Anonymität im Netz

Kriminalität und Menschenrechte – Ist das Darknet wirklich so „dark“?

25.05.2016

Mit der Tor-Software kann jeder anonym im Netz surfen. Vor allem Menschen in China, Syrien und anderen Ländern mit Internetüberwachung nutzen sie, um anonym zu bleiben. Doch auch Kriminelle setzen die Technologie für ihre Geschäfte ein. Sollten anonyme Server und Verbindungen verboten werden?

Um unerkannt zu bleiben, bedarf es nur ein paar Klicks. |Bild: Carmen Renz

85 Euro kostet das Gramm Kokain bei der Online-Apotheke BitPharma im Darknet. Wer fünf Gramm bestellt, bekommt elf Prozent Rabatt. Käufer bezahlen anonym mit Bitcoins und erhalten ihre Lieferungen per Post. BitPharma führt neben Kokain auch alle anderen bekannten Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente wie Valium.

Das Darknet bietet nicht nur Drogenhändlern einen geschützten Raum. Auch Waffen, gefälschte Führungszeugnisse und Falschgeld wechseln hier den Besitzer. Pädophile tauschen im Verborgenen Kinderpornos aus. In Foren erklären Vergewaltiger einander, wie sie ihre Opfer am besten gefügig machen. Die Kriminalität blieb für Polizei und Behörden nicht unentdeckt. Anfang Mai hat die Polizei den bundesweit größten Drogen-Webshop Chemical Love zerschlagen.

Einfach und schnell Kokain im Darknet bestellen. |Bild: Carmen Renz

Die Polizei ermittelt

Ende Februar dieses Jahres hat die Polizei neun mutmaßliche Betreiber und Nutzer illegaler Internetplattformen festgenommen. Laut Bundeskriminalamt (BKA) boten Kriminelle in den Foren Kokain, Heroin, Ecstasy, gestohlene Kreditkartendaten und gefälschte Dokumente an. Auch kriminelle Dienstleistungen, etwa die Infektion von Rechnern mit Schadsoftware, gingen dort über den virtuellen Verkaufstresen.

„Selbstverständlich ermittelt die Polizei auch im Darknet", sagt eine Sprecherin des BKA im Telefoninterview mit redaktionzukunft. Wie genau diese Ermittlungen stattfinden, dürfe sie „aus polizeitaktischen Gründen nicht verraten". Im neuesten Bundeslagebericht des BKA zur Cyberkriminalität beziffert die Wiesbadener Behörde die Dunkelziffer der Internetkriminalität auf 91 Prozent. Das BKA geht folglich davon aus, dass nicht einmal ein Zehntel der Straftaten im Netz aktenkundig wird.

Anonym surfen
Wer mit einem Tor-Browser ins Internet geht, bleibt anonym. Die Suchanfrage, zum Beispiel www.redaktionzukunft.de, wird über drei Knotenpunkte umgeleitet. Diese Punkte sind entweder Server im klassischen Sinn oder die Computer anderer Tor-Nutzer. Jeder dieser Knoten kennt nur seinen unmittelbaren Vorgänger und den direkten Nachfolger in der verschlüsselten Verbindungskette.
Allegorisches Logo für das Netzwerk ist die Zwiebel. Wie bei einer Zwiebel, deren innere Schichten verborgen sind, bleiben die Verbindungsknoten im Tor-Netzwerk verborgen.

NSA-Dokument: „Tor stinks"

Das anonyme Tor-Netzwerk beunruhigt die Polizei und den US-Geheimdienst. Edward Snowden hat eine Präsentation veröffentlicht, in der die National Security Agency (NSA) resümiert, dass sie wohl nie in der Lage sein werde, alle Tor-Nutzer zur selben Zeit zu identifizieren, und sie somit die Kommunikation im Tor-Netzwerk nicht nachverfolgen könne.

Die Tor-Technologie ist Geheimdienst-Spionen ein Dorn im Auge. Kritiker fordern ein Verbot. Menschenrechtsaktivisten und Datenschützer dagegen verteidigen die Anonymität im Netz. Sie weisen darauf hin, dass die Software Menschen in autokratischen Regimen vor Geheimdiensten, staatlicher Zensur und vor Unterdrückung der Informationsfreiheit schütze. Ein Beispiel dafür sind die Aufstände während des Arabischen Frühlings.

Menschenrechtsaktivisten verteidigen das Tor-Netzwerk

In Syrien, Libyen und Ägypten haben die Machthaber während des Arabischen Frühlings die Kommunikation im Internet erheblich eingeschränkt. Sie wollten damit verhindern, dass Informationen über die Unterdrückung der Oppositionellen außer Landes gelangen. Netzaktivisten von Telecomix, ein Zusammenschluss von linkspolitischen Netzaktivisten, unterstützten die Regierungsgegner technologisch. So konnten die Oppositionellen Bilder, Videos und Informationen in die westlichen Medien bringen, denen nur geschönte Informationen von den nordafrikanischen Regimen vorlagen.

Erfolg für die Regimegegner: Die Hacktivisten konnten zusammen mit den Oppositionellen deren Material vom Arabischen Frühling in der ARD-Tagesschau platzieren.

Reporter ohne Grenzen unterstützen Tor

Weil das verschlüsselte Netzwerk ein hilfreiches Werkzeug gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit ist, betreibt Reporter ohne Grenzen seit August 2013 einen Tor-Knotenpunkt. Damit können Journalisten und Blogger ihre Informationsfreiheit wahrnehmen. Im Tor-Netzwerk sind Quellen und Recherchen vor staatlicher Unterdrückung sicher. Die technische Infrastruktur dafür liefert Zwiebelfreunde e.V. Der Verein arbeitet mit Menschenrechtsorganisationen zusammen, indem er seine Tor-Server für anonyme Kommunikation bereitstellt.

Was sind überhaupt Tor-Netzwerke und wie funktionieren sie?

Tor - Ein Werkzeug wie jedes andere?

Moritz Bartl hat torservers.net und Zwiebelfreunde e.V. ins Leben gerufen. Auf der Homepage von torservers.net prangt in schwarzen Lettern in einer blauen Box der 19. Artikel der Menschenrechtserklärung:

„Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten."

Auf die Frage, ob Tor-Netzwerke aufgrund krimineller Missbräuche verboten werden sollten, antwortet Bartl mit einem simplen Vergleich: „Eine Axt kann ich in jedem Baumarkt ohne Registrierung kaufen und mit ihr auch einigen Schaden anrichten." Es sei fraglich, ob ein Verbot die kriminelle Nutzung reduzieren könne, oder ob es nur die gutartige Nutzung beschränken würde. Ein Verbot werde Kriminellen das Handwerk nicht legen. Schließlich seien Kriminelle per Definition Gesetzesbrecher.

Bartl sagt Wahres: Der Handel mit Waffen, Drogen und Kinderpornos steht unter Strafe. Das hält die Verbrecher im Darknet jedoch nicht davon ab, ihre skrupellosen Geschäfte zu betreiben.

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Über den Autor

Carmen Renz

Crossmedia-Redaktion/Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16