Neuer Dokumentarfilm „Europa und seine Schriftsteller“

Lässt sich Geschichte recyceln?

27.11.2014

Irland, Italien, England, Spanien, Ungarn und schließlich Deutschland- die neue Dokumentationsreihe von Mark Kidel begibt sich bei ARTE jeden Mittwoch auf eine Reise durch die Geschichte und Kultur Europas. Vier Schriftsteller porträtieren jeweils ihr Land. Sie erzählen, wie die Geschichte dieses Landes ihr Leben und ihr Schaffen beeinflusst hat.

Peinlich berührt, beschämt und Profis im Verdrängen: Das sind wir Deutschen im Umgang mit unserer Geschichte. Ein echtes Ärgernis für den aus der DDR stammenden Schriftsteller Christoph Hein: „Vergangenheit ist die einzige Zeit, die nicht vergehen kann", so sagt er es mit Nachdruck in der Dokumentation. Wieder gut machen, Streichen, Ändern, Beschönigen, all das können wir nicht. Die Nazizeit gehört zu unserem Deutschland, genau wie das Kaiserreich und die Weimarer Republik, ob wir das wollen oder nicht. Für ihn hat Literatur den Sinn des „Nicht-Vergessens", des „Wieder-drüber-Stolperns". Denn: Geschichte lässt sich „Wiederverwerten". Am besten lernen wir durch Erfahrungen. Durch gute, aber vor allem durch schlechte Erfahrungen. Nur die Einsicht und das Bewusstsein für etwas, bringen uns dazu, Haltungen und Ansichten zu revidieren und unser Verhalten zukünftig zu ändern.

Ähnlich steht auch Wladimir Kaminer zur Literatur: „Wir Menschen sind vergesslich. Nur die Geschichten, die wir niederschreiben, bleiben.", schmunzelt er mit seinem russischen Akzent in die Kamera. 1990 bekam er dank seiner jüdischen Wurzeln Asyl in der DDR und war später ganz stolz auf seinen „Alienpass".

Auch Emine Sevgi Özdamar ist in den 60ern eingewandert, brachte ihre türkische Kultur mit und vermischte sie mit der deutschen. Mit 18 Jahren kommt sie- zuerst nur um zu Arbeiten. Später beginnt auch sie zu schreiben- in deutscher Sprache. Sie lässt sich von der deutschen Geschichte inspirieren, besonders der Anhalter-Bahnhof in Berlin hat es ihr angetan. Seine Zerstörung sieht sie bis heute als Symbol für die Judendeportationen und die Ermordung von Millionen von Menschen durch die Nationalsozialisten.

Schuldfrage und der böse Nazi-Onkel

Neben dem großen Ausrufezeichen des Nicht-Vergessens, wird auch die Schuldfrage thematisiert: 1995 verfasst der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink den Roman „Der Vorleser"-die ungleiche Beziehung zwischen dem Schüler Michael Berg und der einundzwanzig Jahre älteren Hanna Schmitz. Doch hinter dieser Beziehung steckt viel mehr, nämlich die ethische Frage, wie mit den Tätern der Judenvernichtung in der Nazizeit umgegangen werden soll. Bernhard Schlink selbst fühlt sich an den Gräueltaten der Nazis mitschuldig. Nicht weil er sie selber begangen hätte, aber weil die Kriegsgeneration, seine Elterngeneration, weiter gesellschaftlich akzeptiert wurde: „Der böse Nazi-Onkel wurde ja nicht aus der Familie ausgeschlossen, oder?"

Wollen wir Deutschen also wirklich nur vergessen und uns unserer Schuld entziehen? Nein. Die Dokumentation zeigt besonders gegen Ende Aufnahmen, die für die andere Seite stehen: Das Denkmal in Berlin für die ermordeten Juden Europas als Symbol des offenen Umgangs mit der Geschichte, des Anerkennens der Schuld. Das Reichstagsgebäude in Berlin als Symbol des Wiederaufbaus der Stadt nach der Wende. Wir Deutschen sind uns unserer Schuld und unserer Geschichte bewusst- und vor allem beschäftigen wir uns damit. Wir nutzen sie. Wiederverwertung auf ganzer Linie, in unseren Köpfen, auf eine ganz moderne Art und Weise.

Spiderman und Catwoman können einpacken

Dokumentarfilme wie „Europa und seine Schriftsteller-Deutschland" sind wichtig. Sie sollen die Deutschen heute ermahnen, sich zu erinnern. Ermahnen, die Schicksale Einzelner nicht zu vergessen. Ermahnen, die Schatten der deutschen Geschichte nicht zu verdrängen. Trotzdem: Besteht die deutsche Geschichte nur aus der Nazizeit, dem zweiten Weltkrieg und gleich darauf aus der DDR samt kleinem Lichtblick, dem Mauerfall? Oder haben wir noch eine andere Geschichte? Sind wir wirklich nur schlecht? Sollten wir uns nicht auch an Beispiele guter deutscher Vergangenheit erinnern? An Helfer und Retter in der Nazizeit, wie etwa die Deutschen, die Anne Frank und ihrer Familie Unterschlupf gewährten? Diese andere, wenn auch nur schwache Seite, fehlt in der Dokumentation.

Heutige Generationen nur mit dem Negativen zu konfrontieren ist nicht der richtige Weg, es wird genau das eintreten, vor dem Christoph Hein so sehr warnt: Die Deutschen werden sich weg drehen, die Augen schließen und sich taub stellen. Viel eher sollten wir der Jugend doch vermitteln: Hört auf, einfach glauben zu wollen. Hinterfragt Dinge. Schwimmt nicht mit dem Strom. Und als Vorbilder, als Helden sollten statt Spiderman oder Catwoman, Menschen genannt werden, die gegen die Nazis wenigstens einen stummen Protest gewagt haben.

Ganz nach dem Schema Schwarz weiß- die Nazis schwarz, die Helfer weiß.

Nicht wegschmeißen! Geschichte ist wiederverwertbar

Denn mit solchen Beispielen würden wir ergänzen, was wir Deutschen doch schon ganz gut geschafft haben: Erfahrungen nutzen und seien sie noch so schlecht, um nachhaltig daraus zu lernen. Die Schuld erkennen, um das zukünftige Handeln anders zu gestalten. Vergangenheit aufarbeiten, um ein kritisches Bewusstsein für noch kommende gesellschaftliche Situationen zu entwickeln. Kurz um: Geschichte recyceln- immer wieder von Neuem zu nutzen- um das „Heute" und das „Morgen" für uns alle besser zu gestalten.

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