Graffiti in Stuttgart

Künstler im Verborgenen

08.06.2016

Ob an Bahngleisen, an Autobahnbrücken, an Häuserecken, ja sogar an Zügen – Graffiti-Künstler leben ihre Kreativität an den unterschiedlichsten Orten aus. Die bunten Bilder sind aus dem urbanen Erscheinungsbild kaum mehr wegzudenken. Aber: Oftmals wird beim Sprayen gegen geltende Gesetze verstoßen. Deshalb wird in den meisten Fällen nachts gemalt. Unbemerkt von der Polizei, verborgen vor der Gesellschaft.

Kunst oder kriminelle Schmiererei? In Sachen Graffiti scheiden sich seit je her die Geister...|Bild:Florian Winter

Irgendwo in Stuttgart. Ein Mann mit Baseballkappe macht sich an einer Wand zu schaffen. Sein Werkzeug: Spraydosen. Filigran und akribisch zeichnet Max Frank Umrisse und füllt die entstandenen Flächen mit Farbe. Vor rund 20 Jahren kam der gebürtige Stuttgarter über Mitschüler das erste Mal mit Graffiti in Kontakt. Seitdem hat ihn die Sprühdosen-Kunst nicht mehr losgelassen. Heute ist der 34-Jährige RAST (Anm. d. R.: Max’ Künstlername) fester Bestandteil der Stuttgarter Graffiti-Szene und er macht kein Geheimnis daraus, dass auch er, vor allem zu Beginn seiner Laufbahn, „viel illegal gemalt" hat. Max und seine Crew hinterließen ihre Bilder fast überall, wo sich die Gelegenheit ergab. Die Devise: je auffälliger, desto besser. Doch bereits damals achteten sie darauf, „dass kein Privateigentum und keine Denkmäler beschädigt wurden." Natürlich gebe es in der Graffiti-Szene auch Sprayer, „die ihre Schriftzüge einfach überall hin malen – egal ob ansehnlich oder nicht. Zur Graffiti-Kunst gehören diese Werke trotzdem, denn so ist Graffiti schließlich im New York der Siebzigerjahre entstanden."

Graffiti an der Freiluftgalerie: Der Graffiti-Künstler MOTER geht an der Stuttgart21-Lärmschutzwand im Stuttgarter Schlossgarten seiner Leidenschaft nach.

Sprayen als eine Form der Kunst? Viele Bürger sehen das anders, für sie ist Graffiti nichts anderes als kriminelle Schmiererei – und die Gesetzeslage unterstützt sie in dieser Haltung: Malen die Künstler an illegalen Plätzen ohne Genehmigung, ist das weitaus mehr als ein Kavaliersdelikt. Sie machen sich der Sachbeschädigung strafbar. Hinzu kommen Strafbestände in Zusammenhang mit der Verletzung von Eigentumsrechten, Hausfriedensbruch sowie der Gefährdung des Straßen- und Eisenbahnverkehrs. In den meisten deutschen Großstädten arbeiten inzwischen sogar spezielle Graffiti-Sonderkommissionen an der Graffiti-Bekämpfung, so auch in Stuttgart. Teilweise wurden bereits Sprayer ins Gefängnis gesteckt. Abschreckungswirkung? Gleich null!

Polizei, Lebensgefahr, Dunkelheit

Bei ihren Streifzügen durch die Städte liefern sich die Spraydosen-Künstler ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Gesetzeshütern, an Bahngleisen oder Autobahnbrücken setzen sie regelmäßig ihr Leben aufs Spiel. Ihre Bilder fertigen die Künstler zudem größtenteils im Dunkeln an, Ausleuchten kommt an den zumeist öffentlichen Orten nicht in Frage – „da könnte ja man gleich selber die Polizei rufen," sagt Max.

Auch er musste im Laufe seiner Sprayer-Laufbahn bereits auf unbequeme Art und Weise Bekanntschaft mit der Polizei machen. Nachdem diese ihn über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg observiert hatten, wurde Max im Alter von 23 Jahren in mehreren Fällen der Sachbeschädigung verurteilt und musste daraufhin lange im Altenheim Sozialstunden ableisten.

