Soziale Integration

Integration statt Isolation

27.05.2015

Mehdi ist 31 Jahre alt und kam vor knapp 2 Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Er engagiert sich sozial im Tafelladen in Ettlingen bei Karlsruhe. Sein Alltag gestaltet sich dadurch deutlich abwechslungsreicher und lenkt ihn von seinem Heimweh ab.

An einem sonnigen Mittwoch 10 Uhr: Mehdi krempelt die Ärmel seiner blauen Jacke hoch. Seine Schicht im Tafelladen Ettlingen beginnt. Zwei LKW ’s mit gespendeten Lebensmitteln von Discountern und Bäckereien aus der Umgebung stehen bereits an der Straße vor dem Hof und müssen entladen werden. Mit erstauntem Blick über die Menge der Lebensmittel, die über die Osterfeiertage übrig geblieben sind, nimmt Mehdi seinem Kollegen die schweren Paletten ab. Die Lebensmittel laufen in ein bis zwei Wochen ab und werden hier für einen günstigen Preis an finanziell schwächere Menschen verkauft.

Mehdi selbst ist ein Flüchtling aus dem Iran, der seit mehr als zwei Jahren nun in Deutschland lebt. Vor seinem Arbeitsbeginn hört er täglich eine halbe Stunde Radio, um sein Deutsch zu verbessern. Für ihn ist es sehr wichtig immer besser Deutsch zu lernen, da er auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle ist. „In Deutschland braucht man eine Qualifikation, sonst bekommt man keine gute Arbeit", so Mehdi. In seiner Heimat Iran hat er Maschinenbau studiert, ist jedoch aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage nach Deutschland geflüchtet. Das war für ihn nicht leicht, da er sich nach 30 Jahren von zu Hause verabschieden musste, ohne zu wissen, wann er seine Familie wieder sieht. „Hoffnung ist das Wichtigste und wer weiß vielleicht kann ich irgendwann wieder zurückkehren oder meine Familie nach Deutschland holen", so Mehdi. Um sein Heimweh zu lindern und das Erlebte zu vergessen, arbeitet er im Tafelladen. Montag bis Freitag täglich vier Stunden.

Mehdi und seine Kollegen räumen die Ware von den Lastwagen erst einmal in das kleine Lager. Eine Frau prüft die rot-gelben Äpfel, eine andere die Bohnen. Alle Obst- und Gemüsesorten werden von ehrenamtlich tätigen Frauen geputzt und finden ihren Platz in den grünen Kisten in dem kleinen Verkaufsraum des Tafelladens. Die anderen Lebensmittel, wie die kleinen gelben Schokoladenosterhasen, die nach den Osterfeiertagen in Massen angeliefert wurden, werden von Mehdi auf die Tische gestellt und gesammelt, bevor sie mit einem neongelben Etikett versehen und in die Regale eingeräumt werden.

„Hast Du mich verstanden?"

Dabei hilft die Leiterin des Tafelladens, Sibylle Thoma selbstverständlich mit. Seit der Gründung im Juni 2007 ist sie für den Tafelladen verantwortlich. Ihre Idee war es den Flüchtlingen eine Perspektive zu geben, indem sie in ihrem Laden arbeiten können. Die Arbeitszeit von vier Stunden täglich darf dabei nicht überschritten werden. Pro Stunde verdienen sie 1,50 € – für die Flüchtlinge ist das viel Geld. Damit können sie die teuren Telefonate in ihre Heimatländer bezahlen, um überhaupt Kontakt zu ihren Familien zu haben. Thoma unterstützt ihre Mitarbeiter mit großer Freude beim Erlernen der deutschen Sprache, denn dabei entstehen, wie sie erzählt, manchmal witzige Situationen. So arbeiten bei ihr auch zwei Männer aus Tschetschenien und da ist die Kommunikation nicht immer ganz so leicht. Einer davon ist Rizvan. „Hast Du mich verstanden?" fragt Frau Thoma. Der junge Tschetschene bringt ihr darauf eine Kiste mit Zucchini. „Das habe ich nicht gesagt. Ich wollte Erdbeeren. Die sind rot", und zeigt dabei mit ihren Händen, dass sie damit eine kleine Frucht meint. Er nickt und zieht daraufhin wieder los und bringt die nächste Kiste. Doch dieses Mal bringt er Radieschen. „Nein, das wollte ich auch nicht haben. Klein und süß", sagt die Leiterin des Tafelladens. Und schon kommt sein Kollege Mustafa, auch ein Flüchtling, um die Ecke, und zeigt ihm die Erdbeeren. „Da hat man manchmal wirklich einen Spaß! Aber auch unsere Rollen tauschen sich manchmal. Ich lerne gerade persisch und meine Aussprache ist nicht immer richtig und dann lachen sie über mich", und daran merkt Sibylle Thoma, wie es ihren Mitarbeitern oft geht.

