Non-Profit-Journalismus

Journalismus stirbt nicht

05.07.2017

Seit Jahren wird dem Journalismus der baldige Tod vorhergesagt. Doch im Gegenteil, das Medienangebot wächst sogar. Auch die Zahl gemeinnütziger Projekte steigt. Ist das ein vorübergehender Trend oder eine nachhaltige Bereicherung der Medienlandschaft?

Das Haus des gemeinnützigen Journalismus ist eine von vielen Antworten auf die Medienkrise. | Grafik: Maren Endler

Traditionelle Redaktionen, die an der Digitalisierung scheitern. Multimedia-Reportagen, die geheime Kriege in unser Sichtfeld rücken. Schrumpfende Ressourcen in Sendern und Verlagen. Junge Medienangebote. Fließband-Journalismus. Data Journalism.
Ohne Frage: die Medienlandschaft ist im Wandel. Ein Wandel mit Schattenseiten, aber auch ein Wandel, in dem sich der Journalismus hinterfragt und neu erfindet.

Gemeinnütziger Journalismus belebt Demokratie

Gemeinnützige Medienprojekte sind eine von vielen Antworten auf diesen Wandel. Der Deutsche Fachjournalisten-Verband (DJV) führt sie sogar als eigenes Genre. Sie verpflichten sich üblicherweise dem Gemeinwohl und dem demokratischen Diskurs. In Deutschland fällt auch die breite thematische Vielfalt und regionale Verteilung auf.

Im gemeinnützigen Journalismus geht es nicht um einen Profit in Form von wirtschaftlichem Erfolg. Die erzielten Einkünfte dienen allein dem Projekt. So kann der Fokus der publizistischen Arbeit auf die Recherche gelegt werden und die Themenauswahl ist nicht an Aktualität, Auflage- oder Klickzahlen gebunden.

Ein Geschenk der Digitalisierung

Die publizistischen Möglichkeiten, die das Internet bietet, vereinfachen den ersten Schritt zur Redaktionsgründung. Es wird immer einfacher und kostengünstiger, eine breite Masse zu erreichen.

Im Sommer 2014 hat das Recherchebüro Correctiv diesen Schritt gewagt – ein Vorreiter im deutschsprachigen Raum.
Unabhängig davon wurden in den letzten Jahren bundesweit viele weitere journalistische Projekte ohne Profitabsichten gegründet.
Das Angebot ist facettenreich: Von der professionellen Internetseite Finanztip bis zur provisorischen Plattform #wiedu. Die einen klären Verbraucher unabhängig über finanzielle Fragen auf, die anderen coachen Jugendliche mit Migrationshintergrund im Web.

Die Karte zeigt: gemeinnützige Medienprojekte sind thematisch vielfältig und bundesweit verteilt. Die Farbmarkierungen zeigen die Standorte der Projekte, die meist trotzdem über regionale Grenzen hinweg agieren. Klick dich durch, um mehr über ihre Ziele und Motive zu erfahren. Welche Projekte kennst du noch? | Grafik: Merve Kayikci

Die meisten Projekte wollen Themen bedienen, für die in den kommerziellen Medien kein Platz ist und Zielgruppen erreichen, an die der öffentlich-rechtliche Journalismus mit seinen Radio- und Fernsehangeboten nicht herankommt.

Journalismus ist kein Karneval

Die Projekte finanzieren sich größtenteils durch Zuwendungen von Stiftungen und Spenden von Lesern, aber auch durch Werbeeinnahmen und Abos. Durch die gemischte Finanzierung wird der Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern vorgebeugt.
Dass man vom Nonprofit-Journalismus leben kann, stellt dennoch eher die Ausnahme dar. Viele Redakteure und Projektleiter arbeiten nicht nur gemeinnützig, sondern auch ehrenamtlich.

