Ein Türke im Innenministerium

Kriminalrat Aşkin Bingöl im Porträt

07.07.2015

Aşkin Bingöl ist ehrgeizig und gelassen, arbeitet professionell und ist ein Familienmensch durch und durch. Bei der Polizei hat er als einer der ersten Türken eine Bilderbuch-Karriere hinter sich und ist heute Kriminalrat im Innenministerium Baden-Württemberg. Dort sitzt er an der Schnittstelle zwischen Polizei und Politik.

Der Kriminalrat Aşkin Bingöl hinter dem Innenministerium im Schlossgarten. (Quelle: Claudia Articek)

Am Hintereingang des Innenministeriums in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs wartet Aşkin Bingöl im Anzug mit strahlend blauer Krawatte und einem Lächeln auf dem Gesicht darauf, ein Interview zu geben. Plaudernd laufen wir zum Biergarten im Schlossgarten, um dort bei einem Radler über seine Person zu sprechen. Seine ruhige und gelassene Art passt zu einem Feierabend-Bierchen.

Aşkin Bingöl kam mit sechs Monaten, als Sohn eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland. „Spontan und abenteuerlustig wie ich bin, stimmte ich meinem Vater sofort zu, als er mich nach meinem Einverständnis nach Deutschland zu gehen, fragte", sagt er ironisch und lacht. In Deutschland wuchs er dann in einem kleinen Städtchen in der Nähe von Ulm auf. Kindergarten, Grundschule und Gymnasium mit eingeschlossen. Danach ging er zum Studium nach Nürnberg. Wirtschaftswissenschaften sollten es sein. An die Börse wollte er. Es kam aber ganz anders. Aufgrund seiner finanziellen Situation suchte er sich eine Ausbildung. „Die Polizei zahlte damals 1500 Mark monatlich mit Anwärterzuschlägen. Da habe ich mich beworben, wurde genommen und bin da so reingeschlittert.", erzählt Bingöl rückblickend.

Einer der ersten Polizeimeisteranwärter bundesweit

Damals war er einer der ersten türkischen Polizeimeisteranwärter in ganz Deutschland. Bei einem Großteil seiner Kollegen war es normal, dass jemand eine andere Herkunft hat. Gewissen Vorurteilen ist er dennoch begegnet. Besonders negativ aufgenommen hat Aşkin Bingöl das alles aber nicht. Sein Ziel, Polizeimeister zu werden, hat er trotzdem nicht aufgegeben. Er ist dann eben offen auf die Kollegen zugegangen. „Die Polizei ist auch auf Vielfalt angewiesen. Das haben die meisten Kollegen verstanden", erklärt Bingöl. Als Migrant würde er sich dennoch nicht bezeichnen: „Wissen Sie, Migrant oder Nicht-Migrant hat immer einen sehr differenzierenden Charakter. Wir sind eben alle Baden-Württemberger mit unterschiedlichen, kulturellen Hintergründen. Das ist auch gut so!" Sein Ratschlag an alle: „Nähert euch zuerst mit Gemeinsamkeiten an, nicht mit Dingen, die euch differenzieren. So kann das Miteinander funktionieren."

Den Migrantenstempel kennt Aşkin Bingöl dennoch nur zu gut. Wie er damit umgegangen ist und immer noch umgeht, einfach herumdrehen. „Gerade das tun, was die Leute nicht erwarten. Von den Aha-Erlebnissen, profitiert man noch Jahre danach", sagt er mit einem Schmunzeln. In eine verwundbare Position hat sich Bingöl nicht begeben. Wenn bei einer Verhaftung der Kommentar kam „Von einem Türken lass’ ich mich nicht verhaften!", antwortete er darauf: „Das erklären Sie dem Staatsanwalt." So etwas ließ er nicht an sich heran.

„Es gibt nicht den kriminellen Türken"

2012 beendete der heutige Kriminalrat sein Studium an der Deutschen Hochschule der Polizei mit dem bundesweit besten Abschluss und wurde für seine besondere Leistung geehrt. Allerdings hat dieser Abschluss nicht Aufsehen erregt, weil er Türke ist, sondern weil es eine so herausragende Leistung ist. Als stellvertretender Chef der Kriminalpolizei und Leiter der Kriminalinspektion 2 in Reutlingen war er für Raubdelikte, organisierte Kriminalität und Erpressungsdelikte zuständig. Jetzt ist er im Innenministerium tätig und eher mit Buchstabenoperationen beschäftigt.

Nach 20 Jahren bei der Polizei antwortet er auf die Frage, ob man dann noch an das Gute der Menschen glaubt mit einem starken Ja. Kriminell werde keiner geboren. Menschen werden kriminell, weil die Rahmenbedingungen ihres Lebens sowie potenzielle Möglichkeiten sie in eine bestimmte Richtung drängen würden, erklärt er. Den kriminellen Türken gebe es für ihn nicht. „Es gibt Kriminelle und die sind manchmal deutscher, türkischer oder italienischer Abstammung", sagt er.

Mittelpunkt Familie

„Insgesamt hat mich das Leben gestreichelt", reflektiert Aşkin Bingöl. Durch seine Leistung hat er seine Ziele immer erreicht. Trotz seiner steilen Karriere, ist die Familie für ihn das Wichtigste. Mit einem Funkeln in den Augen und voller Stolz erzählt er von seinen drei Töchtern: „Meine Töchter sind richtig gut gelungen." Und auch seine Familie ist sehr stolz auf ihn. „Die denken ich habe einen Chauffeur und ein Büro so groß wie ein Vorstandszimmer", lacht er. Wenn am Abend die Arbeit getan ist, fährt er zu seiner Familie in die Nähe von Ulm. Das Pendeln nimmt er gerne auf sich, wenn er dann zu Hause in die Arme der Familie geschlossen wird. Am Wochenende jongliere er dann mit Schuhe kaufen, Kaffee trinken und Handtaschen anschauen – Tatort Fußgängerzone.

„Racial Profiling" bei der Polizei

Ein Thema bei der Polizei, das oft kritisiert wird, ist das sogenannte „Racial Profiling". Beim Racial Profiling wird der mögliche Täter aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder Herkunft kategorisiert. Danach werden Verdächtige verhört, auf denen dieses Profil passt. Aşkin Bingöl zeigt in diesem Beitrag seine Meinung dazu.

Wichtige Links zum Thema Polizei

Polizei Baden-Württemberg stellt sich vor

Dienststelle Reutlingen

Programme zur Drogenprävention

Informationen zum Thema Migranten bei der Polizei

Artikel in der Zeit „Der Polizei fehlen Migranten"

Studie zu Polizisten mit Migrationshintergrund

Studie zu Straftätern mit Migrationshintergrund

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Über den Autor

Claudia Articek

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015