Kampfsport und Integration

Ju-Jutsu: ein Kampfsport der verbindet?

22.06.2015

Auch wenn es der Name nicht verrät, ist Ju-Jutsu eine Kampfsportart, die in Deutschland entwickelt wurde. Sie setzt sich aus verschiedenen Kampfsportarten wie Karate, Aikido und Boxen zusammen und dient vor allem der Selbstverteidigung. Doch Ju-Jutsu ist auch eine Wettkampfsportart. Wir haben den Bundestrainer Steffen Heckele zum Thema Integration im Wettkampfsport befragt.

Es ist Donnerstagabend 21:00 Uhr. Steffen Heckele steht seit zwei Stunden auf der Matte und gibt Anweisungen, zeigt neue Techniken oder korrigiert seine Athleten. Kurz: Er betreut das Fighting-Training am Bundesstützpunkt in Sindelfingen.

Seit 1993 betreibt Steffen Heckele selbst Ju-Jutsu und ist seit 2002 Bundestrainer der Männer im Fighting-Bereich des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes. Als Bundetrainer plant er das Training am Leistungsstützpunkt, die Lehrgänge und außerdem betreut er die Athleten bei Wettkämpfen. Im Interview berichtet er über die Arbeit im Bundeskader und das Teamgefühl des doch sehr vielfältigen deutschen Teams.

Das Fighting-System im Ju-Jutsu besteht aus drei Parts. Gewonnen hat derjenige Athlet, der nach der Kampfzeit von drei Minuten mehr Punkte erreicht hat. Oder der Athlet der vor Beendung der Kampfzeit in jedem der drei Parts mindestens einen Ippon (voller Punkt für eine sehr saubere Technik), von den drei Kampfrichtern erhalten hat. Quelle: Katharina Wäschle

Diya: Was ist für dich das Besondere an deiner Arbeit im Bereich „Fighting" des Deutschen Ju-Jutsu Verbands?

Steffen: Das Besondere an meiner Arbeit ist, dass ich mit hochmotivierten Sportlern zusammen arbeiten darf, die in einem Nicht-Profi-Sport spitzen Leistungen bringen, spitzen Trainingsumfänge machen ─ zwischen 18 und 24 Stunden in der Woche ─ und sind mit voller Begeisterung dabei. Und das macht eben richtig Spaß.

Diya: In deinem Heimat-Verein in Sindelfingen, als auch in deinem Bundeskader-Team sind einige Athleten aktiv dabei, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. Was sind für dich die Besonderheiten des Ju-Jutsu um sagen zu können: „Ju-Jutsu ist besonders gut für Jugendliche mit Migrationshintergrund geeignet"?

Steffen: Ich denke Kampfsport generell, und im speziellen das Ju-Jutsu, ist durch die Körperlichkeit die vorherrscht für Menschen mit Migrationshintergrund eine attraktive Sportart. Diese Leute können damit gut umgehen und bleiben daher dann oft dabei. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Kampfsportler generell sehr offen sind und da sehr wenig Grenzen bestehen: da gibt es keine Vorurteile oder man wird nicht ausgegrenzt.

Diya: Auch im Bundeskader gibt es einige Sportler die keinen typisch deutschen Nachnamen tragen. Denkst du, dass das Teamgefühl trotz der unterschiedlichen Nationalitäten oder Herkunft in der Nationalmannschaft entstehen kann?

Steffen: Ja auf jeden Fall. Im Bundeskader sind ganz viele Athleten, deren Nachnamen zwar typisch „deutsch" klingen, aber deren Wurzeln trotzdem in anderen Kulturen liegen. Hier sehe ich aber eigentlich keine Probleme: Vielfalt ist hier sogar besser.

Diya: Warum ist Vielfalt besser?

Steffen: Im Bundeskader sind viel Sportler, die ihre Wurzeln im osteuropäischen Raum haben. Es ist eine echte Bereicherung wenn wir beispielsweise auf einem Wettkampf im Ausland sind und Leute dabei haben die russisch oder italienisch sprechen.

Diya: An der Weltmeisterschaft 2014 bei den Senioren wurden neben den Einzelwettkämpfen auch Teamwettkämpfe ausgetragen. Die deutsche Mannschaft musste sich hier leider in letzter Sekunde mit 3:4 gegen die Mannschaft aus Russland geschlagen geben. Glaubst du, dass das Teamgefühl der Deutschen Mannschaft durch einen solchen Teamwettkampf gestärkt wurde?

Steffen: Ju-Jutsu ist prinzipiell wie jede Kampfsportart eine Einzelsportart. Doch die Teamwettkämpfe sind noch einmal eine Wahnsinns Motivation für alle. Hier entsteht noch mal ein wahnsinniges Zusammengehörigkeitsgefühl, ein ganz anderes Anfeuern. Das Finale der Teamwettkämpfe war hoch emotional und trotzdem wurde jeder super angefeuert und das hat für das Team sehr viel gebracht.

Weltmeisterschaft 2014 in Paris

Hier ein kleiner Einblick in einen Ju-Jutsu Wettkampf. Video der Deutschen Nationalmannschaft.

Ju-Jutsu ist eine sehr internationale Wettkampfsportart. An der Weltmeisterschaft 2014 in Paris haben 371 Athleten aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt teilgenommen. Quelle: Katharina Wäschle

Diya: Traditionell gesehen gibt es schon immer das Messen an anderen Kulturen oder Ländern. Auf der Basis des olympischen Gedankens will man die Besten der Besten in internationalen Disziplinen oder Sportarten vergleichbar machen. Aber warum messen wir uns heute überhaupt noch mit anderen Ländern und Kulturen?

Steffen: Also früher war es ja wirklich so, dass sich Länder aneinander gemessen haben. Da wollte jedes Land das Beste sein. Heute geht es meiner Meinung nach aber eher um den sportlichen Wettkampf. Ich denke auch für viele unserer Sportler ist das so, denn bei uns gibt es kein Geld. Und natürlich geht es für die Sportler auch darum stolz sein zu können. Vom Prinzip her sind unsere Sportler auf drei Sachen stolz: erstens auf die eigene Leistung, Zweitens auf die Leistung die sie in und für das Team bringen und Drittens im weiteren Sinne die Leistung die sie für ihr Land bringen.

Diya: Glaubst du, dass Integration durch einen Wettkampfsport, in dem Gewalt ausgeübt wird, funktionieren kann?

Steffen: Es kommt darauf an wie man Gewalt definiert. Im Ju-Jutsu allgemein werden Techniken angewandt, die man zur Selbstverteidigung nutzen kann. Im Notfall bedeutet das also, dass man seinen Willen mit Gewalt gegen Widerstand durchsetzt. Und genau so sehe ich den Wettkampfsport nicht. Ich sehe Wettkampf generell auf Integration bezogen eher so: Es wird keine Gewalt in dem Sinne ausgeübt. Vielmehr misst man sich mit anderen in einem Regelwerk. Man macht eine wahnsinnige Körpererfahrung; man erkennt seine eigenen Grenzen; man erkennt die Grenzen der Partner und man akzeptiert sich im ganzen Prozess.

Diya: Vielen Dank, Steffen.

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Über den Autor

Katharina Wäschle

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2013/14