Kreative Fußballfans

Jenaer retten ihre Südkurve im „Paradies“

31.05.2017

Die Fans des FC Carl Zeiss Jena sammeln mit einer innovativen Schwarmfinanzierung mehr als 150 000 Euro, um nach dem Umbau des Ernst-Abbe-Sportfelds weiter ihre Mannschaft aus der Südkurve anzufeuern. Projektkoordinator Toni Schley zeigt „EinSatz“ Einblicke in das selbst entwickelte Sicherheitskonzept und verrät, wieso das Projekt fast kurz vor dem Aus stand.

Die Südkurve ist seit Jahrzehnten die Heimat der Fans des FC Carl Zeiss Jena. Um diese auch nach dem Stadionumbau zu erhalten, haben sich die Fans etwas Besonderes einfallen lassen. | Foto: Maximilian Wolf

Es ist ein angenehm warmer Freitagabend Ende April. Der FC Carl Zeiss Jena (FCC) empfängt zu einem der letzten Heimspiele der Regionalliga-Saison die zweite Mannschaft von Rasenballsport Leipzig. Nach einer souveränen Saison kann der FCC bei einem Punktgewinn heute vorzeitig die Meisterschaft feiern. Toni Schley sitzt auf einer flachen Steintribüne eines Trainingsplatzes wenige Meter neben dem Ernst-Abbe-Sportfeld. Schley ist Fan des FC Carl Zeiss Jena und hat in den vergangenen 20 Jahren kaum ein Spiel seines Vereins verpasst. Für ihn ist das Paradies nicht nur der gleichnamige Stadtpark, zu dem das Stadiongelände gehört, sondern eine stimmungsvolle bunte Südkurve. Wie viele ostdeutsche Fußballvereine durchlebte der ewige Erste der DDR-Oberliga seit der Wende mehr Tiefen als Höhen. Seit fünf Jahren spielt der Europapokalfinalist von 1981 viertklassig, beendete die vergangene Saison sogar nur auf dem siebten Tabellenplatz. Den hellblauen Sitzschalen fehlen abgebrochene Ecken, neben den Tribünen stehen die Überreste der maroden Flutlichtmasten, die 2013 abgerissen werden mussten. Seit mehreren Jahren wird über eine reine Fußballarena diskutiert.

Zuschauer sollen näher am Geschehen sein

Bereits im September 2015 beschloss der Jenaer Stadtrat den Umbau des Ernst-Abbe-Sportfelds zu einem zweitligatauglichen Stadion. Die Laufbahn soll entfernt und die neuen Tribünen direkt am Spielfeldrand gebaut werden, nur die bisherige Haupttribüne bleibt bestehen. Außerdem sah der Bebauungsplan einen Umzug der Heimfans von der Süd- in die Nordkurve vor.

„In Gesprächen mit der Stadt und anderen Entscheidungsträgern wurde deutlich, dass ein Stadion mit einer Südkurve für die Heimfans deutlich teurer als die ursprüngliche Variante wird", erklärt Toni Schley. Er gehört zu einer Gruppe von aktiven Fans, die schließlich die Initiative „CrowdFANding – Südkurve bleibt!" ins Leben rief. Eine alternative Lösung, die die Gästefans in der Nordkurve vorsieht, dürfte etwa eine sechsstellige Summe kosten. Ein Betrag, den weder Verein noch Stadt stemmen können. „Dann sind wir eben die erste Fanszene der Welt, die die Mehrkosten selbst beisteuert", sagt Schley.

Toni Schley hat in den vergangenen 20 Jahren kaum ein Spiel seines Vereins verpasst. Komplett ehrenamtlich koordiniert er das weltweit einzigartige „CrowdFANding", das bald auch in anderen Fanszenen genutzt werden soll. | Foto: Maximilian Wolf

Im vergangenen Sommer fiel schließlich der Startschuss für die Schwarmfinanzierung. In knapp zwei Monaten spendeten mehr als 1200 Menschen aus 24 Ländern mehr als 150 000 Euro. Trotz breiter Unterstützung sollte nach dem Abschluss der Crowdfunding-Aktion der schwierigste Teil der Bemühungen erst beginnen. „Unser Vorhaben stand kurz davor zu scheitern", sagt Toni Schley. Sein Blick wandert dabei über den Trainingsplatz in Richtung Nordkurve. Hier würden das Innenministerium und die Polizei die Heimfans am liebsten sehen. Selbst nachdem die Jenaer Fans ein alternatives Sicherheitskonzept eingereicht hatten, drohte das Projekt zu scheitern. Zu eingefahren waren die Fronten. Was folgte, war „der richtige Schachzug im entscheidenden Moment", sagt Schley.

