Entwicklungshilfe

Leben zwischen zwei Kulturen

20.01.2016

Berglandschaften. Terrassenreisfelder. Auf dem nächsten Foto Kinder mit mongolischem Aussehen vor einer Bambushütte. Katrin betrachtet das Bild und lächelt, ihre Augen leuchten. Ein Gefühl von Heimweh? In Deutschland ist sie zurzeit nur auf Durchreise, um ihr Visum für Nagaland zu verlängern. Die junge Deutsche lebt seit drei Jahren in dem indischen Bundesstaat, wo sie sich als Freiwillige in der Slumarbeit engagiert.

„Ich glaube, dass jeder Mensch eine Aufgabe in seinem Leben hat", sagt Katrin, die ihren vollen Namen aufgrund ihres befristeten Visums nicht im Internet lesen möchte. Sie sitzt während des Interviews aufrecht auf dem Stuhl, die Beine hat sie locker übereinandergeschlagen. Sie streicht sich ihre langen blonden Haare hinter das Ohr und beginnt zu erzählen.

Katrin wächst in einem kleinen Dorf in Süddeutschland auf. Nach ihrem Realschulabschluss macht sie eine Ausbildung zur Winzerin, mit dem Gedanken, das Weingut des Großvaters zu übernehmen. Während dieser Zeit findet Katrin zum christlichen Glauben – ihr Leben habe sich damit grundlegend verändert: „Ganz andere Dinge waren plötzlich für mich wichtig. Ich wollte Menschen dienen, die weniger privilegiert sind, also weniger haben als ich." Die junge Frau möchte auch im Beruf „näher am Menschen dran sein" und beginnt eine Ausbildung zur Kosmetikerin. „Hier konnte ich dem Kunden zuhören oder auch mal Mut zusprechen." Vor allem aber hätte sie gelernt, auf Menschen zuzugehen und Berührungsängste abzubauen. „Das war schon eine perfekte Vorbereitung für Nagaland, denn dort muss man mit Menschen einer ganz anderen Kultur zurechtkommen."

Liebe auf den ersten Blick

Der erste „Kulturschock" erfolgt, als Katrin für ein halbes Jahr nach Uganda reist, um dort in einem Waisenhaus einen Freiwilligendienst zu absolvieren. „Dann wusste ich aber, ich bin noch nicht vorbereitet für so eine Aufgabe, ich muss mich noch verändern und fester im Glauben werden." Nach vier Jahren habe sie gespürt, „dass es soweit ist." In der Zeit habe sie viel gebetet und letztlich „ein inneres Drängen" gespürt. Katrin kündigt ihren Job und belegt Seminare an einer Schule in Lüdenscheid, die sie für Arbeitseinsätze im Ausland schulen soll. Hier lernt sie ein Ehepaar kennen – sie ist Deutsche und er Naga, „also ein Einheimischer aus Nagaland". Die beiden zeigen der jungen Frau Bilder von seiner Heimat. „Unter welchen Umständen die Menschen dort leben, hat mich sehr beeindruckt." Als Katrin 2011 mit dem befreundeten Ehepaar erstmals nach Nagaland reist, ist es Liebe auf den ersten Blick: „Ich wusste, dass es das richtige Land ist, in dem ich mich ein paar Jahre engagieren will." Vor allem die Armut der Menschen habe sie berührt. Die Straßen in den Städten sind nicht geteert. In Slumgebieten leben überwiegend Einwanderer aus Bangladesch. Aber nicht nur in ärmeren Gegenden, auch zwischen den Häuserblöcken der Mittelschicht stehen Hütten aus bloßem Bambus. „Die ganze Familie lebt zusammen in nur einem Wohnraum, dessen Boden nur mit Erde bedeckt ist." Die Schere zwischen Arm und Reich könnte nicht deutlicher sichtbar sein. „Am Anfang war es sehr schwierig für mich, Armut und Reichtum dicht nebeneinander zu sehen."

Entscheidung für die neue Heimat

Was Männer betrifft, war sich Katrin immer sicher, sie heirate einen deutschen Mann. „Ich habe aber gemerkt, dass Nagas sehr sanfte und sensible Menschen sind – und die Männer sind wahre Gentlemen, da können sich die Deutschen echt was abgucken", die 30-Jährige lacht, sodass sich Grübchen bilden. Ihren Freund Akihito trifft Katrin das erste Mal bei einem Auftritt mit seiner Band. Als die Deutsche in seinem Café Catering für eine Essensausgabe im Slumgebiet bestellt, sehen sich die beiden wieder. Katrin und Akihito werden ein Paar. „Ich dachte am Anfang, ich würde irgendwann wieder nach Deutschland zurückkommen. Ich wusste aber, wenn ich mich für Akihito entscheide, muss ich mich auch dafür entscheiden, für immer in Nagaland zu bleiben. Er kann sich ein Leben in Deutschland nicht vorstellen – und ehrlich gesagt könnte ich das auch nicht."