Eine finanzielle Belastung ist vor allem der rechtliche Status von gemeinnützigen Medienprojekten. Fasching und Modellflug werden von Finanzämtern gemäß § 52 Absatz 2 Satz 1 AO als „gemeinnützige Zwecke" anerkannt – Journalismus nicht. Er sei ein Beruf wie jeder andere. Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche fordert seit einigen Jahren die rechtliche Anerkennung von gemeinnützigem Journalismus. Rechtlich anerkannte Gemeinnützigkeit signalisiert Spendern und Lesern, dass sich das Projekt an einem höheren Ziel orientiert und sich niemand bereichert. Förderer können ihre Spenden steuerlich geltend machen und die Projekte profitieren von steuerlichen Vergünstigungen.

Netzwerk Recherche
Das Netzwerk Recherche ist ein bekannter Verfechter des gemeinnützigen Journalismus und veranstaltet jährlich den Tag des Nonprofit-Journalismus. Durch Panels, Diskussionen und Workshops werden die Besucher vor Ort und im Netz auf den neuesten Stand gebracht. An diesem Tag werden auch die Grow-Stipendien für Start-Ups im gemeinnützigen Journalismus vergeben. Eine Dokumentation der letzten Konferenz ist auf www.netzwerkrecherche.org zu finden.

Gemeinnützigkeit im Trend

Dr. Hartmut Rösch vom HdM Startup Center beobachtet in der Gründerszene einen starken Trend in Richtung Gemeinnützigkeit. Dies läge nicht zuletzt an den staatlichen Förderungen sozialen Unternehmertums, aber auch an dem Bedarf in der Gesellschaft. Soziales Unternehmertum, also Social Entrepreneurship, verknüpft unternehmerisches Handeln mit sozialen Zielen. Das wirtschaftliche Bestehen geht mit dem ideellen Bestreben Hand in Hand. Rösch findet es nicht überraschend, „dass auch Journalisten diesen Bereich für sich entdecken."

„Das ist auch gar keine Bedrohung für die Wirtschaft, sondern eine Chance. Sozialunternehmerische Lösungen sind vermutlich die Zukunft", vermutet Rösch. Sie seien nachhaltiger als wirtschaftliche oder soziale Projekte allein. „Profitorientierte, erfolgreiche Startups werden immer irgendwann von den großen Playern geschluckt. Sozial allein geht auch nicht, weil jedes Projekt auf Dauer ein nachhaltiges Finanzierungskonzept braucht." Gemeinnützige Journalisten seien als Social Entrepreneure auch einfach unabhängiger, meint er.

Ungewohnte Strukturen

Diese Unabhängigkeit bezweifelt Wilfried Roggendorf. Er ist ein langjähriger Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er beobachte eher ideologische Voreinstellung in diesem Bereich: „Ehrlicher und unabhängiger Journalismus ist in meinen Augen im professionellen Bereich wesentlich besser aufgehoben, als in einem undurchschaubaren und von den unterschiedlichsten Interessen geleiteten Dschungel." Denn genau dort würden auch die Fakenews produziert werden, und nicht in den professionellen Redaktionen, behauptet er.

Diese Kritik mag auf Einzelfälle zutreffen. Doch nicht nur der Ethikrat von Correctiv würde diesem Urteil vehement wiedersprechen.
Das Internet bietet zwar viel Raum für unseriöse Blogs und Presseportale, doch meist reichen wenige Klicks auf der Homepage, um die Glaubwürdigkeit einschätzen zu können. Gibt es ein Impressum? Kontaktmöglichkeiten? Die meisten gemeinnützigen Projekte führen auf ihrer Homepage auch Auszeichnungen, Förderer und Unterstützer auf, veröffentlichen ihren Finanz- und Jahresbericht oder legen ihre Recherchemethoden, ethischen Grundsätze und Ziele offen.

Die meisten interviewten Projekte sehen sich auch nicht in Konkurrenz zu den etablierten Medien. Sie wollen eher einen bestimmten Bereich stärken, Lücken in der Medienlandschaft füllen oder eine pluralistische und heterogene Gesellschaft abbilden.

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Über den Autor

Merve Kayikci

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017