Gemeinschaftliches Wohnen

Jung und alt gesellt sich gern

07.01.2015

Studenten kennen es: In einer Wohngemeinschaft geht es bunt zu. Man lernt viele Menschen kennen, teilt sich diverse Räumlichkeiten und verbringt viel Zeit mit seinen Mitbewohnern. Gemeinschaftliches Wohnen soll die Vorzüge des WG-Lebens mit den Annehmlichkeiten einer eigenen Wohnung kombinieren. Doch es ist viel mehr. Wie leben junge und alte Menschen unter einem Dach? Und wie nachhaltig ist dieses Wohnkonzept für unsere Gesellschaft? Ein Blick hinter die Kulissen.

Im Mehrgenerationenhaus „Weitblick" in Herrenberg leben Menschen aller Altersgruppen unter einem Dach. Auch das Energiekonzept des Passivhauses ist ein Schritt in Richtung Zukunft. (Foto: Christoph Donauer)

Eine große Tür führt in die geräumige Lobby. Es ist so warm, dass man die Jacke ausziehen muss. Die verschiedensten Dinge fallen ins Auge: Sportgeräte, Legobausteine, gemütliche Sessel. Auf sechs Stockwerken sind 28 Wohnungen verteilt, bewohnt von Menschen aller Altersgruppen. Durch große Gänge sind alle Wohneinheiten gut zu erreichen, ähnlich wie in einem Hotel die Zimmer. „Der Flur ist ein Begegnungsort", erklärt Gabriele Wagner, Bewohnerin des Mehrgenerationenhauses „Weitblick" in Herrenberg.

Frau Wagners Wohnung ist hell und einladend. Man kann durch die gläserne Tür hineinsehen. „Ich schließe meine Türe nie ab", sagt sie beiläufig. Es gibt aber auch Menschen, die Rollos an den Scheiben haben. „Das ist so ein internes Zeichen: Wenn ich meine Rollos runtermache, dann will ich auch nicht gestört werden."

Individuelle Bedürfnisse versus Interessen der Gemeinschaft?

Kooperativ, offen und mit einer gewissen Sensibilität für Kommunikation, so sieht für Gabriele Wagner der ideale Bewohner für gemeinschaftliches Wohnen aus. Warum? „Man kann Probleme ganz anders handhaben, wenn man wertschätzende Kommunikation beherrscht." Für wen sich gemeinschaftliches Wohnen eigne? Für alle, die ein „gewisses Wir-Gefühl" mitbringen und Spaß an Gemeinschaft haben. „Klar, wer sagt er braucht seine Ruhe und mag keine Menschen, für den passt das einfach nicht."

Auch Kinder sind immer gerne gesehen. Und über die Anschaffung von Haustieren wird abgestimmt – den Allergikern zuliebe. Dass es manchmal Probleme gibt, stört Frau Wagner nicht: „Wir leben nicht in einer heilen Welt." Umso wichtiger sind für sie die regelmäßigen Hausgemeinschaftssitzungen, die alle vier bis sechs Wochen stattfinden. „Da werden so die Dinge des täglichen Lebens geregelt." Und wenn es doch zu Streit kommt, wird die Mediationsgruppe gefragt, sie ist eine Schlichtungsstelle.

Ob die Nachfrage groß ist, darüber kann die Bewohnerin nur spekulieren. Sie wird auch oft gefragt, wann mal eine Wohnung frei werde. „Ich sage mittlerweile immer: Wenn jemand bei uns sterben würde, dann würde frei werden."

Für die Zukunft wünscht sie sich mehr Unterstützung der Kommunen. „Es muss viel getan werden, um solche Projekte auf eine breitere Basis zu stellen."

Aktive Gemeinschaft, passives Haus – das Energiekonzept des Weitblicks

Im Weitblick ist nicht nur das Wohnkonzept ungewöhnlich, sondern auch die Energieeffizienz: Das Passivhaus verliert kaum Energie und schont damit Umwelt und Geldbeutel. „Wenn sie sich umschauen, werden sie hier keinen Heizkörper finden. Wir haben nicht mal Zähler", lacht Frau Wagner. Es ist Ende November, das Thermometer zeigt vier Grad Außentemperatur.

„Ob das jetzt ein Bügeleisen, ein Backofen, ein Computer oder eine Kerze ist. Oder auch ihre Körperwärme, diese Energie bleibt im Haus." Sie erklärt, dass die gesamte Luft im Raum innerhalb von drei Stunden komplett ausgetauscht ist. Alte Luft leitet die gespeicherte Wärme an einen Wärmetauscher weiter. Die Frischluft wird mit der Wärme der verbrauchten Luft aufgeheizt. Dadurch zahlen die Bewohner des Weitblicks gerade mal 33 Euro Heizungskosten.

Durch die energiesparende Bauweise sei gemeinschaftliches Wohnen deutlich günstiger als eine normale Wohnung in Stuttgart, weiß auch der Architekt des Hauses, Rainfried Rudolf. „Wir haben im Prinzip dasselbe gemacht wie die Industrie. [...] Durch eine lange Optimierungszeit können wir das Passivhaus kostengünstig bauen." Das Konzept ist also auf die Bedürfnisse einer Gesellschaft zugeschnitten, in der Umweltschutz immer wichtiger wird.

