Anleitung zum Schwarz sein

Jeder ist mal rassistisch

23.06.2015

Darf ich mal deine Haare anfassen? Wo kommst du eigentlich her? Wie soll man euch eigentlich nennen? All diese Fragen werden häufig gestellt, wenn weiße Menschen auf schwarze Menschen treffen. Aber sind diese Fragen eigentlich ok oder schon rassistisch? Anne Chebu gibt dafür eine „Anleitung zum Schwarz sein“.

Anne Chebu Buchautorin von „Anleitung zum Schwarz sein" (Quelle: Noel Richter)

Anne Chebu ist 27 Jahre alt, hat ein ansteckendes Lächeln, strahlende Augen und sie ist schwarz. Das müsste man eigentlich gar nicht so betonen, hätte sie nicht ein Buch übers Schwarz sein geschrieben. Das hat sie aber. Sie möchte mit ihrem Buch nicht nur eine bestimmt Gruppe von Menschen ansprechen, sondern viele verschiedene. Zum einen Mal ist das Buch an Schwarze gerichtet. Vor allem an Jugendliche, die aufgrund ihrer Hautfarbe wenig Selbstvertrauen haben. Ihnen will Anne Stärke geben, zu dem zu stehen, was sie sind: schwarz. Ihnen möchte sie zeigen, dass kein Grund besteht weniger Selbstwertgefühl zu haben als ein Weißer – auch wenn man fast täglich unterschwelligen Rassismen begegnet. Zum anderen soll das Buch auch weißen Menschen helfen um zu verstehen, weshalb sich Schwarze manchmal angegriffen oder verletzt fühlen, obwohl man eigentlich gar nichts Böses wollte. Das fängt schon bei der Bezeichnung an. Anne ist Anne, das ist klar. Aber sie hat keine weiße Hautfarbe und da die Menschen gern alles benennen und in Kategorien einordnen, braucht es dafür einen Namen. Dass „Neger" ein absolutes No-Go ist, sollte mittlerweile bekannt sein. Politisch korrekte Bezeichnungen sind: schwarz, afrodeutsch und people of colour. Grundsätzlich kommt es aber auf einen jeden Selbst an wie er genannt werden möchte. Anne rät: „Bevor man einfach irgendetwas sagt, sollte man keine Angst davor haben einfach mal nachzufragen."

Wo kommst du eigentlich her?

Anne wurde 1987 in Nürnberg geboren. Sie ging in Deutschland zur Schule, studierte in Ansbach und lebt mittlerweile in Hamburg und ist dort Journalistin und Moderatorin. Ihr Lebenslauf lässt also keinerlei Zweifel daran aufkommen – sie ist ein durch und durch deutsches Mädel. Doch eine Frage hört sie immer und immer wieder: „Wo kommst du eigentlich her?". Ihre Antwort ist logisch: „Nürnberg." Das ist aber meist nicht das, womit sich der Fragende zufrieden gibt: „Ja, aber ich meine ursprünglich. Also deine Eltern, wo kommen die her?" Diese Frage scheint erst einmal nicht schlimm. Aber Anne, wie auch viele andere Menschen, die noch eine andere Kultur in sich tragen, will sich nicht über ihre Eltern identifizieren. Sie kommt aus Deutschland und ist Deutsche.

Ja aber, ja aber, ja aber...

Die meisten wollen gar nicht rassistisch sein: „Mir ist es wichtig, dass man einsieht, dass keiner komplett Rassismus-frei ist. Sondern vielmehr geht es mir darum, dass sich jeder selbst reflektiert." sagt Anne. Sogar Menschen die gegen den Rassismus ankämpfen seien manchmal unbewusst rassistisch: „Das fängt bereits bei der Bezeichnung von „Rassismus" an. Wenn jemand von Fremdenfeindlichkeit spricht, dann ist oft etwas anderes gemeint. Die Frage ist: Kann man im eigenen Land fremd sein?" Wenn jemand aufgrund ihrer Hautfarbe etwas gegen Anne sagen würde, dann wäre das keine Fremdenfeindlichkeit. Es wäre Rassismus. Wenn jemand was inkorrektes sagt oder tut, ist das nicht schlimm. Das Schlimme sei, dass die meisten es nicht einsehen, wenn man sie darauf anspricht. Anne wünscht sich, dass sich das ändert. Viel zu oft hört sie: „Ja aber...." Sie wünscht sich, dass man in einer Situation, in der man etwas gesagt hat, das sein Gegenüber verletzt hat und darauf aufmerksam gemacht wird, sich nicht versucht rauszureden. Statt dem „Ja aber..." würde sie viel lieber öfter ein „Oh stimmt. Tut mir leid" hören.

Die Weltbevölkerung ist ein bunter Mix: weiß ist dabei nur ein kleiner Anteil

Der Grundgedanke von Rassismus ist oft, dass das eigene Aussehen die Norm ist und dass alles andere, was davon abweicht weniger wert ist. Doch das weiß und europäisch keinesfalls die Norm ist zeigt diese Grafik:

Wut im Bauch

Anne ist sehr engagiert bei der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" (ISD). Sie hält dort Vorträge und Lesungen. Durch Ihre Vorträge kam sie überhaupt auf die Idee ihr Buch „Anleitung zum Schwarz sein" zu schreiben, da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden. Sie möchte bei schwarzen Menschen das Interesse schaffen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Jeder soll sich so seine eigene Anleitung fürs Leben zusammenstellen, die eigenen Prinzipien finden und leben. Anne selbst hat zum Glück noch keinen schlimmen, gewaltsamen Rassismus erfahren. Sie hat ihre eigenen Prinzipien und Werte die sie sehr konsequent lebt, dadurch kann sie auch über kleine alltägliche Dinge recht schnell hinweg sehen. Allerdings macht es sie sehr wütend, wenn sie erfährt, dass andere Menschen oder sogar Freunde von ihr rassistisch behandelt werden. Das fängt bei der vergeblichen Wohnungssuche von Freunden an und endete für einen ihrer Freunde sogar schon im Krankenhaus, da er wegen seines Aussehens zusammengeschlagen wurde. „Wenn ich von solchen Geschehnissen höre, werde ich wütend und es tut mir im Herzen weh." Beim ersten Treffen der ISD fühlte sie sich dann zum ersten Mal von allen verstanden und wirklich zu Hause. Fast täglich erlebt Anne Rassismus – ob sie sich deswegen schon einmal gewünscht hat weiß zu sein? Sie lacht: „Nein, nie."

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Über den Autor

Marcia Scharf

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015