Der Golfstrom

Künftig keine Wärme mehr aus der Karibik?

29.06.2016

Erst wird der Golfstrom schwächer, dann kommt er vollständig zum Erliegen. In Europa und Nordamerika herrscht Eiszeit. Dieses Szenario führt uns der Hollywoodfilm „The Day After Tomorrow“ vor Augen. Im Jahr 2004 heiß diskutiert, ist die Debatte inzwischen in Vergessenheit geraten. Was sagen die Wissenschaftler heute?

Meeresströmungen, wie der Golfstrom, prägen unser Erdklima. | Foto: Robin Weber

Thunder Bay, Kanada – Wintersportler tummeln sich auf dem Lake Superior. Der größte See Nordamerikas verwandelt sich im Winter, bei bis zu minus 35 Grad, zu einer Eislaufbahn von der Größe Österreichs. Von solchen Verhältnissen können schwäbische Hobbyeisläufer nur träumen: Der Stuttgarter Pfaffensee war zuletzt im Jahr 2012 ausreichend zugefroren.

Auf der Weltkarte wird deutlich, dass sowohl die Schwabenmetropole, als auch das kanadische Thunder Bay auf dem 48. nördlichen Breitengrad liegen. Damit haben beide Städte die gleiche Sonneneinstrahlung. Wie kommt es also zu derartigen Temperaturunterschieden?

Golfstrom sorgt für milde Winter

Ursache dafür ist eine der größten Meeresströmungen der Erde – der Golfstrom. Er beginnt am Golf von Mexiko, wo sich das Wasser aufgrund des Klimas erwärmt. Diese Wärme transportiert der Atlantik nach Europa. Auf dem Weg dorthin teilen sich die Wassermassen auf. Der Nordatlantikstrom fließt vorbei an Großbritannien in Richtung Norwegen. Dieser Abschnitt hat laut Andre Bahr, Geowissenschaftler in Heidelberg, „massive Auswirkungen auf unser Klima". Weniger der Sommer, als vielmehr der Winter werde in Süddeutschland von der natürlichen Heizung beeinflusst. „Der Golfstrom sorgt bei uns für milde Winter." Dies, so Bahr, erkenne man auch daran, dass es in den vergangenen Wintermonaten häufig keine Frosttage gegeben habe.

Einmal quer durch den Atlantik - ein Flug entlang des Golfstroms. | Quelle: Google Earth

Das System ist gefährdet

Doch gab es in den letzten Jahren auch immer wieder Winter mit längeren Kälteperioden. Eisige Kälte wie zu Beginn der Jahre 2010 und 2012 sind noch vielen in Erinnerung. Inwiefern diese Winter mit dem Golfstrom zusammenhängen, ist schwer zu beurteilen. Durch die globale Erwärmung bestehe laut Bahr „die Gefahr, dass der Golfstrom schwächer wird." Der Geowissenschaftler sieht die schmelzende Arktis als Ursache für eine mögliche Abschwächung. Immer mehr Schmelzwasser dringt in den Atlantik und sorgt für einen Rückgang des Salzgehalts im Golfstrom. Auf dem Weg nach Nordeuropa ist ein hoher Salzgehalt wichtig für den Fortbestand der Strömung. Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Geschwindigkeit im letzten Jahrhundert so stark verringert hat wie seit 1.000 Jahren nicht. Bahr hält die Erkenntnisse für plausibel, mahnt jedoch zu Zurückhaltung: „Unsere Messungen reichen nicht weit genug in die Zeit zurück. Wir wissen, dass der Golfstrom auch natürlichen Schwankungen unterliegt, diese richtig einzuordnen, fällt uns aber noch schwer."

Auch der Klimaforscher Gerrit Lohmann hält die Befürchtungen eines schwächer werdenden Golfstroms zwar für möglich, „das Eiszeitszenario ist aber vom Tisch." Der Wissenschaftler vom Alfred-Wegener Institut aus Bremerhaven arbeitet mit Modellen, die die Temperaturen der Zukunft errechnen. Während sich fast die ganze Welt erwärmt, verzeichneten die Forscher im letzten Jahr rekordverdächtige Tiefstwerte im Nordatlantik. Dennoch sagen die Simulationen keine Eiszeit für Europa voraus – im Gegenteil: Zwar werde der Klimawandel durch die kühleren Temperaturen des Atlantiks „nicht so stark zuschlagen wie in anderen Regionen." Bis zum Jahr 2100 sieht Lohmann jedoch eine „Erwärmung in Deutschland von bis zu drei Grad."

Wissenschaft gesteht Fehler ein

Das hört sich nicht dramatisch an, kann aber gravierende Folgen haben. Zumal es in anderen Teilen der Erde erheblich wärmer wird. Ein fehlender Golfstrom hätte für das globale Klimasystem nahezu unberechenbare Konsequenzen. Dass in der Öffentlichkeit das Ausmaß des weltweiten Klimawandels lediglich mit Gradzahlen beschrieben wird, hält Lohmann daher für einen Fehler. Er gibt der Wissenschaft „eine Mitschuld" daran, dass die Folgen der Erwärmung unterschätzt werden. Auch wenn sie „teilweise nervig" seien, kann er Szenarien wie sie im Film „The Day After Tomorrow" skizziert werden, auch etwas Positives abgewinnen: „Vielleicht hat der Film ja doch dazu geführt, dass sich einige Leute Gedanken gemacht haben." Sollte das der Fall gewesen sein, wäre es an der Zeit für einen neuen Hollywoodstreifen.

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Über den Autor

Robin Weber

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015