Traumata bei Soldaten

Krieg im Kopf

30.06.2016

Zerfetzte Körperteile, brutale Kampfeinsätze und die Todesangst ständig im Nacken: Soldaten sind bei Auslandseinsätzen extremen Situationen ausgesetzt, die sie oft ein Leben lang nicht mehr vergessen. Während manche ehemalige Soldaten das Erlebte verarbeiten und daraus Kraft ziehen, machen die psychischen Folgen des Kriegseinsatzes Anderen ein normales Leben unmöglich.

Chris (2. v.r.) startet mit seinen Kameraden in die Mission. | Bild: Chris (Vollständiger Name liegt der Redaktion vor)

Es ist eine mondlose Nacht, mitten in der Wüste nahe Kundus in Afghanistan. Unruhig wirft sich Chris* auf seinem Feldbett hin und her. Plötzlich durchbricht das laute Heulen der Sirenen die Stille: Bombenalarm. Wie ein Stromschlag durchzuckt es Chris, Kommandos aus seinem Überlebenstraining rattern durch seinen Kopf. So schnell er kann, hastet er mit seinen Kameraden in den „Shelter-Bunker", einen nur wenige Meter tief in die Erde versenkten Container. Kaum hat der letzte Soldat die Tür erreicht, schlägt die Rakete mit einem ohrenbetäubenden Knall zwischen den Wohncontainern im Camp ein. Die Splitter haben die dünnen Wände durchlöchert. Chris hat keine Zeit, Angst zu empfinden. Adrenalin schießt durch seine Adern und in dieser Nacht im Februar 2003 gibt es für ihn nur ein Ziel: zu überleben.

Ein Einsatz durch die Augen eines Soldaten

Eindrücke von Afghanistan 2003. | Bilder: Chris (Vollständiger Name liegt der Redaktion vor)

Mittlerweile hat der 46-Jährige drei Auslandseinsätze hinter sich gebracht. Seine Haare sind kurz geschnitten, dafür hat er einen Dreitagebart. Statt einer Uniform trägt er heute Jeans und T-Shirt. Wenn er von den Einsätzen erzählt, schweift sein Blick durchs Zimmer und bleibt immer wieder an den zahlreichen Familienporträts hängen – Bilder von seiner Frau und seinem 13-jährigen Sohn.

Er war 15 Jahre bei der Bundeswehr. Nach der Wehrpflicht verpflichtete sich Chris für einige weitere Jahre. Ihm gefielen die Abwechslung und das Abenteuer. Er wurde Fallschirmjäger der Einsatzgruppe der NATO und reiste durch Norwegen, die Türkei und Kanada. Im Kosovo absolvierte Chris seinen ersten sechsmonatigen Auslandseinsatz. Er gehörte der Militärpolizei der Feldjägertruppe an und hatte die Aufgabe, im zerstörten Kosovo für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Vor allem die Einsätze in Afghanistan lassen den 46-Jährigen bis heute nicht los. „Die Taliban waren meist unsichtbar und die Bedrohungslage ständig auf höchstem Niveau", erinnert er sich.

„Mit der ständigen Bedrohung kann man nur umgehen, wenn man versucht, nicht über die Möglichkeit zu sterben nachzudenken."

Wie geht ein Soldat mit seiner Angst um? Chris spricht mit uns über Verdrängung und seine Familie als Stütze.

Afghanistan mit seiner fremden Kultur und nach 40 Jahren Krieg völlig zerstört hat ihn bis heute geprägt. Frauen, die bis zum Hals eingegraben und gesteinigt werden, weil sie kein Kopftuch tragen, Selbstmordattentäter oder Anschläge auf Busse voller heimkehrender Soldaten. Chris hat unvorstellbares Leid gesehen.

Nach seiner Heimkehr sei er sehr ruhig und in sich gekehrt gewesen, erzählt seine Frau mit Blick in die Ferne. Obwohl ihn die Bilder des Kriegseinsatzes bis heute nicht loslassen, hat er es geschafft, nach seinem Ausstieg aus der Bundeswehr ein glückliches und normales Leben zu führen. Heute ist er Kindergärtner – ein Beruf, aus dem er viel Kraft zieht.

Bundeswehr gleich schlaflose Nächte?

Vielen seiner ehemaligen Kameraden ist dies nicht gelungen. Sie leiden an Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Laut Bundeswehr waren dies 2015 rund 1.750 Soldaten deutschlandweit. Zu den Symptomen gehören Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen. Über die Hälfte aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert. PTBS entsteht jedoch erst, wenn das Stress-System des Körpers mit der Verarbeitung des Erlebnisses überfordert ist. Das kann durch eine bestimmte Situation oder eine langfristige Belastung hervorgerufen werden – wie einem Einsatz im Kriegsgebiet.