Mit Helmut Spahn setzte die Initiative den Sicherheitschef der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Mediator ein. Nach harten Verhandlungen einigten sich beide Parteien schließlich auf ein neues Sicherheitskonzept. Außerdem reichten die Jenaer Fans eine Selbstverpflichtung ein. „Es war uns sehr wichtig, uns nicht selbst einzuschränken. Wir wussten von Anfang an: Mit dem Kopf durch die Wand funktioniert es nicht."

Südkurve ist zur Heimat geworden

So werden pro Spiel 20 Fanordner in der Südkurve eingesetzt, um die Kosten für ein externes Sicherheitsunternehmen möglichst gering zu halten. „Die Ordner kommen aus der eigenen Fanszene und werden durch einen solidarischen Euro pro Eintrittskarte finanziert", erzählt Schley. Außerdem erarbeitet die Initiative derzeit einen öffentlichen Szenarienkatalog, bei dessen Verstoß die Heimfans freiwillig in die Nordkurve ziehen. All diese Unterlagen werden in den Bebauungsplan eingearbeitet und im Sommer Teil der Ausschreibung sein. Ende des kommenden Jahres sollen dann die Bagger in das „Paradies" rollen. Die Kurve sei für viele Menschen zu einer Heimat geworden, die man nicht so einfach aufgeben könne. Dementsprechend gering war der Widerstand innerhalb der Fanszene und des Vereins. Im Gegenteil: Als größter Unterstützer der Aktion gilt Mannschaftskapitän René Eckardt. Wenn er verletzt ist, steht er selbst in der Südkurve und feuert seine Mannschaftskollegen an.

Nach jedem Heimspiel kommt die Mannschaft in die Südkurve, egal ob Sieg, Niederlage oder eben ein Unentschieden, das die vorzeitige Meisterschaft besiegelt. | Foto: Maximilian Wolf

Es ist eben dieses familiäre Umfeld des Vereins, das eine solche Mitbestimmung der Fans erst möglich machte. 5613 Zuschauer sind heute im Stadion, das liegt weit über dem Regionalliga-Durchschnitt. Die Jenaer Fans peitschen ihr Team nach vorne, während der direkt angrenzende Gästeblock wie so oft in der Saison verwaist ist. Bei einem Umbau verschwindet auch die provisorische Lösung einer Kurve, in der Heim- und Gästefans nur von dünnen Metallwänden getrennt werden. Mit Ablauf der Nachspielzeit schießen die Hausherren den entscheidenden Treffer zum 1:1, der die Meisterschaft bedeutet. Mit den Relegationsspielen stehen die wichtigsten zwei Saisonspiele allerdings erst noch an.

„CrowdFANding" soll es auch nach Abschluss des Jenaer Stadionprojektes weiterhin geben. „Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit einem Bundesligisten an einem sehr ambitionierten Folgeprojekt", sagt Schley. Neben ihm engagieren sich noch sechs weitere Jenaer ehrenamtlich für das Projekt. Pünktlich zur Abenddämmerung packen die Fans in der Südkurve derweil ihre Fahnen ein, nachdem die Spieler enthusiastisch beglückwünscht wurden. Schnell wird es dunkel im „Paradies", Licht gibt es seit drei Jahren nur noch an der Haupttribüne und den Zugangswegen. Nachdem den Jenaer Fans mit dem „CrowdFANding" ein Licht aufging, könnte ein neues Flutlicht schon bald das weite Rund erleuchten. Und wer weiß, vielleicht kommt bei so viel Initiative auf den Rängen auch der Erfolg auf den Rasen zurück.

Breite Unterstützung für Jenaer „CrowdFANding"

Der FC Carl Zeiss Jena ist kein gewöhnlicher Verein. Trotz vieler Jahre sportlicher Misere ist das Ernst-Abbe-Sportfeld ein Ort für Kreativität und Zusammenhalt.

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Über den Autor

Maximilian Wolf

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017