich selbst zu öffnen"

- Kritik: Fethullah Gülen und seine Anhänger verfolgen das Ziel, muslimische Gedanken zu vermitteln

- doch: In BIL-Schulen erfolgt keine islamische Erziehung, denn es ist „keine Türkenschule"

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Über den Autor

Tanja Weber

Crossmedia-Redaktion/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015