Die wichtigsten aktuellen Auslandseinsätze der Bundeswehr | Daten: Statista | Infografik: Kim Späth via Thinglink

Trauma- und Familientherapeutin Eva Strübing aus Reutlingen behandelt unter anderem auch Soldaten in ihrer Praxis. Durch verschiedene Therapiemethoden unterstützt sie die Patienten bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse. Strübing sagt: „Soldaten sind oft lange andauerndem, chronischem Stress ausgesetzt. Sie können die traumatisierenden Erlebnisse nicht ausreichend verarbeiten. Es kommt – manchmal erst Jahre später – zu Symptomen, die dann massiv den Alltag belasten."

Traumberuf Berufssoldat?

Trotz der großen psychischen Belastung übt die Bundeswehr nach wie vor einen großen Reiz auf Berufseinsteiger aus. So dienten in der Bundeswehr 2015 fast 10.000 freiwillige Wehrdienstleistende. Wie auch Fabian*. Für ihn folgten nach dem Abitur drei Monate Grundausbildung. Diese beinhaltet Training in den verschiedensten Bereichen: Sport, Waffen, und Theorie wie beispielsweise die Rechte und Pflichten eines Soldaten. Mit glänzenden Augen erzählt der 23-Jährige: „Für mich war schnell klar: Das ist der Beruf, in dem ich alt werden möchte." Seit 2015 besucht er nun die Offiziersschule und hat sich für mehr als 20 Jahre verpflichten lassen.

Im Ausland war Fabian noch nicht. Ihn würde es jedoch reizen, die Erfahrung eines Einsatzes in Afghanistan zu machen. Das Militär und das Soldatenleben haben ihn schon immer fasziniert. Neben dem sicheren Arbeitsplatz und dem hohen Verdienst, schätzt er vor allem den starken familiären Zusammenhalt unter den Kameraden. Seine braunen Locken musste Fabian kurz schneiden und auch sonst hat sich sein Leben stark verändert: „Man kommt an seine Grenzen und lernt sich selbst besser kennen. Ich bin disziplinierter und dankbarer geworden." Doch auch Fabian lernt die Schattenseiten seines Berufs kennen, beispielsweise wird er oft mit Vorurteilen über Soldaten konfrontiert. Zudem hat er in seiner Zeit bei der Bundeswehr insgesamt vier Kameraden verloren.

Bundeswehr als Seelsorger?

Psychologische Betreuung der Bundeswehr
Bundeswehr bietet Betroffenen durch verschiedene Angebote Hilfe an. Das Psychosoziale Netzwerk besteht aus rund 80 deutschen regionalen Netzwerken. Hier stehen den Betroffenen Truppenärzte, Psychologen, kirchliche Militärseelsorger und Sozialarbeiter zur Seite. Auf der Webseite Bundeswehr Support findet man zudem Bundeswehrdienststellen, staatliche und nicht staatliche Einrichtungen und Initiativen, die Hilfsangebote für Soldaten und deren Angehörige anbieten. Neben einer Telefonhotline gibt es speziell für Soldaten, die aus einem Auslandseinsatz zurückkehren, Nachbearbeitungsseminare mit therapeutischer Betreuung.

Chris und Fabian sind sich einig, dass die Bundeswehr durch die vielen Angebote ihre Pflicht zur Unterstützung der Soldaten erfüllt. Problematisch sei eher, dass viele sich nicht helfen lassen wollen. Da seien die Angst, dass dies negative Folgen für ihre Arbeit hat, und die Scham. „Die Schwierigkeit liegt im coolen und harten Image vieler helfender Berufe wie Polizist, Arzt und auch Soldat. Für viele ist es schwer, es nicht als Schwäche zu sehen, therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen", sagt Trauma- und Familientherapeutin Strübing.

Die Frage, wie er reagieren würde, wenn sein Sohn zur Bundeswehr gehen wollte, stimmt Chris nachdenklich und etwas traurig. „Verhindern könnte ich es nicht, aber ich würde ihm die brutalen Bilder aus meinen Einsätzen zeigen, damit er weiß, worauf er sich einlässt." Afghanistan hat ihn verändert, aber nicht gebrochen – die Menschen um ihn herum haben ihm geholfen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten.

*Name von der Redaktion geändert.

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Über die Autoren

Geraldine Nirschl

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Kim Jennifer Späth

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