Alternativer Lifestyle

Leben ohne Verpackung

21.01.2015

Auf Plastik zu verzichten – das ist für viele undenkbar, obwohl feststeht, dass dieses Material schlecht für Mensch und Umwelt ist. Raphael hat den Absprung gewagt. Seit einem Jahr lebt er ohne Plastik. Wie macht er das? Und was passiert, wenn er die heißgeliebte Jute doch mal vergisst?

Samstagabend – zur Bad Taste Party habe ich vor Wochen schon zugesagt. Eigentlich sollte ich mich meinem Artikel widmen: „Welche Alternativen gibt es zu Plastik?" Aber irgendwie hakt es und vielleicht finde ich in der bevorstehenden Geschmacklosigkeit Inspiration, rede ich mir ein. Das Thema geht mir dann doch nach; ich erzähle allen, die es interessiert, und auch jenen, die es vielleicht nicht so ganz interessiert, dass ich einen solchen Artikel schreiben will. Einer fühlt sich allerdings ganz besonders angesprochen: Raphael. Er hat einen langen, dunkelbrauen Bart, trägt eine große Hornbrille, raucht eine selbstgedrehte Zigarette – und lebt seit über einem Jahr ohne Plastik.

Kurzerhand beschließe ich mein Thema zu ändern und über ein Leben ohne Verpackungen zu schreiben. Raphael gibt mir seine Kontaktdaten und in der nächsten Woche führen wir ein Skype-Interview.

Zahnpasta kommt nicht nur aus der Tube

Raphael ist 25, kommt ursprünglich aus Stuttgart und studiert Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen. „Ich hatte anfangs nicht vor vollständig auf Plastik zu verzichten, das hat sich einfach so entwickelt”, erzählt er. „Ich habe einfach angefangen zu jedem Einkauf einen Jutebeutel mitzunehmen und nicht jedes Mal dort eine Plastiktüte zu kaufen, die ich danach eh nicht mehr verwenden kann.” Schon länger beschäftigt Raphael sich mit alternativen Lebensentwürfen; er wollte sich nie zur klassischen Konsumgesellschaft zählen. Als er dann eine Reportage über eine amerikanische Familie sieht, die ohne Kunststoffe lebt, entschließt er denselben Schritt zu gehen. „Man glaubt gar nicht, wie viel Plastik man Tag für Tag verwendet", sagt er. „Es geht ja schon bei der Zahnpasta los. Und beim Duschgel. Mein Mitbewohner trinkt zum Beispiel täglich Kaffee aus Kaffeekapseln."

Beim Einkaufen ging die Umstellung weiter. Zur Metzgerei brachte er Metallboxen mit, in denen er Fleisch und Wurst mit nach Hause nehmen konnte. Das ist mittlerweile allerdings hinfällig, denn mit dem Verzicht auf Kunststoff stellte sich unter anderem auch der Verzicht auf tierische Produkte ein. „Wenn man mal überlegt”, sagt er, „muss man auf nichts verzichten. Man muss nur seine Einstellung ändern, dann fällt einem auch vieles leichter.” Heute kauft Raphael Zahnpasta in Pastillenform und lässt sich Shampoo und Duschgel in einem veganen Laden in seine mitgebrachten Gefäße füllen.

Der Verzicht auf Plastik lässt ihn überlegter handeln. Neben seinem veganen Lebensstil hat er im letzten Jahr auch begonnen vieles gebraucht zu erwerben. „Man muss nicht immer alles neu kaufen. Sei doch mal ehrlich: brauchst du das alles, was du kaufst, wirklich?”

Vom Mineralwasser aus der PET– zum Leitungswasser aus der Glasflasche

Es sei schon komisch gewesen, den Mut aufzubringen „anders” zu sein, er habe auch oft schräge Blicke geerntet. Auf Ablehnung sei er allerdings nie gestoßen. Das erste Mal sei am schwierigsten gewesen. Er erinnert sich, dass er die Verkäuferin im Supermarkt gebeten hat, den gewünschten Käse in seine Metallbox zu packen. Diese Bitte hatte sie wohl vorher noch nicht gehört, kam ihr aber nach. Auch völlig Profanes fällt seinen Mitmenschen auf. „Mich haben oft Freunde gefragt, warum ich denn eine Wasserflasche aus Glas mit mir ’rumschleppe, eine Plastikflasche sei doch viel leichter.” Der Grund dafür liegt auf der Hand: PET-Flaschen stellen ein gesundheitliches Risiko dar: aus dem Kunststoff sollen hormonähnliche Substanzen in die darin gelagerte Flüssigkeit transportiert werden. Diese Stoffe nennt man Umwelthormone. Studien bestätigen, dass Wasser aus Kunststoffflaschen häufiger und höher hormonell belastet ist. Raphael erklärt das seinen Freunden und erreicht damit, dass einige auch auf Glasflaschen umsteigen. „Eine Flasche reicht mir auch völlig aus. Ich fülle die immer wieder auf. Leitungswasser wird ohnehin besser kontrolliert als herkömmliches Mineralwasser.”

Belastung für Mensch und Umwelt

Plastik belastet unsere Umwelt; laut Umweltschutz bleibt eine Plastiktüte zwischen 100 und 400 Jahren auf der Erde zurück. Aber auch für den Menschen kann die Nutzung gesundheitliche Folgen haben. Sogenannte Weichmacher gelangen über Plastikmüll in die Nahrungskette. Eine Risikobewertung der EU-Kommission besagt, dass diese krebserregend sind und das Erbgut verändern können. Außerdem sollen sie Unfruchtbarkeit verursachen. Das Umweltbundesamt empfiehlt, auf abgepackte Lebensmittel zu verzichten. Diese Informationen sind Raphael bekannt. Ihm geht es nicht nur um seine Gesundheit, sondern auch um die Umwelt. „Man weiß ja nicht einmal, wohin mit dem ganzen Plastikmüll. Vor kurzem habe ich gelesen, dass zur Debatte steht, ihn ins All zu schießen. Da bin ich echt froh, dass ich einen Weg gefunden habe, ganz gut auf das Zeug zu verzichten."

Allerdings ist es schwierig vollständig auf Kunststoff zu verzichten. In Raphaels WG steht eine Spülmaschine, die auch er benutzt – die meisten Elektrogeräte enthalten Plastik. Sein Smartphone will der Student auch nicht missen. Und eins der wichtigsten Dinge für ihn ist seine Kamera: eine Hasseblad 500 c/m.

Zum Schluss frage ich, was denn eigentlich passiert, wenn er seine Jute mal vergisst, wenn er seinen Einkauf erledigt. „Das passiert eigentlich ziemlich selten. Aber es gibt ja zum Glück auch Papiertaschen. Und auch ohne die komme ich aus: Man kann ja schließlich auch etwas mit den Händen tragen. Ganz ohne Tüte.”

So viel Plastik verbrauchen die Deutschen (Infografik: Patricia Schaller, Quelle: Umweltbundesamt)

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Über den Autor

Patricia Schaller

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014