Accessibility – Barrierefreiheit in Stuttgart

Jede Barriere ist eine zu viel

03.02.2015

Schmale Aufzüge, Gedränge durch Ein- und Aussteigende in den Bahnhöfen, Lücken zwischen Bahnsteigkanten und Bahn und zu hohe Bordsteinkanten: In einem Selbstversuch hat sich die Studentin Kerstin Hart für einen Tag als Rollstuhlfahrerin durch Stuttgart bewegt, um die Barrierefreiheit der Landeshauptstadt auf den Prüfstand zu stellen.

Für einen gesunden Menschen kein Problem, für einen Rollstuhlfahrer können der Höhenunterschied und der Abstand zur Bahnsteigkante zur Herausforderung werden.

Bereits zu Beginn des Selbstversuches lauert die größte Hürde des Tages: der Einstieg in die Stadtbahn. Der erste Versuch einzusteigen scheiterte zunächst kläglich – wegen der zu hohen Türschwelle. Der zweite Anlauf gelang, der Einstieg war jedoch nur mit viel Kraftaufwand seitens Kerstin möglich. Bei jedem Einstieg mussten immer wieder enorme Kräfte von ihr aufgewendet werden, die sowohl ihr als Rollstuhlfahrer als auch dem Rollstuhl selbst einiges abverlangten. Ein ungeübter Fahrer würde den Einstieg womöglich nicht alleine bewältigen können. In einigen Stadtbahnen wartet nach der Schwellenproblematik dann auch schon das nächste Problem: Wer mit zu viel Schwung versucht in die Bahn zu kommen, läuft Gefahr an den mittig platzierten Haltestangen hängen zu bleiben. Wer einen größeren Rollstuhl besitzt wird zudem Schwierigkeiten haben an den besagten Stangen vorbei zu kommen. Außerdem muss der Rollstuhlfahrer ständig aufpassen, um den anderen Fahrgästen nicht in die Beine zu fahren.

Aber nicht nur die Stadtbahnen können Rollstuhlfahrern Probleme beim Einstieg bereiten, auch bei den S-Bahnen sieht die Situation stellenweise nicht besser aus. Erst vergangenes Jahr wurden neue S-Bahn-Züge angeschafft, diese sind jedoch noch weniger barrierefrei als die Vorgänger, da der Einstieg nun um sechs Zentimeter höher liegt. Hinzu kommt oftmals auch noch der große Abstand zwischen Bahnsteigkante und Bahn, in den leicht das Vorderrad eines Rollstuhlfahrers rutschen kann.

Die neuen S-Bahnen, aber auch der Ausfall von Rolltreppen und Fahrstühlen sind häufige Probleme, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen beklagen. So stellen auch Bahnhöfe, die eigentlich barrierefrei sind, die Menschen vor Herausforderungen. Viele Aufzüge und Rolltreppen scheinen den Belastungen, denen sie täglich ausgesetzt sind, nicht stand zu halten. Das starke Personenaufkommen sowie Witterungen und vermutlich auch Vandalismus machen ihnen zu schaffen. Doch gerade gehbehinderte Menschen sind häufig auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, weil sie nicht selbst fahren können. Keine ordentliche Barrierefreiheit bedeutet für den Rollstuhlfahrer: Zusatzkosten für eventuelle Begleitpersonen, Umsteigeprobleme und zusätzliche körperliche Belastungen.

Die Stuttgarter Straßenbahn AG (SSB) ist in ihrem Zuständigkeitsbereich (Stadtbahnen und Busse) davon überzeugt, dass bereits ein hoher Standard bei der Barrierefreiheit erreicht wurde, so eine Sprecherin der SSB. Bereits seit über dreißig Jahren richtet die SSB ihr Angebot auf Barrierefreiheit aus. Und immer noch bestehe der Anspruch, Anlagen und Fahrzeuge barrierefrei zu gestalten. Die SSB verfüge ausschließlich über Niederflurbusse, die Stadtbahnen seien barrierefrei und seit Jahren wurden Millionenbeträge für die Barrierefreiheit und die nachträgliche Barrierefreiheit von Haltestellen aufgewandt.

Barrierefreiheit betrifft jeden

Der Weg in die eingeschränkte Mobilität kann für jeden Menschen sehr kurz sein. Dazu benötigt es nur einen Sturz und ein gebrochenes Bein. Den meisten wird erst dann bewusst, welche Herausforderungen im Alltag bei eingeschränkter Mobilität lauern. Der Spalt zwischen Bahn und Bahnsteig wird im Normalfall mit einem Schritt erledigt, das Herausnehmen eines Buches aus dem obersten Bücherregal, kein Problem. Eine Tür aufziehen und hindurchgehen ein Kinderspiel. Diese alltäglichen Dinge sind jedoch für jemanden, der im Rollstuhl sitzt nicht so leicht zu bewältigen.