Einblick in’s Weitblick: Leben im Passivhaus

Das Leben im Mehrgenerationenhaus Weitblick ist vielseitig. Energiesparen und Spaß unter einem Dach? Einen Einblick gibt’s in dieser Bilderstrecke

Agenda 21: Gemeinschaftliches Wohnen in Leonberg erst ab 2017

In Leonberg steckt gemeinschaftliches Wohnen noch in den Kinderschuhen. Daher treffen sich die zukünftigen Bewohner schon seit Jahren zu gemeinsamen Unternehmungen und zur Planung. Walburg Wankmüller und Robert Beck (Name geändert) haben rund sieben Jahre Besprechungen erlebt. Wankmüller betont, dass Belastbarkeit unabdingbar ist. „Man muss es aushalten, Dinge zu besprechen, bis man zu einem Konsens kommt."

Das Mehrgenerationenhaus in Leonberg soll kompakt werden. Auch ein hauseigenes Carsharing wird angestrebt. Des Weiteren wird eine Etage barrierefrei werden. Sie wird später der Organisation „Atrio Leonberg", einer Hilfeeinrichtung für Menschen mit Handicaps, zur Verfügung stehen.

Wankmüller erzählt auch von zahlreichen Verschiebungen im Zeitplan. Ende 2017 soll das Haus voraussichtlich bezogen werden. Sicher sei das noch nicht. Dennoch haben die Beiden genaue Vorstellungen vom zukünftigen Alltag im Mehrgenerationenhaus: „Grundsätzlich ist alles freiwillig in dem Haus", versichert Frau Wankmüller. Und auch Herr Beck freut sich auf gemeinschaftliche Aktivitäten, Erlebnisse und „ein wenig Unterstützung beim Einkaufen." Allein der Umgang mit jungen Menschen sei für ihn schon Profit.

Aber auch Ungereimtheiten kommen auf den Tisch. „Rechtsradikale. Die möchte ich ausschließen", erklärt Beck. Auch bei Rauchern sei er sich nicht sicher, ob es ihn störe. „Du kannst es niemandem verbieten", wirft Wankmüller ein. Beide sind zuversichtlich, dass die Praxis nach dem Einzug Antworten liefern wird.

„Es gibt auch durchaus Dinge, die im normalen Wohnen stattfinden können."

Dr. Ulrike Scherzer ist Architektursoziologin und analysiert, wie die Menschen in verschiedenen Wohnformen leben. Sie kennt die Stärken und Schwächen des gemeinschaftlichen Wohnens. „Das zieht eine gewisse Klientel von sozial kompetenten Leuten eher an, als solche, die mit dieser Idee überhaupt nichts anfangen können." Dass gemeinschaftliches Wohnen per se den Charakter stärkt, glaubt sie nicht. Dies hänge nicht alleine von der Wohnform ab, weiß die Expertin

Und wer profitiert nun besonders von diesen Wohnprojekten? „Es ist häufig so, dass man in der eigenen Altersgruppe am meisten profitiert", sagt Frau Scherzer. Das läge vor allem an ähnlichen Tagesrhythmen und Lebensentwürfen. Das Klischee, dass nur Alte und Junge sich gegenseitig unterstützen, sei ein Trugschluss, so Scherzer.

Dass gemeinschaftliches Wohnen alleine glücklich macht, sieht die Expertin kritisch: „Jeder der alleine wohnt, kann absolut happy und sozial engstens vernetzt mit allen möglichen Leuten sein. Das muss nicht unbedingt vor der Haustür stattfinden." Umgekehrt könne es für Menschen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten durch die erwartete Nähe voneinander auch sehr stressig werden: „Irgendwann ist bei Manchen der Zeitpunkt gekommen, an dem sie wieder ein Stück mehr Privatsphäre brauchen."

Für Scherzer kann das gemeinschaftliche Wohnen als Lebensmodell nur bedingt bestehen. Auch aufgrund der Arbeitsbiografie wird es schwierig. „Es ist schon sinnvoll, für alle die es wollen. Es kann auch für einen Lebensabschnitt sinnvoll sein. [...] Es ist eine sehr individuelle Entscheidung." Ulrike Scherzer lacht: „Es gibt durchaus auch Dinge, die im normalen Wohnen stattfinden können. Vom Teilen des Hobbykellers bis zum Zeitungsabonnement."

Mehrgenerationenhäuser als „Weitblick" in die Zukunft

Bei der letzten Frage muss Frau Wagner kurz überlegen. „Warum es besonders nachhaltig ist... Nun, aufgrund der demografischen und der Energieentwicklung ist es notwendig, solche Konzepte zu entwickeln." Dazu komme, dass es immer mehr Alleinerziehende gebe, schätzt sie. „Da entsteht ein höherer Druck, sich ein soziales Umfeld zu schaffen, das nicht noch mehr Arbeit macht." Aber auch eine Knappheit am Energiemarkt bereitet Wagner Sorgen.

Wie energiesparend das Haus Weitblick heute schon ist, merkt man spätestens dann, wenn man raus in die kalte Herrenberger Luft tritt. Gabriele Wagner winkt von drinnen. Während man draußen eine Winterjacke und Schal braucht, trägt sie eine kurzärmelige Bluse.

Gemeinschaftliches Wohnen bleibt ein spezielles Konzept und klingt für manche noch wie Zukunftsmusik. Ob es sich als Wohnform durchsetzt, wird sich in Zukunft noch zeigen müssen. Klar ist aber schon jetzt: Wer mit dieser Form der Gemeinschaft warm wird, muss aufgrund der hohen Nachfrage selbst aktiv werden, ganz gemäß dem Motto: „Schaffe, schaffe, Häusle baue."

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Über den Autor

Christoph Donauer

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SS 2014