Außenstehenden stellt sich hier natürlich die Frage nach der Motivation: Wieso geht ein Graffiti-Künstler ein derart hohes Risiko ein, wenn doch der größte Teil der Gesellschaft nie erfahren wird, wer für das jeweilige Bild verantwortlich ist und so die Wertschätzung für die Kunst ausbleibt? Max sagt: „Graffiti hat sich im Laufe der Zeit zu einer Subkultur entwickelt. Für die meisten Sprayer zählt nur das Ansehen in der Szene. Das Ziel ist, den eigenen Namen dort so bekannt wie möglich zu machen und hierbei natürlich schöne Bilder zu malen – was Außenstehende davon halten, spielt kaum eine Rolle. Sicher machen es auch manche für den ´Kick des Illegalen´ – die sind aber auf jeden Fall in der Minderheit."

Max zieht die letzten Linien und setzt zum Feinschliff an – sein Bild ist fertig. Übrigens: ein legales Bild. Genehmigt von der Stadt. Dem illegalen Malen hat Max längst den Rücken gekehrt, aufgegeben hat der Diplom-Sozialpädagoge seine Leidenschaft aber natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: In Zusammenhang mit seinem Beruf veranstaltet Max Graffiti-Workshops an Schulen und Jugendhäusern, zudem bekommt er immer wieder „Maler-Aufträge" von privaten oder staatlichen Einrichtungen (zur Homepage von Max). Er spiegelt eben genau das wider, was derzeit in der Gesellschaft im Bezug auf Graffiti geschieht: die Straßenkunst findet immer mehr Anklang bei Menschen außerhalb der Szene.

Graffiti-Kunst kann auch anders – wenn man ihr den Raum gibt

In nahezu allen großen deutschen Städten werden den Künstlern inzwischen legale Plätze, sogenannte Halls, zur Verfügung gestellt. So auch in Stuttgart. Das Problem: mit der „Hall of Fame" und dem „Alten Zollamt" in Bad Cannstatt gibt es im Raum Stuttgart lediglich zwei komplett öffentliche Graffiti-Locations. „Selbst für die eher kleinere Stuttgarter Szene ist das natürlich viel zu wenig", sagt Max. Für ihn ist es deshalb „nicht verwunderlich, dass die ganze Stadt voll gemalt ist." Zum Vergleich: Im deutlich kleineren Freiburg können sich die Straßen-Künstler an rund 15 öffentlichen Locations austoben.

In der baden-württembergischen Landeshauptstadt ergänzen seit einigen Monaten Flächen am Stuttgart21-Bauzaun und den Lärmschutzwänden im Schlossgarten das Angebot an legalen Sprüh-Plätzen. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von Patrick Klein, Teilhaber der Agentur Graffiti-Stuttgart sowie Inhaber des Stuttgarter Graffiti-Ladens Thirdrail. Geplant ist, dass hier im Rhythmus von vier bis sechs Wochen Sprüh-Genehmigungen für interessierte Künstler erteilt werden.

In Stuttgart ist das Angebot an legalen Sprüh-Flächen begrenzt. Deshalb werden viele der Graffitis illegal angebracht. Hier eine Übersicht über die Graffiti-Hotspots in Stuttgart – inklusive Bildern.

Kürzlich wurde auch Max an der über hundert Quadratmeter großen Wand im Herzen Stuttgarts tätig. Er und seine Sprayer-Freunde SURE und MOTER malten rund zehn Stunden im Schlossgarten und das Ergebnis macht deutlich, zu was Sprayer in der Lage sind. Wenn man ihnen nur den Raum dazu gibt...

Max und seine Kumpels MOTER und SURE gestalteten die Wand im Schlossgarten neu - und das Ergebnis kann sich absolut sehen lassen. |Bild:Florian Winter

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Über den Autor

Florian Winter

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015