Einschränkungen können jedoch sehr unterschiedlich aussehen. Die größte Herausforderung: eine umfassende Barrierefreiheit zu schaffen. Dies wird jedoch in den meisten Fällen nicht erreichbar sein. So kann ein abgesenkter Bordstein zwar für einen Gehbehinderten eine enorme Erleichterung sein, für einen Sehbehinderten wäre dieser jedoch wichtig zur Orientierung. Schließlich gilt es, nicht nur den Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, sondern auch den Sehbehinderten den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu ermöglichen. Manchmal können aber auch Dinge wie der Denkmalschutz der Barrierefreiheit im Wege stehen.

Die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen stellt ebenso einen Teil der Barrierefreiheit dar. Gerade an den Stellen, an denen die Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung ihre Grenzen findet, ist der Verlass auf die Mitmenschen von entscheidender Bedeutung, um den Mangel der fehlenden Barrierefreiheit zumindest stellenweise ausgleichen zu können.

Aktionsplan soll noch dieses Jahr vorgestellt werden

Um die Gleichstellung der Menschen mit Behinderung zu verstärken, ist 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Diese hat das Ziel, Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. 2011 wurde schließlich der Nationale Aktionsplan „Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft" von der Bundesregierung verabschiedet – auch auf Länderebene wurden Aktionspläne ausgearbeitet.

Stuttgart beteiligt sich ebenso an diesem Prozess und hat im Oktober 2014 mit der Arbeit an einem eigenen kommunalen Aktionsplan begonnen. An diesem Vorhaben sind neben Experten aus der Behindertenhilfe auch Vertreter aus Politik und Verwaltung beteiligt - zudem soll er gemeinsam mit Betroffenen erarbeitet werden. Im Sommer 2015 soll er schließlich dem Gemeinderat vorgelegt werden, der dann darüber entscheidet, wie die Gelder konkret genutzt werden. Die Partizipation der Betroffenen ist sehr erwünscht, demnach soll es jedem Bürger der Stadt möglich sein, eigene Ideen einzubringen.

Die Verbesserungen mehren sich

Erste Fortschritte in Stuttgart lassen sich bereits erahnen, so wurde gegen Ende letzten Jahres der Fußgängerfurt zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und der Königstraße eröffnet. Dieser schafft eine ebenerdige Verbindung zwischen Bahnhof und Königstraße – über die Schillerstraße verlaufend – wodurch nicht mehr die unterirdische Klett-Passage durchquert werden muss. Auch die Fraktionen des Gemeinderates aus Filderstadt haben beschlossen, Gelder des Doppelhaushaltes 2014/15 für die Beseitigung von Barrieren im Straßenraum aufzubringen. So wurden bereits sogenannte Leitflächen an Ampeln angebrachte, die den Sehbehinderten den Weg zum Druckknopf der Ampeln ermöglichen sollen. Bei den neusten Druckknöpfen können zudem akustische Signale angefordert werden.

Auch im öffentlichen Nahverkehr soll es weiter gehen: so nahmen im Dezember 2014 die nachgerüsteten Aufzüge an der Haltestelle Maybachstraße ihren Betrieb auf, die Haltestelle Staatsgalerie soll in den nächsten Jahren ebenfalls barrierefrei umgebaut werden, an der Haltestelle Österreichischer Platz sind die Arbeiten für eine Aufzugsnachrüstung bereits in Gange. Neue Haltestellen, wie beispielsweise im Zuge des Ausbaus der U12, werden bereits zu Beginn an barrierefrei gebaut.

Trotz der vielen Bemühungen verfügt Stuttgart über keinen Barriereführer, der wichtige Informationen für Menschen mit Behinderung über die Zugänglichkeit von öffentlichen Gebäuden wie Ämtern und Behörden, Sehenswürdigkeiten, aber auch anderen Einrichtungen aus dem Bereich Kultur und Freizeit in der Stadt liefern würde. Mit solch einem Führer wäre es in Kerstins Selbstversuch auch einfacher gewesen, barrierefreie Zugänge und Aufzüge zu finden.

Wo noch nicht beseitigte Barrieren lauern, bleibt den Menschen mit Behinderung nur die Hoffnung, dass ihre Mitmenschen so aufmerksam sind, dass sie ihnen bei der Bewältigung der Hürden behilflich sind. Die überwiegend schmalen Aufzüge im öffentlichen Nahverkehr konnten in Kerstins Fall nur benutzt werden, wenn diese komplett leer waren, was mancherorts zu minutenlangem Warten geführt hat. Sie würde sich wünschen, dass vor allem die Fahrstühle den Menschen überlassen werden, die sie wirklich benötigen.

Dennoch hat Kerstin die Erfahrung gemacht, dass nach anfänglichem Zögern, die Mitmenschen durchaus hilfsbereit gegenüber gehbehinderten Menschen sind, wenn diese beispielsweise Problem beim Einstieg in die öffentlichen Verkehrsmittel haben. In ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen müssen darauf hoffen, dass die Problematik der Barrierefreiheit stärker in das Bewusstsein der nicht behinderten Menschen rückt und Hilfe selbstverständlicher wird.

Barrierefreiheit in Stuttgart

Bilderstrecke zur Barrierefreiheit in Stuttgart - Im Selbstversuch

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Über den Autor

Michaela Weis

Print and Publishing (Master)
Eingeschrieben seit: WS 2014/15