Auch weil das Paar gemeinsam ein Projekt aufgebaut hat: An einem ehemaligen Drogenumschlagplatz in einem ärmlichen Stadtviertel eröffnet das Paar ein Café. Das Café schafft für diese Gegend wichtige Arbeitsplätze. Katrin bietet hier auch ein Kinderprogramm an, mit Spielen und erzieherischen Maßnahmen.

In Nagaland gibt es keine Schulpflicht, die jährliche Schulgebühr beträgt 150 Euro pro Kind. Über Spenden ermöglichen Katrin und ihr Team derzeit 15 Kindern den Schulbesuch, sie ist dabei gleichzeitig der Ansprechpartner für die Lehrer. Von der Schule bekommt Katrin das Feedback, dass sich die Kinder in ihrem Verhalten schon sehr verbessert haben. „Hier fällt mir eine schöne Geschichte ein. Vor unserem Café ist ein Baum umgefallen und die Mitarbeiter haben versucht die Straße freizubekommen. Ich kam dann dazu und habe mit einem Besen die Äste weggefegt. Als die Kinder mich sahen, kamen sie sofort angerannt und haben angefangen, die Äste zusammenzulesen. In Nagaland übernehmen die Jüngeren für die Älteren solche Arbeiten. Da habe ich gemerkt, sie respektieren – und sie lieben mich." Die junge Frau lächelt, ihre grünen Augen strahlen Zufriedenheit aus – Angekommensein.

Leben in Nagaland

Katrin schildert ihre persönlichen Eindrücke aus Nagaland. Fotos: privat

Eine zweite Familie

Trotz der Herzlichkeit der Nagas vermisst Katrin ihre Familie und Freunde: „Wenn etwas in Deutschland passiert, ist es schon hart, so weit weg zu sein. Zum Beispiel als mein Opa letztes Jahr gestorben ist, wäre ich gerne für meine Familie vor Ort dagewesen." Die junge Frau versucht trotz der großen Distanz mindestens einmal im Jahr nach Deutschland zu kommen. „Auch meine Einstellung zu meiner Familie hat sich verändert, man kümmert sich mehr." Denn Beziehungen seien in Nagaland wichtiger als Leistung. In Akihitos Familie ist Katrin als Familienmitglied akzeptiert, sie sei für sie zu einem Familienersatz geworden. Seine Familie gehört dem Naga-Stamm Sumi an. In dieser Sprache unterhalten sie sich untereinander. „Ich möchte Sumi verstehen, weil ich mich schon ein bisschen ausgegrenzt fühle, wenn ich nicht mitreden kann." Mitreden ist der jungen Frau sehr wichtig. Es sei in der heutigen Generation zwar selbstverständlich, dass Frauen in Nagaland arbeiten. „Trotzdem ist der Mann das Oberhaupt und gibt die Richtung an. Akihito und ich entscheiden aber viele Dinge gemeinsam." Schwer tut sich Katrin eher darin, wenn sich die Familie des Freundes in die Beziehung einmischt. „Das muss ich dann schon mal schlucken". Zum Beispiel plant in Nagaland die ganze Familie die Hochzeit, „da will ich aber auch mitentscheiden". Andererseits ist es Katrin ist wichtig, sich in die fremde Kultur zu integrieren. Nur so werde man akzeptiert. Deshalb versucht die Deutsche, sich in solchen Situationen zurückzunehmen und Kompromisse einzugehen.

Tägliche Stromausfälle, ein zementierter Boden, ein Plumpsklo, kaltes Wasser aus dem Ringbrunnen, keine Heizung in kühlen Wintermonaten. Das ist immerhin der Standard der Mittelschicht in Dimapur. Katrin sagt, sie sei nicht mit dem Gedanken nach Nagaland gegangen, so wie in Deutschland leben zu wollen. Nur mit dieser Einstellung hätte sie sich an die Umstellung gewöhnen können. „Klar, wenn ich in Deutschland bin, stehe ich erstmal eine halbe Stunde unter der heißen Dusche", die junge Frau schmunzelt und wird wieder ernst: „Ich denke der Schlüssel ist glücklich und zufrieden zu sein, mit dem, was man hat. Man sollte nicht darauf schauen, ob andere mehr haben, sondern realisieren, dass andere noch weniger haben als ich."

Eine Übersicht mit Daten, Zahlen und Fakten zu Nagaland. (Quelle: Eigene Darstellung; Erstellt von Joelle Mittnacht via piktochart.com)

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Über den Autor

Joelle Mittnacht

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016