Doch nicht nur an die fremde Sprache müssen sich Mehdi und seine Kollegen gewöhnen, sondern auch an die kulturellen Unterschiede. So ist Mehdis Heimat ein rein islamisches Land, in dem keine andere Religion geduldet wird. „Hier in Deutschland leben alle – egal ob Christen, Moslems oder auch Leute, die nicht religiös sind einfach nebeneinander. Das Zusammenleben ist sehr ruhig hier, das wäre im Iran unvorstellbar", erzählt Mehdi während er die Ware in die Regale einräumt. Dennoch hofft er, seine Familie irgendwann wieder besuchen zu können: „Das Leben ist so, man kann nicht sagen was passiert, aber man kann hoffen."

Platz für Religion

Währenddessen hat sich einer der Flüchtlinge in einen kleinen Raum im hinteren Teil des Ladens zurückzugezogen. Keiner der anderen Mitarbeiter betritt ihn nun, denn hier wird gebetet. Die Leiterin des Tafelladens gestattet es ihren Mitarbeitern ihrer Religion nachzugehen und hat dafür eigens einen Raum eingerichtet. „Sie tun mir ja nichts. Sie haben nur eine andere Religion. Wieso soll ich das nicht akzeptieren?", sagt Thoma beiläufig und wendet sich wieder den Bewerbungen für zukünftige Praktikanten zu.

Mittlerweile sind alle Produkte mit einem Preisetikett versehen und werden entweder in die Holzregale, Kühlregale oder Gefriertruhen eingeräumt. Nun beginnt auch das Aufräumen in dem kleinen Lagerraum, denn ab 14 Uhr werden die Kunden erwartet. Mehdi, der mittlerweile etwas ins Schwitzen gekommen ist, erzählt, dass es nicht immer leicht wäre allen gerecht zu werden, da oft viele Leute einkaufen möchten, aber die Lebensmittel knapp sind. Daher wurde das „Nummernsystem" erfunden. Jeder Kunde zieht eine Nummer und darf in den Laden, sobald seine Nummer aufgerufen wird.

Schichtwechsel: Mehdis Frühdienst neigt sich nun dem Ende zu. Den Rest des Tages verbringt er mit Lesen– er will schließlich die deutsche Sprache noch besser erlernen. Für seine Kollegen beginnt nun die Arbeit. Zwei davon unterstützen Sibylle Thoma an der Kasse, ein anderer steht an der Tür und hilft den Kunden ihre gekaufte Ware in ihren Einkaufstaschen zu verstauen. Nach eineinhalb Stunden schließt der Tafelladen. Bevor auch die Schicht von Mehdis Kollegen beendet ist, muss der Laden und das Lager von ihnen noch aufgeräumt und geputzt werden. Schließlich geht es morgen wieder weiter.

Mehdis Alltag im Tafelladen

Quelle: Lisa Ernst

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Über den Autor

Lisa Ernst

Crossmedia- Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015