Landwirtschaft in Stuttgart

Landwirt für einen Tag? Kein Problem bei Solawis!

13.11.2014

Solidarische Landwirtschaft Stuttgart – kurz Solawis, ist der Name eines bisher einzigartigen Projekts in der Region. Eine Gruppe Menschen schließt sich zusammen, um in Kooperation mit der regionalen Landwirtschaft ökologisches Gemüse anzubauen.

Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, wie das Model auch heißt, basiert darauf, dass Menschen für einen bestimmten Zeitraum zu Mitunternehmern in der Landwirtschaft werden. Sie zahlen einen Monatsbeitrag zum Unterhalt des Bauernhofes, mit dem sie zusammenarbeiten und bekommen dafür ein Paket mit Hofprodukten. Sie werden so selbst zu (Teilzeit-)Bauern, mit dem Ziel, ökologisches, regionales und saisonales Gemüse anzubauen.

Wie funktioniert das Ganze überhaupt?

Zurzeit hat die Gruppe in Stuttgart 149 Mitglieder, von denen jedes Mitglied einen monatlichen Betrag von 25 Euro beisteuert. Mit diesem Geld wird der Reyerhof unterstützt, der Hof mit dem Solawis kooperiert. Als Gegenleistung für den Mitgliedsbeitrag erhält man einen Anteil des angebauten Gemüses und andere landwirtschaftliche Produkte. Ein Anteil steht für die Menge an Gemüse, die ein erwachsener Mensch in einer Woche ungefähr verbraucht. In Stuttgart gibt es mehrere Verteilpunkte, bei denen die Mitglieder ihren wöchentlichen Anteil am geernteten Gemüse abholen können. Ein Anteil setzt sich aus ca. Einem Kilo Gemüse, 500 Gramm Kartoffeln und einem Salat zusammen, wobei diese Zusammensetzung je nach Saison variiert. Fällt die Ernte besonders gut aus gibt es etwas mehr, vor allem im Winter oder bei schlechter Ernte schrumpft der Anteil.

Einmal im Monat findet auf dem Reyerhof der sogenannte Hofeinsatz statt. Gemeinsam mit Bauer Christoph Simpfendörfer geht es raus aufs Feld und die Mitglieder erfahren hautnah, was es bedeutet Landwirt zu sein. „Den Boden unter den Stiefeln spüren, am Widerstand des Ampfers merken, was für eine Kraft dieses „Un"-kraut mir entgegenstellt, den Duft einer herbstlichen Streuobstwiese atmen, eine Möhrenernte verladen und einlagern, – das können tief befriedigende Tätigkeiten sein," lautet ein Statement auf der Solawis Homepage. Das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe wird hochgehalten und voll ausgelebt. Das zeigt sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten nach getanem Hofeinsatz oder bei der Kochgruppe, die gemeinsam Rezepte ausprobiert, speziell abgestimmt auf die wöchentliche Gemüselieferung.

Wie alles begann – ein Rückblick

Der Startschuss zur solidarischen Landwirtschaft in Stuttgart fiel im Jahre 2012. Eine Gruppe interessierter Menschen fand sich zusammen und suchte nach einem Weg, ein solidarisches Landwirtschaftsprojekt in der Region ins Leben zu rufen. Inspiriert von erfolgreich laufenden Projekten in anderen deutschen Großstädten, stellten Sie ihre Idee einem größeren Publikum vor. Im Forum 3, einem anthroposophischen Kulturzentrum in der Stuttgarter Stadtmitte, trafen Sie auf engagierte Menschen, die ihre Ideen und Vorhaben teilten und mitverwirklichen wollten. Daraus entstand eine Kerngruppe und Solawis war geboren.

Dieser Kern stand anfangs vor einer Menge Fragen und Unklarheiten, die wohl wichtigste: Sollten Flächen zum geplanten Gemüseanbau gepachtet werden? Oder sollte man gleich den Kontakt zu einem landwirtschaftlichen Betrieb suchen? Die Gruppe entschied sich für letzteres und begann Öko-Landwirte in Stuttgart und der Umgebung zu kontaktieren. Nach einer längeren Suche und ersten Zweifel an der Durchführbarkeit des Vorhabens dann aber ein Lichtblick: Christoph Simpfendörfer, ein Demeter-Landwirt aus Stuttgart-Möhringen. Der Bewirtschafter des Reyerhof musste trotz vorhandenem Interesse zur Kooperation mit den Solawis aber erst einmal überzeugt werden. „Ich habe drei Mal abgelehnt bevor ich letzten Endes doch einwilligte, mich mit den Solawis zusammen zu tun. Die Idee hinter Solawis fand ich aber von Anfang an spannend und schließlich habe ich der Zusammenarbeit zugestimmt", meint Herr Simpfendörfer rückblickend. Schlussendlich klappte es also und Solawis startet im April 2013 mit dem Anbau von Möhren als erstes selbst angebautes Gemüse im Rahmen der gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft.

Der Reyerhof in Zahlen

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Trotz der achtbaren Vision der Solawis Initiative und dem guten Willen, der in der Idee hinter der solidarischen Landwirtschaft steckt, treten in der Realität doch Schwierigkeiten auf. So ist der wöchentliche Gemüseanteil eine Art Wundertüte. Man weiß nie genau, wie viel und welche Art von Gemüse man eigentlich bekommt, hat also keine „Planungssicherheit" beim Kochen und muss nehmen was gerade da ist. Zudem ist die Zusammensetzung des Anteils sehr stark saisonabhängig, was man vor allem im Winter deutlich spürt. Da gibt es dann eventuell vier bis acht Wochen nur Kartoffeln und Möhren, weil auf den Feldern nichts mehr wächst und sich nicht jede Art von Gemüse längere Zeit einlagern lässt. Das macht den zusätzlichen Einkauf im Supermarkt fast unausweichlich. Überdies kann die starke Gemeinschaft bei Solawis auch zum Zwang werden. Der Einzelne hängt mit an den Entscheidungen der Gruppe – welches Gemüse angebaut wird und wie viel davon. Wer die Freiheit des eigenen Gartens kennt, könnte diese vermissen.

Was bleibt, ist das Positive und die Stärke die aus dem Solidaritätsgedanken heraus entsteht: Bei Solawis werden Kosten, Ernte und Risiko solidarisch gemeinsam geteilt, Faktoren die der Landwirt bei konventionell betriebener Landwirtschaft alleine verantworten muss. Mit der von der Gemeinschaft gesicherten Abnahme und einer ertragsunabhängigen Finanzierung der landwirtschaftlichen Arbeit wird Solidarität praktiziert. Durch den Zusammenschluss von Abnehmern und Produzent plus dem Mitbestimmungsrecht bei der Frage, welche Sorten Gemüse angebaut werden sollen, wird das Angebot direkt mit der Nachfrage verknüpft. Dadurch wird eine Überproduktion vermieden und es werden keine Lebensmittel verschwendet.

Solidarische Landwirtschaft in Stuttgart

Bildergalerie - Eindrücke eines Hofeinsatzes auf dem Reyerhof

Für interessierte und engagierte zukünftige Solawis Mitglieder oder für alle Neugierigen, hier der Internetauftritt der Solidarischen Landwirtschaft in Stuttgart – http://www.solawis.de/

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Über den Autor

Ann-Kathrin Schröppel

Crossmedia Redaktion / Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014